Ärzte Zeitung App, 12.12.2014

Antibiotika bei Diabetes

Höheres Risiko für Unterzuckerung?

Jede achte Hypoglykämie bei älteren Diabetikern unter Sulfonylharnstoff-Therapie konnte in einer US-Studie auf die Einnahme bestimmter Antibiotika zurückgeführt werden.

Von Christine Starostzik

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Droht eine Hypoglykämie? Alte Menschen nehmen die Symptome oft nicht richtig wahr.

© Konstantin Sutyagin / fotolia.com

GALVESTON. Das erhöhte Risiko für Hypoglykämien unter der Therapie mit Sulfonylharnstoffen ist bekannt. Interaktionen der Antidiabetika mit bestimmten Medikamenten verschärfen das Problem aber.

Trisha Parekh und Kollegen von der University of Texas, Gaverston, haben in einer retrospektiven Kohortenstudie Daten des Krankenversicherers Texas Medicare aus den Jahren 2006 bis 2009 von Patienten im Alter von mindestens 66 Jahren analysiert (JAMA Intern Med 2014; 174: 1605).

Wegen ihres Typ-2-Diabetes wurden die Patienten mit Glipizid oder dem in Deutschland nicht zugelassenen Glyburid behandelt. Gleichzeitig hatte ihnen ihr Arzt wegen einer Infektion ein Antibiotikum verschrieben.

Fast 40 Prozent mussten in die Klinik

Parekh und Kollegen suchten nach Zusammenhängen zwischen den aufgetretenen Hypoglykämien und einzelnen Antibiotika. 39,8 Prozent der Hypoglykämien erforderten eine Klinikeinweisung. 60,2 Prozent konnten in einer Notfallstation ambulant versorgt werden.

In der multivariaten Analyse ergab sich, unter Berücksichtigung von Patientencharakteristika und Indikation für die Antibiotikatherapie, das höchste Hypoglykämierisiko in den ersten 14 Tagen für Clarithromycin (Odds Ratio, OR 3,96). Die Rate von Unterzuckerungen unter dem Antibiotikum war also fast vervierfacht.

Die Mediziner errechneten, dass einer von 71 mit Clarithromycin behandelten Diabetikern eine schwere Unterzuckerung erleidet. Im Vergleich zu Antibiotika ohne Hypoglykämiegefahr (zum Beispiel Amoxicillin oder Cephalexin) wurde auch für Levofloxacin (OR 2,6), Sulfamethoxazol-Trimethoprim (OR 2,56), Metronidazol (OR 2,1) und Ciprofloxacin (OR 1,6) ein erhöhtes Risiko festgestellt.

Als weitere Risikofaktoren für schwere Unterzuckerungen erwiesen sich unter anderem ein hohes Alter, weibliches Geschlecht, mehrere Komorbiditäten sowie bereits vorausgegangene Hypoglykämien.

Im Jahr 2009 waren insgesamt 140.174 Typ-2-Diabetiker mit Glipizid oder Glyburid behandelt worden. 28,3 Prozent von ihnen erhielten zusätzlich mindestens eines der fünf Antibiotika, die im Zusammenhang mit Hypoglykämien stehen.

Insgesamt waren 5541 Hypoglykämien aufgetreten, die eine Notfallbehandlung erforderlich machten (3,9 Episoden/100 Patienten/Jahr). Bei 13,2 Prozent der betroffenen Patienten war die Verschreibung eines Risikoantibiotikums vorausgegangen.

Unterzuckerung kostet viel Geld

Schließlich kalkulierten Parekh und Kollegen noch die Kosten, die durch diese Hypoglykämien verursacht wurden. Sie kamen auf zusätzliche 30,54 US-Dollar für jede einzelne Unterzuckerung.

Die Mediziner geben zu bedenken, dass mittlerweile mehr Diabetiker wegen schwerer Unterzuckerungen stationär behandelt werden müssten als wegen Hyperglykämien.

Um die Zahl dieser Ereignisse zu verringern, müsse der Einfluss interagierender Medikamente bei diesen Patienten stärker beachtet und die Verwendung entsprechender Antibiotika bei Therapie mit Sulfonylharnstoffen stärker eingeschränkt werden.

[12.12.2014, 13:30:49]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Es reicht endgültig mit den Sulfonylharnstoffen!
Keine andere Medikamentengruppe als die der Sulfonylharnstoffe (SH) hat weltweit eine derart negative Literatur und Datenlage: Unkontrollierbare Hypoglykämien, Wechsel- und Nebenwirkungen mit Medikamenten, schlechte Pharmakokinetik und Steuerbarkeit, desaströse Auswirkungen auf die verbliebene Pankreas-Homöostase, negative Auswirkungen auf das zu Grunde liegende Metabolische Syndrom usw. usf.

Die vorliegende Studie "Original Investigation | October 2014 | Hypoglycemia After Antimicrobial Drug Prescription for Older Patients Using Sulfonylureas" von Trisha M. Parekh et al. im JAMA bringt es mit vital bedrohlichen Wechselwirkungen auf den Punkt: Schlussfolgerungen und Relevanz - Die Verschreibung von wechselwirkenden Antibiotika bei Patienten, die Sulfonylharnstoffe einnehmen, ist sehr verbreitet und mit erheblicher Krankheitshäufigkeit und erhöhten Kosten verbunden ["Conclusions and Relevance - Prescription of interacting antimicrobial drugs to patients on sulfonylureas is very common, and is associated with substantial morbidity and increased costs"].

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinalprodukte (BfArM) hat auf Grund offensichtlich gefälschter Zulassungs-Studiendaten bei 80 Generika das Ruhen der Zulassung verfügt. Die betroffenen Medikamente dürfen bis auf weiteres nicht mehr in Apotheken verkauft werden. Studien, die vom indischen Auftragsforscher GVK Biosciences stammen, standen unter dem Verdacht, mit manipulierten Untersuchungsdaten gefälscht worden zu sein. http://www.bfarm.de/SharedDocs/Downloads/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Risikoinformationen/RisikoBewVerf/g-l/gvk-bioscience-liste-am.pdf?__blob=publicationFile&v=1
Stand: 10.12.2014, 19.45 Uhr 145/1 von 80 AMIS: Arzneimittel (AM29) © BfArM, BVL, PEI

Dasselbe muss nun endlich auch für die Sulfonylharnstoffe gelten: Deren Zulassungs-Studien sind hoffnungslos veraltet und unbrauchbar geworden, weil sie Spätfolgen nicht berücksichtigen konnten. Die aktuelle wissenschaftliche Literatur zeichnet ein verheerendes Bild einer völlig entgleisten Nutzen-Risiko-Relation. Die Kosten-Nutzen-Berechnung ist ebenso verheerend, weil klinisch relevante, schwere Komplikationen und Interventionen zu unabsehbaren Kostensteigerungen in Klinik und Praxis führen. Die sofortige Marktrücknahme a l l e r Sulfonylharnstoffe ist unumgänglich, um Gesundheitsgefahren bzw. Krankheits-Verschlimmerungen beim Typ-2-Diabetes mellitus abzuwenden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund. zum Beitrag »

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