Ärzte Zeitung, 15.02.2017
 

Diabetes

Sind Blutdruck-Zielwerte zu hoch angesetzt?

Typ-2-Diabetikern wird ein Blutdruck-Grenzwert von 140 mmHg empfohlen. Bei niedrigeren Werten ist das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse aber deutlich verringert, berichten schwedische Forscher. Sie halten es für falsch, dass der ehemalige Grenzwert von 130 mmHg heraufgesetzt worden ist.

Von Peter Leiner

Leitlinien empfehlen bei Patienten mit Typ-2-Diabetes Zielwerte für den systolischen Blutdruck von unter 140 mmHg (diastolisch 80 mmHg). Die Entscheidung, den ursprünglich empfohlenen Druck von unter 130 mmHg zu erhöhen, basierte dabei auf Studiendaten, etwa aus der SPRINT- oder der ACCORD-BP-Studie. Danach bestand die Befürchtung, dass das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei besonders intensiver antihypertensiver Therapie mit sehr niedrigen Werten wieder steigt.

Dieses Phänomen haben nun Forscher um Dr. Samuel Adamsson Eryd vom "Centre of Registers Västra Götaland" in Göteborg in einer eigenen Studie nicht nachvollziehen können (BMJ 2016; 354: i4070). Sie haben dazu schwedische Registerdaten von mehr als 187.000 Typ-2-Diabetikern aus den Jahren 2006 bis 2012 ausgewertet. Die Patienten waren mindestens seit einem Jahr erkrankt und höchstens 75 Jahre alt und hatten bisher keine kardiovaskuläre Erkrankung gehabt.

Mit der Studie sollte geklärt werden, ob der Anstieg kardiovaskulärer Erkrankungen bei stark gesenktem Blutdruck auf Komorbiditäten beruht. Bei dem Phänomen geht nämlich sowohl eine zu starke als auch eine zu schwache Blutdrucksenkung mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen einher. Die Assoziation wird dabei mit einer J-förmigen Kurve für das kardiovaskuläre Risiko in Abhängigkeit von der Höhe es Blutdrucks beschrieben.

Für die Auswertung der Daten wurden die Studienteilnehmer abhängig vom Blutdruck in sechs Gruppen eingeteilt, und zwar:

- 110 bis 119 mmHg,

- 120 bis 129 mmHg,

- 130 bis 139 mmHg,

- 140 bis 149 mmHg,

- 150 bis 159 mmHg sowie

- ≥ 160 mmHg.

Im Follow-up-Zeitraum von durchschnittlich fünf Jahren starben 12.152 Studienteilnehmer (6,5 Prozent), fast jeder Dritte von ihnen (30 Prozent) an den Folgen einer kardiovaskulären Erkrankung. Im Vergleich zur Gruppe mit einem systolischen Blutdruck zwischen 130 und 139 mmHg hatten Patienten der Gruppe mit dem niedrigsten Wert ein signifikant niedrigeres Risiko für nicht tödliche akute Myokardinfarkte.

Die adjustierte Hazard Ratio (aHR) von 0,76 entspricht dabei einer Reduktion des Risikos um 24 Prozent. Für die Gesamtgruppe der Myokardinfarkte ergab sich ein aHR-Wert von 0,85, also eine Risikoreduktion um 15 Prozent.

Ähnliche signifikante aHR-Werte ermittelten die Wissenschaftler für nicht tödliche kardiovaskuläre Erkrankungen, sowie die tödlichen und nicht tödlichen Ereignisse kombiniert und für nicht tödliche KHK. Für die Gesamtgruppe der KHK-Ereignisse war der aHR-Wert nicht signifikant. Bei der Analyse wurden mehrere Parameter berücksichtigt, um eine Verzerrung der Ergebnisse zu vermeiden. Dazu zählten außer Alter und Geschlecht auch Diabetesdauer und -medikation, HbA1c- und Lipidwerte sowie Mikro- und Makroalbuminurie.

Die Forscher konnten also anhand ihrer Berechnungen keine J-förmige Assoziation zwischen systolischem Blutdruck und Schlaganfall, Herzinfarkt und koronarer Herzkrankheit ausmachen. Eine solche Assoziation entdeckten sie dagegen mit der Gesamtmortalität und Herzinsuffizienz. Das galt auch für alle gewählten Studienendpunkte, wenn die Statistiker auch jene Patienten bei der Berechnung berücksichtigten, die früher bereits eine kardiovaskuläre Erkrankung hatten.

Schlussfolgerungen für mögliche Empfehlungen zur Blutdruckkontrolle können die Wissenschaftler aufgrund des Studiendesigns nicht geben. Sie erinnern daran, dass aus den Ergebnissen der Beobachtungsstudie nicht geklärt werden kann, ob ein niedriger Blutdruck die Folge der antihypertensiven Therapie ist oder möglicherweise eher auf einer nicht kontrollierten anderen Erkrankung beruht. In der Studie stellte sich heraus, dass Patienten mit Werten unter 130 mmHg diejenigen waren, die eine am wenigsten intensive antihypertensive Therapie erhalten hatten.

Die Autoren der Studie glauben, dass bei Diabetikern das Heraufsetzen des systolischen Blutdruckgrenzwertes auf 140 mmHg falsch war. Mehr Patienten erlitten dadurch einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt, wird Dr. Staffan Björck von der Sahlgrenska-Akademie an der Universität von Göteborg in einer Mitteilung der Universität zitiert.

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