Ärzte Zeitung, 08.04.2012

Kommentar des Experten

Darum ist regelmäßige Blutzuckerselbstkontrolle so wichtig

Hohe Blutzuckervariabilität ist eine besondere Belastung für die Gefäße. Zu beachten ist auch immer die Normalisierung von Blutdruck und Lipiden.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

Selbstmessung ist wichtig, um Blutzuckerspitzen zu erkennen

© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Außer bei postprandialen Hyperglykämien werden die Gefäße besonders belastet, wenn die Blutzuckerwerte im Tagesverlauf stark schwanken.

Eine solche erhöhte Blutzuckervariabilität scheint für die Gefäße sogar schädlicher zu sein als einzelne Hypoglykämien, was zum Beispiel die Autoren der ACCORD-Studie angemerkt haben.

Hohe postprandiale Blutzuckerwerte sind dabei als Risikofaktor wichtiger als erhöhte Nüchternblutzuckerwerte. Vermieden werden müssen zum Beispiel starke Blutzuckerschwankungen mit nächtlichen Hypoglykämien.

Letztere können - wie fortlaufende EKG-Messungen ergeben haben - zu massiven Arrhythmien führen, die von Patienten oft nicht bemerkt werden.

Vorsicht bei Verordnung von Teststreifen

Strukturierte Blutzuckermessungen können dazu beitragen, die Glukosevariabilität zu verringern. Folgeschäden lässt sich so vorbeugen, wie Daten der ROSSO-Studie nahelegen.

Patienten ist daher eine regelmäßige Blutzuckerselbstkontrolle zu empfehlen. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Blutzuckerselbstkontrolle auch für nicht Insulin-spritzende Diabetiker.

Diesen Patienten können nur noch in Ausnahmen maximal 50 Teststreifen pro Quartal verordnet werden: zum Beispiel wenn der Stoffwechsel instabil ist, bei Stoffwechselentgleisungen, häufigen Hyper- oder Hypoglykämien oder wenn Blutzuckerwerte deutlich außerhalb des Zielbereichs liegen.

Auch die erstmalige Diagnose Typ-2-Diabetes, eine medikamentöse Ersteinstellung oder Umstellung bieten Anlass dafür. Auch wenn abzusehen ist, dass der Stoffwechsel entgleisen könnte - etwa vor Reisen oder während des Ramadan - dürfen Teststreifen weiter verordnet werden, ebenso bei Ersteinstellung oder Umstellung auf orale Antidiabetika von Patienten, die an Schulungen von Disease-Management-Programmen (DMP) teilnehmen.

Auch an Schwangere mit Diabetes lassen sich Teststreifen weiter verordnen. Zu empfehlen sind strukturierte Messungen, etwa einmal im Monat an drei aufeinanderfolgenden Tagen siebenmal täglich (vor und nach den Mahlzeiten sowie zur Nacht).

In der STeP-Studie senkten nicht mit Insulin behandelte Diabetiker mit solchen strukturierten Messungen ihren HbA1c deutlich stärker als Diabetiker ohne Selbstmessung.

Statine können in höheren Dosen zu Muskelschmerzen führen

Vaskuläre Schäden nehmen nach den Daten der UKPDS linear mit erhöhten Werten von Blutdruck, Lipiden und HbA1c zu.

Dies ist im Hinblick auf das HbA1c ein gewisser Widerspruch zu anderen Studien, bei denen eine "U-Kurve" aufgezeigt wurde: sowohl bei sehr niedrigen als auch bei hohen HbA1c- und Blutzuckerwerten nahmen dort die kardiovaskulären Schäden zu.

Möglicherweise wurden aber in der UKPDS Hypoglykämien nur sehr selten (zu selten?) registriert.

Wichtig für die Vermeidung von Gefäßkomplikationen ist die Normalisierung von Blutdruck und Lipiden. Gegen Dyslipoproteinämie sollten Statine und gegen Hypertonie bevorzugt ACE-Hemmer oder Sartane eingesetzt werden.

Wegen der zusätzlichen günstigen Effekte der Substanzen wird sogar diskutiert, ob grundsätzlich alle Diabetiker damit behandelt werden sollten. Außer der lipidsenkenden Wirkung stabilisieren Statine zum Beispiel auch Plaques in den Gefäßen und wirken einer Nephropathie entgegen.

Vor allem in höheren Dosen können Statine aber zu Muskelschmerzen bis hin zu Myopathien führen. Bei solchen Beschwerden ist es sinnvoll, die Dosis zu reduzieren und eventuell Ezetimib einzusetzen.

Besonders bei Nephropathie wirken ACE-Hemmer und Sartane günstig, wie Studien in verschiedenen Stadien der Nierenerkrankung gezeigt haben.

Bei ACE-Hemmern sind der lästige Husten und womöglich bei allgemeiner Anwendung auch hypotone Zustände zu beachten. Es ist daher nicht zu empfehlen, die Arzneien allen Diabetikern zu verabreichen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »

Rettungsgasse blockieren kostet 320 Euro

Länderkammer verschärft die Bußgeldhöhe, wenn Rettungsgassen nicht beachtet werden. mehr »

Palliativmedizin erfordert Zusatzqualifikation

Die Debatte um die Verpflichtung von Hausärzten zur Zusatzausbildung in Palliativmedizin schlägt hohe Wellen. In der KBV-Vertreterversammlung am Freitag wurde KBV-Vize Hofmeister nun grundsätzlich. mehr »