Ärzte Zeitung online, 18.09.2017
 

Komplikationen

Schwere Hypoglykämien bei Diabetikern haben zugenommen

Obwohl in Deutschland weniger Antidiabetika mit hohem Hypoglykämierisiko verordnet werden, haben schwere Unterzuckerungen zugenommen.

JENA. Die Rate schwerer Hypoglykämien ist in Deutschland zwischen 2006 und 2011 gestiegen, berichten Forscher um Dr. Nicolle Müller von der Universität Jena und vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (Diabet Med 2017, online 12. Juli). Sie haben die Daten aller bei der AOK versicherten Typ-2-Diabetiker analysiert und auf Deutschland extrapoliert. Danach kam es 2006 bei 28.892 von 6,6 Millionen Typ-2-Diabetikern zu mindestens einer Hypoglykämie, 2011 waren 33.741 von 7,9 Millionen betroffen. Die Rate erhöhte sich in dieser Zeit von 460 auf 490 pro 100.000 Patienten und Jahr. Generell traten schwere Hypoglykämien öfter bei Älteren, bei Frauen und bei Patienten mit Nephropathie auf.

Die Verordnung von Sulfonylharnstoffen (SH) ging in dieser Zeit signifikant zurück, und zwar auch bei den Patienten mit schweren Hypoglykämien (Monotherapie von 10,9 auf 7,3 Prozent; Kombination mit Metformin von 12,7 auf 9,3 Prozent). DPP-4-Hemmer und GLP-1-Agonisten waren 2006 noch nicht verfügbar. Im Jahr 2011 hatten 1,55 bzw. 0,17 Prozent der Patienten mit schweren Hypoglykämien solche Medikamente mit geringem Hypoglykämierisiko erhalten.

2011 wurden zudem seltener freie Kombinationen von kurz und lang wirksamem Humaninsulin verschrieben. Der Anteil war bei Patienten mit schwerer Hypoglykämie höher als bei Patienten ohne (2006: 11,3 vs. 3,6 Prozent; 2011: 10,3 vs. 3,3 Prozent). Die Verordnung von kurz und lang wirksamen Insulinanaloga nahm dagegen zu; zu beiden Zeitpunkten standen sie häufiger bei Patienten mit als ohne Hypoglykämien auf dem Plan (2006: 5,4 vs. 1,3 Prozent; 2011: 8,1 vs. 2,0 Prozent). Die größte Gruppe der Patienten mit schweren Unterzuckerungen wurde mit humanem Mischinsulin behandelt, dies war trotz eines deutlichen Verordnungsrückgangs auch 2011 noch der Fall (2006: 19,7 vs. 5,0 Prozent ohne schwere Hypoglykämie; 2011: 14,0 vs. 3,0 Prozent).

Risikofaktoren für Unterzuckerung

Die definierten täglichen Tagesdosen der genannten Medikamente waren bei den Patienten mit schweren Hypoglykämien im Schnitt gleich hoch oder sogar etwas niedriger als bei den Patienten ohne diese Komplikation.

Die Behandlung mit Insulinanaloga erwies sich in einer multivariaten Analyse als unabhängiger Risikofaktor für schwere Hypoglykämien. Wie die Studienautoren um Nicolle Müller von der Universität Jena betonen, lässt die Studie aber keine kausalen Rückschlüsse zu. "Das erhöhte Risiko unter Insulinanaloga ist sehr wahrscheinlich nicht in den Substanzen begründet, sondern in der Art ihrer Anwendung und den Therapiezielen."

Die Studienautoren weisen auf das hohe Risiko für schwere Unterzuckerungen bei Nephropathie oder höherem Alter assoziiert war. Laut der AOK-Daten verzehnfacht eine Nephropathie das Hypoglykämierisiko, außerdem steigt es mit jedem Lebensjahrzehnt um jeweils 6,5 Prozent.

Fazit der Studienautoren: Eine Veränderung der Art oder Dosis des Antidiabetikums führe allein offenbar nicht zum Rückgang schwerer Hypoglykämien. Ursache der leicht gestiegenen Hypoglykämie-Häufigkeit sei "wahrscheinlich die Übertherapie vor allem älterer Patienten mit fast normalen HbA1c-Werten".

Große Studien und ein Cochrane-Review haben gezeigt, dass gravierende Hypoglykämien den Nutzen einer intensiven Blutzuckersenkung zunichte machten. Vor allem bei älteren Typ-2-Diabetikern fordert das Team um Müller daher ein vorsichtigeres Herangehen bei der antihyperglykämischen Therapie. Entsprechende Empfehlungen sind seit 2012 in der europäischen und seit 2014 auch in der deutschen Leitlinie verankert. Laut Letzterer kann bei neu entdecktem Diabetes im Alter bei gutem Allgemeinzustand "durchaus noch ein HbA1c-Ziel in Richtung 7,0 bis 7,5 Prozent angebracht sein". Für ältere multimorbide Patienten mit eher kürzerer Lebenserwartung wird auch ein HbA1c-Ziel über 8 Prozent noch als tolerabel angesehen.(bs)

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