Ärzte Zeitung online, 28.10.2013
 

Mehnert-Kolumne

Sieben vermeidbare Diabetes-Fehler

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

Sieben vermeidbare Diabetes-Fehler

© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Sieben gravierende Fehler sollten bei der Behandlung von Patienten mit Diabetes vermieden werden.

1. Schulungen werden vernachlässigt: Noch immer werden Typ-1- und vor allem Typ-2-Diabetiker nicht richtig geschult. Jede Diabetestherapie sollte aber mit einer Schulung beginnen! Es gibt mehrere gute Programme - etwa "Medias 2" für Typ-2- und "Primas" für Typ-1-Diabetiker.

2. Eskapaden bei der Ernährung: In der Ernährungstherapie müssen Extreme wie eine fast kohlenhydratfreie, stark fettreiche Ernährung ebenso vermieden werden wie das Gegenteil.

Unnötig sind die sogenannten diätetischen Lebensmittel, die aufgrund einer vernünftigen Gesetzgebung durch das Bundesgesundheitsministerium inzwischen auch so nicht mehr genannt werden dürfen.

3. Bewegung wird falsch bewertet: Patienten müssen zu der absolut notwendigen Bewegung beraten werden. Übertriebener Sport ist zu vermeiden (etwa zu schnelles Joggen oder zu lange Laufstrecken).

Oft sind Herz-Kreislauf und Gelenke eines Patienten vor Aufnahme eines Bewegungsprogramms nicht genügend ärztlich untersucht worden und die Bewegung wird nicht auf die körperliche Verfassung abgestimmt.

4. Metformin wird unterschätzt: Das Antidiabetikum Metformin ist der große Gewinner der UKPDS, der wichtigen Langzeitstudie mit über 5000 frisch manifestierten Typ-2-Diabetikern. Kontraindikationen von Metformin werden häufig überbewertet.

Die wirkliche Kontraindikation ist die Niereninsuffizienz! Die Substanz ist hervorragend mit anderen oralen Antidiabetika kombinierbar, was in den Leitlinien zu Recht empfohlen wird. Zu beachten ist auch der beobachtete antikarzinogene Effekt.

Von den insulinotropen Antidiabetika sollten Sulfonylharnstoffe immer seltener und dafür bevorzugt DPP-4-Hemmer (Gliptine) eingesetzt werden (keine Hypoglykämien!).

5. Falsche Ziele beim HbA1c: Zur Vermeidung von Hypoglykämien werden zu hohe Werte in Kauf genommen. Umgekehrt wird aber auch auf zu tiefe Werte hingearbeitet (HbA1c um 6 Prozent wie in der ACCORD-Studie). Damit werden Hypoglykämien riskiert. Herz und Hirn hassen Hypos!

Schwere Unterzuckerungen mit Fremdhilfebedarf fördern Infarkte und Demenz! Ob auch leichte Unterzuckerungen Schäden begünstigen, ist unklar.

Vor allem zu Beginn des Diabetes sollte eine etwas über der Normoglykämie liegende Einstellung anvisiert werden. Im Langzeitverlauf sind später bei Typ-2-Diabetikern mit kardiovaskulärer Vorschädigung mildere Kriterien zu wählen (HbA1c bis 8,5 Prozent).

6. Zu späte Insulinbehandlung: Nach Umstieg von oralen Antidiabetika auf Insulin oder auf die basal gestützte orale Therapie (BOT) können besonders alte Menschen mit Diabetes geradezu aufblühen.

Zu vermeiden ist eine allzu starke Gewichtszunahme. Natürlich kann man hier auch die Vorteile der Analoga ausnützen.

Unter "ISI" versteht man "incretin supported insulin therapy" (oder auch "insulin supported incretin therapy") - also die Kombination von Inkretin-Analoga mit einem lang wirkenden Insulin.

Die Kombination von Insulinanaloga (Wirkung besonders auf den Nüchternblutzucker) und GLP-1-Agonisten (Vermeidung postprandialer Spitzen) bewährt sich.

7. Glucozentrisches Weltbild: Zu vermeiden ist ein isoliertes Weltbild, bei dem nur auf Blutzucker und HbA1c gestarrt wird.

Die STENO-2-Studie hat gelehrt: Ärzte müssen sich ausreichend auch um die Behandlung von Hypertonie und Dyslipoproteinämie sowie um den Abbau von Übergewicht und den Einsatz von körperlicher Bewegung kümmern.

