Ärzte Zeitung online, 02.05.2017

Diabetes mellitus

Schilddrüse regelmäßig kontrollieren!

Es gibt ein erhebliches Interaktionspotenzial von Diabetes mellitus und Schilddrüsenerkrankungen. In der Praxis wird dieses häufig unterschätzt.

Von Thomas Meissner

MÜNCHEN. Ein bestehender Diabetes kann ja die Aktivität verschiedener Hormone, ihren Metabolismus und die Signalübertragung beeinflussen. Umgekehrt können auch endokrine Funktionsstörungen sich erheblich auf den Glukose-Stoffwechsel auswirken. Diese Interaktionen sind in der Praxis mit Blick auf die Schilddrüsenfunktion besonders wichtig.

Eine Hypothyreose zum Beispiel steigere beim Diabetes-Patienten die Insulinsensitivität, der tägliche Insulinbedarf sinke, erläuterte Dr. Alexandra Willms vom Klinikum München-Bogenhausen bei einer Fortbildungsveranstaltung in Unterschleißheim (Info Diabetologie 2016; 10 (2):57). Die gastrointestinale Motilität und Glukoseaufnahme sei herabgesetzt.

Kontrolle einmal im Jahr

Damit verstärke sich die Gefahr von Unterzuckerungen. Und das sei bereits bei einer subklinischen Hypothyreose der Fall, bemerkt Professor Petra-Maria Schumm-Draeger aus München. "Die Normalisierung der Schilddrüsenunterfunktion durch eine Substitutionstherapie mit Schilddrüsenhormon führt zur völligen Stabilisierung der Stoffwechsellage und zur Normalisierung der Hypoglykämiehäufigkeit", so die Endokrinologin (Dtsch. Ärztebl 2016; 113 (43):[4]).

Häufigste Ursache der Hypothyreose in Deutschland ist die Autoimmunthyreoiditis. Ihre Prävalenz ist bei Typ-1-Diabetes drei- bis fünfmal häufiger als bei Menschen ohne Autoendokrinopathie und bei Frauen fünf- bis zehnmal häufiger als bei Männern. Der Erkrankungsgipfel liegt nach Schumm-Draegers Angaben bei Frauen zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Das heißt, Frauen mit Diabetes mellitus in dieser Altersgruppe haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Unterzuckerungen infolge autonomer Schilddrüsenprozesse. Wegen dieser Auswirkungen der Schilddrüsenunterfunktion auf die Stoffwechselkontrolle empfiehlt Schumm-Draeger, mindestens einmal jährlich das Serum-TSH und die TPO-Antikörper zu kontrollieren. "Dies gilt vor allem für insulinpflichtige Diabetiker mit verstärkter Hypoglykämieneigung und für Frauen im mittleren bis höheren Lebensalter."

Gestörte Glukosetoleranz

Von besonderer Bedeutung in Deutschland ist auch die Überfunktion der Schilddrüse im Zusammenhang mit Diabetes mellitus. Denn jeder Dritte hat Schilddrüsenknoten oder eine Struma nodosa, bei Frauen über 45 Jahre ist es sogar jede zweite.

Bei mehr als der Hälfte der Patienten mit unbehandelter Schilddrüsenüberfunktion ist die Glukosetoleranz gestört, bei bis zu drei Prozent dieser Patienten besteht ein manifester Diabetes. Bei Hyperthyreose ist die Insulinresistenz verstärkt, intestinal wird vermehrt Glukose aufgenommen, zugleich vermehrt Glukagon freigesetzt und die Glykogenolyse in der Leber ist verstärkt. Wird eine euthyreote Stoffwechsellage erreicht, normalisiert sich auch der Kohlenhydratstoffwechsel wieder. Bei bereits bestehendem Diabetes sorge die unbehandelte Hyperthyreose für eine zunehmende Entgleisung der Stoffwechsellage, so Schumm-Draeger. Fehlinterpretationen solcher Situationen kommen ihrer Erfahrung nach nicht selten vor, weil die Symptome wie Gewichtsverlust oder Abgeschlagenheit jenen des entgleisten Diabetes ähneln. "Zudem kann ein ‚Niedrig-T3-Syndrom‘ die an sich hohen Serum-T3-Werte der Hyperthyreose laborchemisch maskieren."

Das "Niedrig-T3-Syndrom" ist gekennzeichnet durch einen niedriges Serum-T3 (Trijodthyronin)bei erhöhtem rT3(reverses T3), normalem T4 (Thyroxin)und normalem Basal-TSH-Wert. Dies ist jedoch nicht als Hypothyreose einzustufen."Das Niedrig-T3-Syndrom wird normalerweise nicht therapiert, da es eher als eine Art Schutzmechanismus des Körpers verstanden wird", erklärt Willms. Vielmehr muss der Glukosestoffwechsel stabilisiert werden, dann normalisieren sich auch die Schilddrüsenhormonwerte wieder.

Wegen der Bedeutung von Schilddrüsenfunktionsstörungen in Verbindung mit Diabetes mellitus müssten mindestens einmal jährlich sowie immer bei Veränderungen der Glukosestoffwechsellage die Parameter der Schilddrüsenfunktion gemessen werden, betont Schumm-Draeger. Denn nur mit der frühzeitigen und adäquaten Behandlung ließen sich Stoffwechselvorgänge stabilisieren.

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