Ärzte Zeitung, 03.06.2013
 

Rauchen und Diabetes

Doppelte Attacke aufs Gehirn

Nicht erst im Alter schlagen kardiovaskuläre Risikofaktoren auf die Hirnleistung. Schon 35-jährige Raucher und Diabetiker schneiden in Kognitionstest schlecht ab.

Von Thomas Müller

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Rauchend vor dem Fernseher sitzen, dazu noch Bier und Chips, da lässt die Hirnleistung schon in jungen Jahren nach.

© Simone van den Berg / fotolia.com

GRONINGEN. Bis zum Herzinfarkt ist es noch lange hin und bis zur Demenz erst recht, wird sich so mancher übergewichtige Raucher denken.

Doch alles, was das Herzinfarktrisiko erhöht, schlägt offenbar auch aufs Hirn – und das nicht erst im Alter: Bereits bei 35-Jährigen ist die kognitive Leistungsfähigkeit reduziert, wenn sie ein hohes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall haben.

Darauf deutet eine Querschnittstudie von Forschern um Dr. Hanneke Joosten von der Universität in Groningen in den Niederlanden (Stroke 2013; online 2. Mai).

Die Forscher hatten bei einer Stichprobe von knapp 3800 Menschen unterschiedlichen Alters das kardiovaskuläre Risiko mithilfe des Framingham-Scores bestimmt (minus 5 bis plus 33 Punkte für das höchste Risiko). Zugleich ermittelten sie die kognitiven Fähigkeiten mit dem Ruff Figural Fluency Test (RFFT, 0 bis bestenfalls 175 Punkte) sowie dem Visual Association Test (VAT, 0 bis bestenfalls 12 Punkte).

Beim RFFT müssen die Probanden bestimmte Muster zeichnen, er erfasst vor allem exekutive Kontrollfunktionen. Der VAT zielt hingegen auf das Gedächtnis: Zwei Objekte werden zunächst zusammen gezeigt (etwa Affe und Hut), dann einzeln (nur Affe), und die Testperson muss das fehlende Objekt (Hut) benennen.

Das Alter der Probanden reichte von 35 bis 82 Jahren und lag im Schnitt bei 54 Jahren. Alle Teilnehmer hatten bislang keinerlei kardiovaskuläre Erkrankungen. Insgesamt zeigte sich eine inverse Beziehung zwischen Framingham-Score und RFFT sowie VAT: Je höher das kardiovaskukäre Risiko, umso schlechter war die kognitive Leistung.

Kognition leidet vor allem bei Typ-2-Diabetes

Teilnehmer mit einem Framingham-Wert unter 0 Punkten erreichten im Schnitt RFFT-Werte über 90 Punkten, solche jenseits eines Framingham-Scores von 20 Punkten lagen deutlich unter 50 Punkten im RFFT.

Der Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn man das unterschiedliche Bildungsniveau berücksichtigte, und er zeigte sich in allen Altersgruppen, ja er war in der jüngsten Gruppe der 35- bis 44-Jährigen sogar besonders stark ausgeprägt – hier waren die kognitiven Unterschiede zwischen Personen mit hohem und niedrigem kardiovaskulärem Risiko am gravierendsten.

Über alle Teilnehmer gemittelt nahm der RFFT um 1,5 Punkte ab für jeden Punkt, den der Framingham-Score zulegte. Ein ähnliches Bild ergab sich auch mit dem VAT.

Schauten sich die Geriater um Joosten die einzelnen Risikofaktoren genauer an, dann waren außer dem Alter nur ein Typ-2-Diabetes, ein niedriger HDL-Wert und Rauchen mit einer schlechten kognitiven Funktion assoziiert.

Beim Rauchen zeigte sich sogar eine Dosisabhängigkeit: Bei weniger als 16 Zigaretten pro Tag war der RFFT-Wert im Vergleich zu Nichtrauchern mit einem ansonsten vergleichbaren Risikoprofil um 2,4 Punkte niedriger, bei mehr als 16 Zigaretten um 3,4 Punkte. Ein Typ-2-Diabetes schlug mit minus 6,4 Punkten sogar noch stärker auf die Kognition.

Da viele kardiovaskuläre Risikofaktoren gerade in jungen Jahren vermeidbar sind, ließe sich durch einen Rauchverzicht und eine Lebensweise, die einem Typ-2-Diabetes vorbeugt, später vielleicht nicht nur ein Herzinfarkt oder Schlaganfall verhindern, sondern auch die kognitive Funktion im Alter verbessern, spekulieren Joosten und Mitarbeiter.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Der nicht so ferne GAU

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