Ärzte Zeitung online, 15.06.2011
 

Blutdrucksenkung bei Diabetes: 130 mmHg und nicht tiefer!

Bei Typ-2-Dabetikern ist ein systolischer Blutdruck von 130 bis 135 mmHg als Zielwert für die Blutdrucksenkung völlig ausreichend. Eine noch stärkere Senkung kann nach Ergebnissen einer neuen Metaanalyse zwar im Einzelfall das Schlaganfallrisiko weiter reduzieren - sie erhöht aber auch das Risiko schwerer Nebenwirkungen.

Blutdrucksenkung bei Diabetes: 130 mmHg und nicht tiefer!

Systolische Zielwerte im Bereich zwischen 130 und 135 mmHg sind bei den meisten Diabetikern das Optimum bei der Blutdruckeinstellung, bekräftigt eine US-Studie.

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NEW YORK (ob). Typ-2-Diabetiker mit Hypertonie haben ein hohes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Nach der Devise "je tiefer, desto besser" wurde bei ihnen deshalb bis vor kurzem eine relativ aggressive Blutdrucksenkung auf Werte unter 130/80 mmHg empfohlen.

Diese Empfehlung gründet auf Experten-Konsensus, aber nicht auf wissenschaftlicher Evidenz. Studiendaten, die diese Empfehlung stützen, gibt es nicht: Mit den empfohlenen niedrigen Zielwerten ging man mutig über das hinaus, was in Studien selbst bei Patienten mit "intensiver" Therapie je an Blutdrucksenkung erreicht worden war.

Aggressive Blutdrucksenkung hatte keinen relevanten Nutzen

In der ACCORD-Studie ist es dann gelungen, den systolischen Blutdruck von Typ-2-Diabetikern auf ein den Empfehlungen entsprechendes Niveau zu senken (119 mmH mit intensiver Therapie, 133,5 mmHg mit der Standardtherapie).

Einen relevanten Nutzen hatte die aggressivere Blutdrucksenkung nicht: Die Rate kardiovaskulärer Ereignisse wurde im Vergleich zur Standardtherapie (Zielwert < 140 mmHg) nicht weiter reduziert.

In Übereinstimmung mit den europäischen Hypertonie-Leitlinien hat sich daher auch die Deutsche Hochdruckliga für weniger scharfe Zielblutdruckwerte ausgesprochen. Sie empfiehlt jetzt bei Diabetikern einen Zielkorridor von 130 - 139 / 80 - 85 mmHg, wobei das Optimum im unteren Bereich liegt.

US-Metaanalyse dient als Beweis

Dass sie damit vermutlich goldrichtig liegt, zeigt eine neue Metaanalyse der Arbeitsgruppe um den Hypertonie-Experten Professor Franz Messerli aus New York (Circulation online). Sie hat die gepoolten Daten von 13 randomisierten klinischen Studien ausgewertet, an denen insgesamt 37736 Patienten mit Typ-2-Diabetes oder gestörter Glukosetoleranz beteiligt waren.

In allen Studien ist jeweils eine intensivere systolische Blutdrucksenkung (≤ 135 mmHg) mit einer weniger intensiven Therapie (≤ 140 mmHg) verglichen worden.

Die intensivere Blutdrucksenkung war mit einer Reduktion der Gesamtsterberate um 10 Prozent und der Schlaganfallrate um 17 Prozent im Vergleich zur Standardtherapie assoziiert. Dieser Nutzen war überwiegend in Studien zu beobachten, in denen der erreichte systolische Blutdruckwert im Bereich zwischen 130 und 135 mmHg lag.

Bei stärkerer Senkung deutliche Zunahme schwerwiegender Nebenwirkungen

Bei noch stärkerer Senkung (≤ 130 mmHg) wurde zwar das Schlaganfallrisiko, nicht aber das Risiko für kardiale, renale oder mikrovaskuläre Ereignisse weiter reduziert. Der Preis für die noch stärkere Reduktion von Schlaganfällen war allerdings eine deutliche Zunahme schwerwiegender Nebenwirkungen.

Messerli und seine Kollegen halten deshalb systolische Zielwerte im Bereich zwischen 130 und 135 mmHg bei dem meisten Diabetikern für das Optimum bei der Blutdruckeinstellung. Nur bei Patienten mit besonders hohem Schlaganfallrisiko könne eine Reduktion auf 120 mmHg erwogen werden.

Lesen Sie dazu auch:
Bluthochdruck bei Diabetes: Senken, aber nicht übertreiben!

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