Ärzte Zeitung, 10.09.2014

Mehnert-Glosse

Kurioses vom Diabetologen

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

Kurioses vom Diabetologen

© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Nach mehr als 120 ernsten Kolumnen in der "Ärzte Zeitung" soll dieses Mal ausnahmsweise auf zwei weniger ernste Episoden meines "Diabetologen-Lebens" eingegangen werden: Eine spielte in Amerika, die andere in München-Schwabing.

Aufenthalt an der Joslin-Clinic

Im Jahr 1957 hatte ich ein Stipendium für meine ärztliche Weiterbildung an dem Mekka der Diabetologie, der Joslin-Clinic in Boston im US-Staat Massachusetts erhalten.

Besonders imponierte mir von Anfang an, dass sich die damals größten Ärzte der Diabetologie - einschließlich des alten Dr. Elliott Proctor Joslin - nicht zu schade waren, Schulungen für ihre Patienten zu leiten und die Kurse durch eigene Referate und Fragestunden mit zu gestalten.

Dies war für mich, später nach meiner Rückkehr nach Deutschland, ein wichtiger Grund, ein Schulungszentrum für Diabetiker in München zu etablieren.

Lift mit Patienten blieb stecken

Am zweiten Tag meines Aufenthaltes in Boston - mein Englisch war fürchterlich - erhielt ich den Auftrag, eine Gruppe von Patientinnen und Patienten in die Cafeteria zum Abendessen zu geleiten.

Ich wusste nicht, dass diese Diabetiker alle zu diesem Zeitpunkt bereits Insulin gespritzt hatten und nun natürlich möglichst bald essen mussten. Wir stiegen in den Lift ein, ich drückte auf den Knopf, und der Aufzug blieb auf halber Höhe stecken.

Jetzt wurden die Patienten äußerst unruhig, eine ältere Frau klammerte sich an mich und rief: "Doctor, I need food". Ich einfältiges Greenhorn dachte, die Frau hat Recht, denn es ist ja Zeit zum Abendessen und antwortete: "Oh yes, I also need food!"

Besser Kohlenhydrate mitführen

Dies wollte sie nun eigentlich gar nicht hören. Gottlob setzte ein findiger Hausmeister den Lift nach wenigen Minuten wieder in Bewegung - zur Freude aller Insassen.

Was lernen wir daraus? Fahre nie mit Insulin spritzenden Patienten Lift, ohne eine entsprechende Menge Kohlenhydrate mitzuführen!

Neueinstellung bei Typ-1-Diabetes

Das zweite Erlebnis war schon dramatischer. Von einem kleinen Krankenhaus bekamen wir in das Krankenhaus München-Schwabing eine Patientin mit Typ-1-Diabetes zur Neueinstellung zugewiesen mit der gleichzeitigen Diagnose "Zustand nach Unterschenkelamputation rechts wegen Knochensarkom.

Verdacht auf peritoneale Aussaat mit ausgeprägtem Aszites. Begonnene Chemotherapie".

Die Frau aus Ungarn wurde aufgenommen, eine Ultraschalldiagnostik war damals noch nicht möglich. Bevor wir nun tätig wurden (womöglich Fortsetzung der Chemotherapie, Aszitespunktion) kam es plötzlich zur größten Aufregung auf der Station.

Die Frau hatte Wehen und brachte binnen Kurzem ein glücklicherweise gesundes Kind zur Welt. Das also war der sogenannte "Aszites"!

Insulinbedarf ging zurück

Unverständlich bleibt natürlich, warum die Mutter von zwei Kindern die Schwangerschaft nicht erkannt hatte. Wir kümmerten uns nun besonders um Mutter und Kind, der Insulinbedarf der Frau ging - wie üblich nach Entbindungen - drastisch zurück.

Der Diabetes ließ sich intensiviert (ICT) optimal einstellen und blieb auch weiter stabil.

Der Vater, ein liebenswerter, jetzt glücklicher Mann aus Ungarn, bedankte sich auf besondere Weise: Er versprach mir, dass der stramme Bub mir zu Ehren "Attila Hellmut" genannt werden sollte.

Dabei hatten wir uns mit der primären Akzeptanz der Fehldiagnose "Aszites" wirklich nicht mit Ruhm bekleckert …!

Soviel zur partiellen Erheiterung, aber auch zum Nachdenken für unsere Leser, die dieses Mal eine völlig andere Kolumne offeriert bekommen haben.

[10.09.2014, 11:32:29]
Dr. Doris Muck 
Augenzeuge
Als damalige Medizinalassistentin durfte ich die Chefvisite begleiten und sehe noch wie Prof. Mehnert äußerst fürsorglich und mitfühlend angesichts des fortgeschrittenen Zustands der Patientin ein kleines Kissen unter den dicken Bauch platzierte. Als Ehefrau eines Gynäkologen war ich ebenfalls über den Ausgang der Situation sehr überrascht, aber zur Entlastung sei gesagt, dass ich nicht auf der Station zuständig war.Diese Geschichte habe ich schon oft erzählt um vor Schubladendenken zu warnen. Dieser Frau ist nach der Bestrahlung gesagt worden, dass sie keine Kinder mehr bekommen könne. Daher hat sie die Kindsbewegungen auch nicht richtig gedeutet.
An dieser Stelle möchte ich Herrn Prof. Mehnert ganz herzlich grüßen in alter Verbundenheit! zum Beitrag »

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