Ärzte Zeitung online, 16.12.2008

Erfolgreiche Transplantation von Insulin-Zellen in der Uni Tübingen

TÜBINGEN (eb). Im Universitätsklinikum Tübingen sind jetzt einem Patienten Insulin-produzierende Zellen (Inselzellen) transplantiert worden. Dem Patienten geht es zehn Tage nach dem Eingriff gut, wie die Uni mitteilt. In Deutschland wird diese Transplantation bislang nur an einem weiteren Klinikum, nämlich der Uni Gießen, vorgenommen.

Als erstes Zentrum in Deutschland hat Tübingen eine Zulassung zur Inselzellgewinnung nach dem Arzneimittelgesetz. Das heißt, die Verwendung der in Tübingen präparierten Inselzellen ist auch in anderen Krankenhäusern erlaubt.

Inselzelltransplantationen sind eine Chance für den Teil von schwer kranken Diabetes-Patienten, für die eine Bauchspeicheldrüsen-Transplantation nicht infrage kommt. Der 41-jährige Patient aus Stuttgart ist schon seit seinem dritten Lebensjahr auf die Insulinspritzen angewiesen, da er an einer besonders schweren Verlaufsform des Typ-1-Diabetes leidet.

Seine Nieren versagten, eine wurde Anfang des Jahres transplantiert. Als Folge seiner Erkrankung erblindete er auf einem Auge, seine Herzkranzgefäße und anderen Schlagadern sind so in Mitleidenschaft gezogen, dass die Transplantation einer ganzen Bauchspeicheldrüse nicht infrage kam- es wäre zu riskant gewesen.

Eine Behandlung nur mit Insulin-Spritzen reichte für ihn aber nicht aus, um die starken Blutzuckerschwankungen zu verhindern, die immer wieder dazu führten, dass er als Notfall in die Klinik eingeliefert wurde.

Am 4. Dezember 2008 verpflanzten Dr. Peter Petersen, Chirurg und Transplantationsbeauftragter des Uniklinikums Tübingen und der Radiologe Professor Gunnar Tepe erstmals in Tübingen Insulin-produzierende Zellen der Bauchspeicheldrüse.

Möglich wurde dies durch die Zusammenarbeit der Universitätskliniken für Allgemeine, Viszeral- und Transplantationschirurgie (Leitung Professor Alfred Königsrainer), der Uni-Klinik für Radiologie (Leitung Professor Claus D. Claussen) und der Transfusionsmedizin (Direktor Professor Hinnak Northoff), die für die Gewinnung der Inselzellen zeichnet.

Inselzelltransplantationen sind ohne Operation möglich

Inselzelltransplantationen sind ohne Operation möglich - die Zellen werden unter Röntgenkontrolle bei lokaler Betäubung in die Pfortader der Leber gespritzt. Mit dem Blutstrom verteilen sich die Inseln in den Lebergefäßen und verbleiben dort. Wie bei anderen Organtransplantationen müssen Empfänger und Spender nach bestimmten Gewebemerkmalen ausgewählt werden, um eine größtmögliche Übereinstimmung zu erreichen. Der Eingriff kann auch bei Patienten durchgeführt werden, denen eine risikoreichere Operation nicht zugemutet werden kann.

Im Gegensatz zur Transplantation einer ganzen Bauchspeicheldrüse führt die Inselzelltransplantation in der Regel jedoch nicht zur dauerhaften Unabhängigkeit von Insulin. Die Stoffwechsellage kann aber deutlich stabilisiert werden.

Dem Patienten geht es zehn Tage nach der Transplantation gut

Dem aus Bosnien stammenden Patienten geht es zehn Tage nach der Transplantation gut. Das Krankenhaus verlassen darf er, sobald die Immunsuppressiva- und die Blutzuckereinstellung entsprechend dem Insulinbedarf stabil sind. Ob weitere Inselzell-Infusionen notwendig werden, wird die Zukunft zeigen.

"Wie viele solcher Transplantationen künftig in Tübingen durchgeführt werden, ist schlecht abschätzbar", so der Chirurg Petersen, "nur für Patienten, die unter schweren Unterzuckerungen eines instabilen Typ-1-Diabetes leiden, die sie ohne fremde Hilfe nicht mehr bewältigen können, für die aber das Operationsrisiko einer Pankreas-Organtransplantation zu hoch wäre, kommt diese Methode infrage."

Inselzellgewinnung in Tübingen

Bisher wurden Inselzelltransplantationen in Deutschland nur in Gießen vorgenommen. Am Universitätsklinikum Tübingen wurde die Methode der Zellisolation durch langjährige Vorarbeiten zunächst an Bauchspeicheldrüsen von Schweinen entwickelt und später an Bauchspeicheldrüsen von Menschen verfeinert. Jetzt hat Tübingen als erstes Zentrum in Deutschland die Zulassung zur Inselzellgewinnung nach dem Arzneimittelgesetz.

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