Ärzte Zeitung online, 29.05.2017
 

Diabetes-Kongress

Auch mit Insulinpumpe ist Extremsport machbar

Wegen der Angst vor Hypoglykämien sind Sport und Diabetes für viele insulinpflichtige Patienten eine schwierige Kombination – die aber in den Griff zu bekommen ist.

Von Roland Fath

Auch mit Insulinpumpe ist Extremsport machbar

Tipp für Patienten mit Pumpentherapie vor einem aeroben Ausdauertraining: nüchtern und ohne Bolus kommen und die Basalrate 1,5 Stunden vor dem Training auf 70 Prozent senken.

© Jenny Sturm/panthermedia

HAMBURG. Zu den größten Ängsten von körperlich aktiven, insulinpflichtigen Diabetikern – auch solchen mit Pumpentherapie – zählen Unterzuckerungen beim Sport. Viele Patienten reduzieren deshalb die Dosis des Basalinsulins auf 50 Prozent und mehr am Trainingstag, andere nehmen vor dem Sport eine Extra-Portion Kohlenhydrate zu sich, ohne dies eigentlich zu wollen. "Die meisten Diabetiker wünschen sich, einmal Sport machen zu können, ohne etwas vorher essen zu müssen", sagte Heiko Müller, Diabetesberater an der Deutschen Klinik für Diagnostik in Wiesbaden, beim Diabetes-Kongress. Dies ist nach seiner Erfahrung möglich.

Tipps vom Experten

Sein Tipp für Patienten mit Pumpentherapie vor einem aeroben Ausdauertraining: nüchtern und ohne Bolus kommen und die Basalrate 1,5 Stunden vor dem Training auf 70 Prozent senken. So bleibe auch bei einstündigem Cardio-Training der Nüchternblutzucker stabil, so die Erfahrung von Müller. Auch vor Ausdauerwettkämpfen funktioniere ein solches Schema: letzter Bolus 4,5 Stunden vor dem Start, Basalrate 1,5 Stunden vorher auf 70 Prozent reduzieren.

Der Nüchternblutzucker sollte beim Start möglichst stimmen und während des Wettkampfs müssen natürlich genügend Kohlenhydrate zugeführt werden, beim Fahrradfahren etwa rund 30 g pro Stunde, so Müller.

Die Einstellung der Basalrate bei Pumpenträgern vor dem Wettkampf sei abhängig vom Zeitpunkt des letzten Bolus‘. Kurz wirksame Analoginsuline wirken Müllers Erfahrung nach nicht so kurz wie oft behauptet, sondern mindestens vier Stunden. Zu berücksichtigen sei vor einem Wettkampf zudem die Adrenalinausschüttung, die zu einer stressinduzierten Insulinresistenz führen könne.

Auch Krafttraining ist für insulinpflichtige Diabetiker ohne Weiteres möglich, betonte André Pascal Volkmann aus Bremen, Fitnesscoach und Ernährungsberater, unter anderem der Fußballprofis von Werder Bremen. Er ist seit seinem sechsten Lebensjahr an Typ-1-Diabetes erkrankt und hat trotz regelmäßigen Krafttrainings keine Probleme mit einer guten Blutzuckereinstellung. Zwei- bis dreimal pro Jahr nimmt er sogar an Bodybuilder-Wettkämpfen teil."Leider gibt es nicht besonders viele Informationen zum Thema Krafttraining und Diabetes", sagte Volkmann. Manche Ärzte rieten ihren Patienten sogar davon ab.

Zwar fallen die Blutzuckerwerte nach seiner Erfahrung beim Krafttraining relativ wenig ab, aber dennoch hält er Werte von 130 mg/dl vor Beginn des Trainings für zu gering. Auch höhere Insulindosen sollten vor dem Training vermieden werden. Volkmann behandelt seinen Typ-1-Diabetes konventionell und kommt mit einem einmal am Morgen applizierten Basalinsulin aus. Nach jedem Krafttraining nimmt er 300 g Kohlenhydrate zu sich und braucht für eine gute Blutzuckereinstellung nur zehn bis zwölf Einheiten Insulin.

Low-Carb-Frühstück am Morgen

Mit der richtigen Ernährung könne auch die Insulintherapie günstig beeinflusst werden, betonte Volkmann. Empfehlenswert sei ein Low-Carb-Frühstückam Morgen, anstelle von Brötchen zum Beispiel Rührei oder Pfannkuchen. Dies ermögliche einen geringeren Insulinbedarf bei stabileren Blutzuckerwerten. Auch Eiweißriegel mit sehr wenigen Kohlenhydraten seien für sportliche aktive Menschen zu empfehlen und könnten kurz wirksame Insuline auch mal überflüssig machen. Nicht überschritten werden sollte zum Schutz der Nierenfunktion eine Obergrenze der Proteinzufuhr von 2  g pro kg Körpergewicht.

Extremsportler mit Diabetes und Pumpentherapie setzen in der Regel auf ganz eigene individuelle Konzepte. Schwierig wird es beim Wassersport, wenn keine wassergeschützte Pumpe verwendet wird. Zwar sei es kein Problem, eine Pumpe über ein bis zwei Stunden abzunehmen, sagte Dr. Ulrike Becker aus Niederkassel-Rheidt. Die niedergelassene Internistin organisiert regelmäßig Sportseminare für Diabetiker. Allerdings dauert ein Extremsport-Wettkampf häufig länger und viele Sportler ziehen es nach ihrer Erfahrung vor, die Pumpentherapie fortzusetzen und, wenn nötig, wasserdicht zu verpacken.

So etwa Katja M., seit 1999 an Typ-1-Diabetes erkrankt, sehr aktive Sportlerin, beispielsweise im Mountainbiking, Eisklettern und Wandern, und seit 2010 auf einer Insulinpumpentherapie. Ihre neue Herausforderung: Teilnahme am "strong run", einem Hindernislauf über 24 km mit 34 Hindernissen, zum Teil mit Wassergräben.

Mit einer rund vierstündigen Dauer war zu rechnen und auf ihre Pumpe wollte sie nicht verzichten, berichtete Becker. Vorteilhaft war ihr wasserdichtes Modell (Johnson Freestyle, alternativ auch Medtronic Minimed, Animas Vibe, Accu-Chek Insight), infrage kommt aber auch das Verpacken einer Pumpe in einer wasserdichten Hülle wie Aquapac.

Dabei ist nach Angaben von Becker unbedingt zu beachten: Im niedrigen Dosisbereich könne die Durchflussrate um bis zu 60 Prozent reduziert sein. Zur Sicherheit sollte bei Extremsport auch ein Messgerät mitgenommen werden, das eventuell ebenfalls wasserdicht verpackt werden müsse. Der dringende Appell von Becker: Alles unbedingt beim Sport vorher ausprobieren, damit es dann im Ernstfall keine Probleme gebe.

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