Ärzte Zeitung, 08.10.2015

Mehnert-Kolumne

Wir brauchen mehr Daten zu Diabetes!

Die Diabetes-Prävalenz in Deutschland wird nur geschätzt, da es keine verlässliche Datenlage gibt. Wichtig ist auch, mehr für die Prävention zu tun.

Von Prof. Hellmut Mehnert

Prof. Hellmut Mehnert

Wir brauchen mehr Daten zu Diabetes!

© sbra

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden: Diesen Themen widmet sich Prof. Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Die Datenlage zur Epidemiologie von Diabetes ist in Deutschland in einem erschütternden Zustand. Belastbare Zahlen gibt es nicht, weil ein Diabetesregister fehlt, kritisiert mit Recht die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) und mahnt mehr Versorgungsforschung und Prävention an.

Schätzungen zur Diabetes-Prävalenz beruhen meist auf Hochrechnungen von Daten aus der Bevölkerung. Danach ist die Prävalenz von 7,4 Prozent im Jahr 2004 auf aktuell 8 Prozent angestiegen.

Die Dunkelziffer von noch nicht diagnostizierten manifesten Diabetikern soll noch einmal über 2 Prozent betragen, wie Professor Klaus-Dieter Palitzsch aus München berichtet hat. Hinzu kommen womöglich bis zu 10 Prozent Prädiabetiker, die naturgemäß der Diagnose über lange Zeit entgehen.

Weltweit wächst die Zahl der Typ-2-Diabetiker besonders stark, was hauptsächlich an dem verbreiteten ungesunden Lebensstil mit Fehlernährung und Bewegungsmangel liegt.

Extrem nehmen die Zahlen der Diabetiker in den Schwellenländern zu. Beispiel China: Dort soll es bereits rund 92 Millionen Diabetiker und 150 Millionen Prädiabetiker geben.

In Deutschland und anderen westlichen Ländern wächst auch die Zahl der Typ-1-Diabetiker, und zwar um knapp vier Prozent pro Jahr. Bei Kindern bis vier Jahre wird die jährliche Zunahme sogar mit 5,4 Prozent veranschlagt. Die Ursachen sind unklar.

Studie zur Typ-1-Prävention

Bei Typ-1-Diabetes könnte die FR1EDA-Studie Hinweise auf wirksame präventive Maßnahmen geben. In der Studie werden bayernweit bei allen Zwei- bis Fünfjährigen Autoimmunmarker zur Erkennung eines Typ-1-Prädiabetes bei den Vorsorgeuntersuchungen bestimmt. Bei positivem Test werden Eltern betroffener Kinder zu Diabetes beraten.

Erläutert wird, wie sich die gefürchteten dramatischen Anfänge der Erkrankung mit Ketoazidose und Exsikkose durch eine entsprechende Vorsorge vermeiden lassen. Auch können betroffene Kinder an prospektiven Studien zur Diabetesprävention teilnehmen, etwa mit Insulinimpfung.

Dabei soll mit Insulin als Antigen (oral oder nasal appliziert) die Entwicklung der Autoimmunerkrankung Typ-1-Diabetes verhindert werden.

Kritisch: Typ-2-Diabetes bei Kindern

Anders als bei Typ-1-Diabetes gibt es bei einem Risiko für Typ-2-Diabetes gut belegte Maßnahmen zur Prävention. Besonders auch bei der Ernährung muss angesetzt werden, wie die geringe Prävalenz von Diabetes in der Nachkriegszeit verdeutlicht.

So gab es 1948, als viele Menschen in Deutschland hungern mussten, nur etwa 0,2 bis 0,3 Prozent Zuckerkranke mit einer etwa gleichen Verteilung auf Typ-1- und Typ-2-Diabetes.

Besonders kritisch ist der wachsende Anteil von Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. Erste Fälle hatten wir bereits 1967 bei der größten Früherkennungsaktion auf Diabetes in München identifiziert, damals war das aber ein sehr seltenes Phänomen.

Heute sind bereits vier bis fünf Prozent der zuckerkranken Kinder und Jugendlichen Typ-2-Diabetiker. In den USA liegt diese Rate in manchen Staaten - abhängig von der Zugehörigkeit zu bestimmten ethnischen Gruppen wie Pima-Indianer - bereits bei bis zu 40 Prozent!

Besonders gefährdet sind adipöse Kinder und Jugendliche mit Bewegungsmangel und Typ-2-Familienanamnese. Viele Minderjährige sitzen heute ständig vor Fernseh- oder Computer-Bildschirmen. Sie gehen nicht mehr in Sportvereine und "mästen" sich mit zuckerhaltigen Getränken und hochkalorischen Speisen.

Zu fordern ist die Beratung von Eltern sowie Ernährungsunterricht in Schulen und Kindergärten. Auch sollte es in Schulen eine tägliche Sportstunde geben.

Ungesunde Lebensmittel und Getränke sollten in Schulen nicht mehr verkauft werden dürfen.

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