Ärzte Zeitung online, 22.09.2017
 

Perinatale Prägung

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf – leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps.

Vererbt die Mutter Diabetes auf das Ungeborene?

Mütter haben erheblichen Einfluss auf die Entwicklung von Diabetes bei ihrem Kind im späteren Leben – bereits im Mutterleib.

© underdogstudios / Fotolia

STUTTGART/KÖLN. Etwa jedes siebte Kind in Deutschland ist Expertendaten zufolge zu dick, sechs Prozent sind bereits krankhaft übergewichtig. Wer diesen Trend wirklich wirksam umkehren wolle, müsse sehr früh ansetzen, sagt Professor Berthold Koletzko, Kinder- und Jugendarzt der Maximilians-Universität München. "Die Weichen werden früh gestellt."

Und zwar bereits im Mutterleib und während der Stillzeit. Übergewicht der werdenden Mutter erhöhe das Risiko für ein übergewichtiges – gar adipöses – Kind um das Zwei- bis Dreifache. Werdende Mütter können ihr Kind schon während der Schwangerschaft vor Übergewicht und Diabetes schützen, sind Wissenschaftler überzeugt.

Lange vermutet, gebe es inzwischen belastbare Erkenntnisse, die dies bestätigten, berichtet Koletzko bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung an der Universität Hohenheim in Stuttgart.

Einfluss schon in der Eizelle

Risiken für eine Unterversorgung durch Nikotin sind allgemein bekannt. Doch: Wie wird das Baby Zucker verwerten? Wie Fette im Körper speichern? Ob Organe wie die Leber etwa ein Leben lang gut funktionieren, werde überraschend früh sozusagen programmiert – und könne durch die Ernährung der Mutter teils sogar schon bei der Ausbildung der Eizelle beeinflusst werden, so Koletzko.

Schleichen sich bei der Ernährung früh Fehler ein, könne das Kind Fehlfunktionen und chronische Krankheiten wie Diabetes oder Übergewicht entwickeln. Die Empfehlungen an die werdenden Mütter lauteten nach derzeitigem Stand der Wissenschaft: das eigene Körpergewicht im Griff haben, Fisch essen, Stillen. "Das ist ohnehin der beste Schutz vor Krankheiten, Unterfunktionen oder Diabetes", sagt Koletzko. Zudem sei es förderlich für die Gehirnentwicklung.

Nicht mehr, aber besser essen

"Perinatale Prägung" nennen Wissenschaftler das, was da im Mutterleib und im ersten Jahr nach der Geburt passiert. Pflanzliches wie Gemüse und Obst, Vollkorn, Fisch, Milch: Zu Erwartbarem rät Maria Flothkötter vom Netzwerk "Gesund ins Leben" im Bundeszentrum für Ernährung in Bonn werdenden Müttern. "Nicht mehr, aber besser" müsse sich manch Schwangere ernähren. Genauso wichtig sei die Bewegung. "Runter vom Sofa." Für die "besten Startchancen für lebenslange Gesundheit" sei auch das entscheidend.

In der Schwangerschaft mengenmäßig für zwei zu essen, ist aus Sicht des Kölner Professors Jörg Dötsch keine gute Lösung: "Natürlich muss die Mutter zunehmen, aber kalkuliert", sagt der leitende Kinder- und Jugendarzt der Kölner Uni-Kinderklinik vor einem bis Samstag dauernden Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) in Köln. Zu viel zu essen sei ein Problem, bestätigt er.

Zu wenig aber auch: Vegan etwa, mahnt Dötsch, sollte sich die Mutter nur unter ärztlicher Kontrolle ernähren. Selbst die vegetarische Ernährung brauche aus seiner Sicht fachliche Begleitung. "Es ist nach wie vor schwer zu kalkulieren, wann das Kind welche Nährstoffe braucht."

Richtige Phase für Tipps

Zwar wolle man den Druck auf die werdenden Mütter nicht weiter erhöhen, sind sich die Wissenschaftler einig. Jedoch gebe es wohl keine Zeit im Leben, in der man mit Ernährungstipps auf so offene Ohren stoße wie während der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr des Kindes, sagt Professor Peter Grimm von der Sektion Baden-Württemberg der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Eltern seien nie wieder so bereit, etwas an ihren Ernährungs- oder Lebensgewohnheiten zu ändern, wie in der Zeit der Schwangerschaft und der Zeit direkt danach.

Sei das Kind erst in der Kita, sei es "zu spät", betont Dötsch. Wer da schon zu dick sei, habe ein 80-Prozent-Risiko, das sein Leben lang zu bleiben. (dpa)

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