Ärzte Zeitung App, 16.01.2014

Experten-Kommentar

Insulin im Fokus der Forschung

Die Erforschung des Insulins als "Königin des Endokriniums" hat eine lange Geschichte.

Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

Insulin im Fokus von Endokrinologie und Diabetologie

© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Allein die überragende Bedeutung des Hormons Insulin ist der Beleg dafür, dass die Bereiche Endokrinologie und Diabetologie eine Einheit bilden. Um allen Fehldeutungen zu begegnen, wurde 2001 der Dachverband Endokrinologie/Diabetologie unter meinem Vorsitz gegründet.

Der Dachverband setzte damals bei den Ärztekammern durch, dass das Teilgebiet "Endokrinologie" in "Endokrinologie und Diabetologie" umbenannt wurde. Damit gibt es Klarheit: Die neue Einheit gehört eben zusammen und weder zur Gastroenterologie noch zur Kardiologie oder zur Angiologie.

Leider entscheiden sich heute zu wenige Ärztinnen und Ärzte für die anspruchsvolle Ausbildung zum Erwerb dieser neuen Schwerpunktsbezeichnung.

Immerhin sind viele Kollegen mit der Zusatzbezeichnung "Diabetologe DDG" zufrieden oder werden von den Kammern als besonders kompetent für die Behandlung zuckerkranker Patienten ausgewiesen.

Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) und der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) darauf hinzuwirken, dass genügend Endokrinologen/Diabetologen ausgebildet werden und, dass vor allem auch genügend adäquate Ausbildungsstätten - auch und gerade an den Universitätskliniken - zur Verfügung stehen.

Vor 50 Jahren erste Totalsynthese

Gleichsam ein roter Faden für all die Bemühungen ist die Erforschung des Insulins als "Königin des Endokriniums". Ein Meilenstein bei der Entwicklung neuer Optionen mit dem Hormon jährt sich 2014 zum 50. Mal: Dem Aachener Wissenschaftler Helmut Zahn - ebenso wie einer amerikanischen und einer chinesischen Arbeitsgruppe - gelang damals die erste Totalsynthese des (Rinder-) Insulins.

Die weitere Forschungs-Geschichte des Hormons ist atemberaubend:

- 1967 Erforschung der Biosynthese von Insulin und Proinsulin,

- 1976 erste Semisynthese von Humaninsulin aus Schweineinsulin,

- 1979 Vollsynthese des Humaninsulins,

- 1982 Einführung des Humaninsulins in die Therapie nach gentechnischer Synthese des Hormons durch apathogene Colibakterien und Hefen.

Neue Perspektiven durch Analoga

Konnte, nachdem Humaninsulin zur Verfügung stand, nun überhaupt noch etwas in der Insulintherapie verbessert werden? Mit der Entwicklung von kurz- und langwirkenden Analoga muss diese Frage eindeutig bejaht werden.

Unsere Insulin-Therapie leidet ja darunter, dass die Injektion zum falschen Zeitpunkt und am falschen Ort (nämlich nicht intraportal!) erfolgt. Lispro, Aspart und Glulisin werden als extrem kurzwirkende Hormonpräparationen ohne Spritz-Ess-Abstand oder sogar erst unmittelbar nach dem Essen verabreicht.

Die langwirkenden Analoga Glargin und Detemir führen wegen ihres flachen Wirkprofils im Vergleich zu NPH-Insulin signifikant seltener zu Hypoglykämien und zur Gewichtszunahme. Auch brauchen die - im Vergleich zur trüben NPH-Suspension - klaren Insuline im Pen nicht mehr geschwenkt zu werden (was viele Patienten nach Jahr und Tag sowieso nicht mehr tun und damit erhebliche Stoffwechselschwankungen unter NPH-Insulin verursachen).

Glargin hat darüber hinaus den Vorteil, dass es maßgeschneidert 24 Stunden wirksam ist und sich damit auch hervorragend für die BOT (basalunterstützte orale Therapie) oder die ISI (incretin supported insulin therapy oder insulin supported incretin therapy ) eignet.

Die große prospektive und randomisierte ORIGIN-Studie hat außerdem gezeigt, dass unter der Glargin-Behandlung weder kardiovaskuläre Komplikationen vermehrt auftraten, noch dass die Karzinogenese zunahm. Auch einen protektiven Effekt auf die Beta-Zellen legen die Studiendaten nahe.

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