Ärzte Zeitung online, 18.04.2017
 

Diabetestherapie

Höherer HbA1c auch im Alter eine Gefahr

Die HbA1c-Ziele sind für ältere Typ-2-Diabetiker weniger strikt als für jüngere. Nach US-Daten geht aber auch bei ihnen ein Wert über 8 Prozent mit erhöhter Sterblichkeit einher.

Von Beate Schumacher

Höherer HbA1c auch im Alter mit höherer Mortalität assoziiert

Blutabnahme zur HbA1c-Messung: Der Zielwert ist individuell anzupassen.

© Mathias Ernert, Urologische Praxis Soder, Heidelberg

BALTIMORE. Die Ergebnisse der Studien ACCORD und VADT – erhöhte beziehungsweise unveränderte Mortalität bei aggressiver Blutzuckersenkung – haben dazu geführt, dass die HbA1c-Vorgaben für ältere Diabetiker in praktisch allen Leitlinien gelockert wurden.

In der Nationalen Versorgungsleitlinie wird für sie generell ein HbA1c-Zielbereich von 7 bis 8 Prozent empfohlen. Bei gutem Allgemeinzustand und kurzer Diabetesdauer soll dies eher in Richtung 7 bis 7,5 Prozent gehen, bei Multimorbidität und kürzerer Lebenserwartung werden dagegen auch Werte über 8 Prozent als tolerabel angesehen.

Rückenwind erhalten diese Empfehlungen aus einer Studie, die den Zusammenhang zwischen HbA1c und Mortalität im Alter ab 65 in zwei großen US-amerikanischen Kohorten analysiert hat.

Wie die Studienautoren um Priya Palta von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore berichten, ließ sich bei Werten über 8 Prozent insgesamt eine signifikante Zunahme der Sterblichkeit feststellen. Dies galt besonders bei begleitender kardiovaskulärer Erkrankung, jedoch nicht im Alter über 75.

Die Mediziner haben die Daten von 7333 Teilnehmern über 65 Jahren der Kohorten NHANES III und Continous NHANES ausgewertet, darunter 1279 mit einem diagnostizierten Diabetes (Diabetes Care 2017; 40: 453–460). Während der Beobachtungszeit von median knapp neun Jahren starben 4729 Teilnehmer.

Deutlich höheres Risiko

Im Vergleich zu Diabetikern mit einem HbA1c< 6,5 Prozent hatten Patienten ab einem Wert von 8 Prozent ein deutlich erhöhtes Risiko, während des Follow-up zu sterben: Bei 8,0–8,9 Prozent war ein Plus von 60 Prozent, ab 9,0 Prozent von 80 Prozent zu verzeichnen. Die kardiovaskuläre Mortalität stieg dagegen erst ab Werten über 9,0 Prozent, und zwar um 150 Prozent.

In der Altersgruppe von 65 bis 74 war das Sterberisiko bei HbA1c-Werten von 8,0 bis 8,9 Prozent und > 9,0 Prozent jeweils doppelt so hoch wie bei einem Wert < 6,5 Prozent. Dagegen hatte im Alter ab 75 Jahren selbst ein HbA1c> 9 Prozent keinen Einfluss auf die Mortalität.

Besonders ausgeprägt war die HbA1c-abhängige Steigerung der Gesamtmortalität bei Frauen und bei kardiovaskulärer Komorbidität, mit einer Verdrei- beziehungsweise Vervierfachung des Risikos bei einem HbA1c zwischen 8,0 und 8,9 Prozent.

Im Vergleich zu Nichtdiabetikern mit einem HbA1c von 5,0 bis 5,6 Prozent war bei Diabetikern mit sich verschlechternder Blutzuckerkontrolle ein kontinuierlicher Anstieg des Sterberisikos festzustellen: Bei HbA1c-Werten von < 6,5 Prozent, 6,5–6,9 Prozent, 7,0–7,9 Prozent, 8,0–8,9 Prozent und > 9,0 Prozent lag es um 30, 60, 60, 120 und 160 Prozent höher. Die kardiovaskuläre und die Krebssterblichkeit waren auch in diesem Vergleich erst ab Werten von 9,0 beziehungsweise 8,0–8,9 Prozent erhöht (+220 und +170 Prozent).

Glykämische Kontrolle wichtig

"Unsere Ergebnisse stützen die Vorstellung, dass eine bessere glykämische Kontrolle wichtig ist, um die Sterblichkeit zu senken", schreiben Palta und Kollegen. Dementsprechend sei es sinnvoll, bei gesünderen älteren Diabetikern einen HbA1c unter 8 Prozent anzustreben.

Angesichts der differierenden Ergebnisse in verschiedenen Patientensubgruppen und der widerspüchlichen Datenlage bestehe allerdings auch die Notwendigkeit, das Therapieziel in Abhängigkeit von Restlebenserwartung und Begleiterkrankungen individuell anzupassen.

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