[29.10.2013, 17:50:39]
Tom Jeffrey Lohmann 
Neurologische Auswirkungen
Im Beitrag wird auf kardiovaskuläre Auswirkungen eingegangen und eine HbA1c von 8.5 mmol/l toleriert, welcher ja auch (kontinuierlich) hohe BZ-Werte wiederspiegelt. Damit haben sie vielleicht den Blutfluss und die Zuckerversorgung im Griff, schaden aber trotzdem kontinuierlich der "geistigen" Funktion. Zu hohe Zuckerspiegel fördern auch die Demenzentwicklung und vor allem auch die diabetische Polyneuropathie. Wissen sie wie es sich anfühlt, wenn 24 h am Tag die Füße kribbeln? Und der Sprung bis zur Taubheit ist dann auch nicht mehr weit. Vom Gefühl ähnlich als wären ihnen ständig die Füße eingeschlafen und das ein Leben lang. Verletzungen werden nicht bemerkt, sie stürzen häufiger (bzw. stolpern), damit steigt das Sturzrisiko und andere Verletzungen die da folgen können. Auch die gastroenteropathische und die nephropathische Schädigung sind nicht ohne. Es sollte zwischen all diesen möglichen späteren Folgen ein Kompromiss gefunden werden, wobei ein HbA1c von 8.5 mmol/l zu hoch ist. Man muss ihn ja nicht um die 6 mmol/l bekommen, aber zw. 6.5 und 7 mmol/l schon, aber eher zu 6.5 hin. Der hohe Zuckerspiegel löst zum Schluss durch die Schädigung der Gefäße, eine vaskuläre Demenz aus, damit ist dem Pat. auch nicht geholfen. Und bisher bin ich damit gut gefahren. zum Beitrag »
[29.10.2013, 15:42:50]
Iris Flöhrmann 
vermeidbare Fehler bei der Ernährung durch konsequente Nutzung von professioneller Diättherapie
Gebe Herrn Mehnert durchaus Recht: Am Anfang sollte eine Schulung stehen.
Das trifft nicht immer zu und besonders beim Typ2 ist es oftmals dann nur die ZI-Schulung an 5 Nachmittagen in der Hausarztpraxis. Dort (Zitat von vielen Patienten) "liest eine Praxismitarbeiterin die Kärtchen ab und kann weitergehende Fragen nicht beantworten".
Da aber das Esssen und Trinken für den dauerhaften Verlauf des Diabetes nunmal entscheidend ist, wäre es schon gut jemand hätte Zeit, Know how und Tipps zu geben,wie man bei vorhandenem Übergewicht denn nun hilfreich abnimmt, zu bestimmte Lebensmitteln und ihrer Eignung beim Diabetes.
Es wird dabei immer von Lebensstilveränderung gesprochen, aber wie diese Veränderung zu lernen und umzusetzen ist, soll der Diabetiker allein schaffen.
Wieviele von Ihnen werden auf die Möglichkeit einer professionellen Beratung durch Diätssistenten (Gesundheitsberuf) hingewiesen? Das ist durchaus möglich und ankreuzbar in den DMP-Programmen.Leider ist die Finazierung etwas umständlich.
Mit einer ärztlichen budgetneutralen Notwendigkeitsbescheinigung sind aber die meisten Kassen bereit ihren Versicherten diese Leistung zu bezuschussen. Dabei muss die Beratung professionell von Diätassistenten oder Oecotrophologen mit Fortbildungszertifikat durchgeführt werden.
Diabetesassistenten(Weiterbildung) oder Diabetesberater wären dafür nur geeignet, wenn sie die genannten Berufsausbildungen haben.

Sie können beurteilen,ob das konkrete Essen und Trinken in das eine oder andere Extrem abzielt, praktische Beispiele geben, mit vielen Vorurteilen zum Verzehr von Bananen,Ballaststoffen etc. aufräumen und eine langfristige Ernährungsumstellung erreichen und haben auch den Lipidstoffwechsel und die Eiweißzufuhr im Blick.
Der Effekt ist in der Regel ein zufriedener Patient, der ohne extreme Maßnahmen abgenommen hat und seinen HbA1c deutlich verbessert hat, oft auch Lipid-und Harnsäurewerte.

Iris Flöhrmann
Ernährungsberatung Stormarn
Sprecherin Fachgruppe "Amb. Diättherapie& Freiberuflichkeit" ds VDD.e.V zum Beitrag »

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