Ärzte Zeitung, 18.05.2010

Hypoglykämien - Teil 4: Was ist zu tun? Was soll man lassen?

Fünf Maßnahmen helfen gegen Hypoglykämien: Dosierung der Bewegung, Anpassung der Ernährung, Auswahl der richtigen oralen Antidiabetika, Berücksichtigung der Insulinanaloga und Einsatz der Blutzuckerselbstkontrolle.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Körperliche Bewegung senkt den Blutzucker außer bei Ketoazidosen. In der Schulung werden Diabetiker darauf hingewiesen, da vor allem insulinspritzende Patienten im Hinblick auf notwendige Dosisreduzierungen vor Muskelarbeit informiert sein müssen. In der Diätetik hat eine wesentliche Bedeutung, dass Alkohol die Glukoneogenese behindert und damit zu schweren Hypoglykämiem führen kann. Musterbeispiel: junger Typ-1-Diabetiker, der beim Disco-Besuch am Abend viel körperliche Tätigkeit leistet, Alkohol trinkt und womöglich seine Spätmahlzeit vergisst. Bei ihm ist die nächtliche Hypoglykämie geradezu vorgezeichnet.

Professor Hellmut Mehnert

Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechsel­krankheiten - diesen Themen widmet sich Professor Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren. 1967 hat Mehnert die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht. Er hat auch das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland ins Leben gerufen. Mehnert ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Immer wieder stößt man auf schwere, ja lebensgefährliche Hypoglykämien bei Tabletten-behandelten Typ-2-Diabetikern. Diese Komplikation geht ganz zu Lasten der wirklich "lebensgefährlichen" Sulfonylharnstoffe, besonders des so stark und oft auch zur Unzeit wirkenden Glibenclamid. Gerade bei alten Patienten kommt es beim Fehlen von Nahrungszufuhr häufig zu Glibenclamid-induzierten Hypoglykämien, die bis zu Apoplexie oder Tod führen können. Ein gewisses Risiko bieten fast alle insulinotropen Substanzen, hingegen nicht Metformin, Acarbose und Glitazone, die extrapankreatisch wirksam sind. Wichtig ist nun, dass vor drei Jahren neue insulinotrope Antidiabetika vom Typ der oralen DPP4-Hemmer (Sitagliptin, später Vildagliptin und Saxagliptin) sowie injizierbare GLP1-Mimetika (Exenatide und jetzt auch Liraglutide) eingeführt wurden. Alle bedienen sich des Inkretinkonzeptes und behindern den Abbau des körpereigenen GLP1 oder kosten indirekt durch GLP1-ähnliche Effekte die Vorteile der Inkretine voll aus. Es handelt sich bei diesen Substanzen um intelligente Pharmaka, da sie die Insulinsekretion nur anregen, wenn der Blutzucker erhöht ist. Hypoglykämien sind unter diesen Substanzen nicht möglich, es sei denn sie werden mit Sulfonylharnstoffen oder mit Insulin kombiniert. Interessant ist jetzt die Kombination Sitagliptin und Langzeitinsulin, da bei Abfall des Blutzuckers das Gliptin nicht mehr insulinotrop wirkt, sondern die Glukagonsekretion erhöht und so in Grenzen einer Hypoglykämie entgegenwirkt.

Von großer Bedeutung im Hinblick auf die Reduzierung von Hypoglykämien sind zweifellos die Insulinanaloga geworden. Dies gilt sowohl für eine intensivierte Behandlung mit kurz wirkenden Analoga (Lispro, Aspart, Glulisin), bei denen die Insulinwirkung in den nahrungsfreien Intervallen kaum vorhanden ist, als auch vor allem für die Langzeitanaloga Glargin und Detemir. Die LAPTOP-Studie hat unter anderen gezeigt, dass bei der basaluntersützten oralen Therapie, etwa mit Glargin und Metformin, im Vergleich zu Mischinsulin bei Typ-2-Diabetikern weniger Hypoglykämien auftraten.

Das Vermeiden von Hypoglykämien steht und fällt mit der Selbstkontrolle der Patienten, die aus kassentechnischen Gründen ja oft sehr erschwert ist. Aber: Das frühe Erkennen der Hyperglykämie und vor allem der Hypoglykämie bessert die Einstellungsmöglichkeiten erheblich.

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