Ärzte Zeitung online, 03.08.2010

Diabetes-Experten warnen vor Stammzelltherapie

BERLIN (eb). Das Kompetenznetz Diabetes mellitus und die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) haben in einem offenen Brief an die Bezirksregierung Köln erhebliche Bedenken gegen deren Genehmigung von Stammzelltherapien bei Diabetes-Patienten geäußert.

Diabetes-Experten warnen vor Stammzelltherapie

Auch Diabetiker hoffen, künftig von Stammzell-Transplantationen zu profitieren. Doch Experten warnen vor solchen Therapien: Die Wirksamkeit sei bislang nicht belegt.

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Eine Wirksamkeit der Behandlung ist nach Einschätzung der Experten wissenschaftlich nicht belegt. Die Patienten würden durch hohe Kosten belastet. Eine Schädigung der Gesundheit durch Nebenwirkungen sei nicht auszuschließen, heißt es in einer Mitteilung der DDG und diabetesDE.

Anlass des Briefes ist die Genehmigung für die Entnahme von Knochenmark und eine Freigabe von Stammzellpräparaten zur autologen Anwendung bei Typ-1- und Typ-2-Diabetikern. Im Labor werden die Stammzellen isoliert, aufbereitet und in die Bauchspeicheldrüse transplantiert. Dort sollen sie sich oder andere Zellen in Insulin produzierende Betazellen verwandeln. Nach erfolgreichen tierexperimentellen Studien ist diese Behandlungsform ein viel versprechender Ansatz, um zukünftig Diabetes mellitus zu heilen. "Derzeit gibt es jedoch keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse, dass Patienten von einer solchen Therapie profitieren", kritisieren Professor Anette-Gabriele Ziegler aus München, Sprecherin des Kompetenznetzes Diabetes mellitus, und DDG-Präsident Professor Thomas Danne aus Hannover.

Bei Menschen ist die Therapie bisher nicht gelungen. Erst kürzlich ist in Spanien eine Studie nach drei von zehn geplanten Patienten abgebrochen worden: Die in die Bauchspeicheldrüse transplantierten Zellen hatten die Insulinproduktion nicht steigern können. Beim Typ-1-Diabetes mellitus liegt außerdem eine Autoimmunerkrankung vor, bei der Abwehrzellen des Körpers die Betazellen zerstören. "Diese aggressiven Zellen sind weiter im Körper vorhanden. Sie bedrohen auch später transplantierte Stammzellen", berichten die Experten. Verhindern ließe sich dies, wenn die transplantierten Zellen so verändert würden, dass das Immunsystem sie nicht mehr erkennt. Dies ist nach Auskunft von Ziegler und Danne bisher nicht gelungen. Die Alternative bestehe darin, die Autoimmunreaktion durch Medikamente einzudämmen. Dies sei nur mit erheblichen Nebenwirkungen für den Patienten möglich, warnen die Experten.

"Solange Nutzen und Risiken der neuen Stammzelltherapie nicht bekannt sind, sollte sie nur im Rahmen von klinischen Studien durchgeführt werden", fordern Ziegler und Danne. Sie bitten deshalb die Bezirksregierung Köln um eine Erklärung, wie es zur Zulassung der Therapie für das Unternehmen XCell-Center gekommen ist. Die private Klinik für regenerative Therapien mit Standorten in Düsseldorf und Köln bietet die Therapie weltweit an. Die Kosten liegen zwischen 7500 und 10 500 Euro und werden, soweit bekannt, nicht von den Krankenkassen übernommen.

Infos zur Stammzelltherapie vom Anbieter: www.xcell-center.de

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