Ärzte Zeitung online, 10.11.2017
 

TEDDY-Studie

Kein erhöhtes Risiko für Typ-1-Diabetes durch Antibiotika

Eine genetische Prädisposition für Typ-1-Diabetes ist offenbar kein Grund, den Gebrauch von Antibiotika einzuschränken. In der TEDDY-Studie gab es keinen Zusammenhang mit der Entwicklung von Inselzell-Autoantikörpern.

Von Beate Schumacher

zur Galerie klicken

Antibiose bei Kindern birgt Risiken, sie erhöht aber anscheinend nicht das Diabetes-Risiko.

© ladysuzi - stock.adobe.com

GAINESVILLE. Die prospektive internationale TEDDY-Studie sucht bei Kindern mit hohem genetischem Risiko für Typ-1-Diabetes nach Umweltfaktoren, die die Ausbildung der Autoimmunität und der Stoffwechselerkrankung fördern.

Zuletzt haben sich Hinweise auf frühe virale Infekte des Respirations- und Gastrointestinaltrakts als mögliche Trigger ergeben (wir berichteten). Antibiotikabehandlungen in jungen Jahren scheinen dagegen nicht mit der Bildung von Inselzell- oder zöliakiespezifischen Autoantikörpern assoziiert zu sein, wie jetzt publizierte Daten nahelegen (JAMA Pediatr 2017; online 9. Oktober ).

Alle TEDDY-Teilnehmer haben mindestens einen erstgradigen Verwandten, der an Typ-1-Diabetes erkrankt ist, sowie einen von neun HLA-Genotypen, die mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Typ-1-Diabetes und auch für eine Zöliakie einhergehen.

8495 beziehungsweise 6558 Kinder sind in den ersten vier Lebensjahren regelmäßig auf Autoantikörper gegen Inselzellen bzw. gegen Gewebs-Transglutaminase (tTGA) getestet worden.

Kein Einfluss auf Autoantikörper-Bildung

Die TEDDY-Studie hat ergeben:

» Von 8495 Kindern mit genetischer Prädisposition für Typ-1-Diabetes entwickelten 5,5 Prozent in den ersten vier Lebensjahren Inselzellantikörper.

» Wie häufig die Kinder unmittelbar nach der Geburt, im ersten oder zweiten Lebensjahr oder insgesamt mit Antibiotika behandelt worden waren, hatte keinen Einfluss auf die Bildung der Autoantikörper.

463 Kinder (5,5 Prozent) entwickelten in dieser Zeit Inselzellantikörper. Wie häufig die Kinder unmittelbar nach der Geburt, im ersten oder zweiten Lebensjahr oder insgesamt mit Antibiotika behandelt worden waren, hatte keinen Einfluss auf die Bildung der Autoantikörper.

Dasselbe Bild ergab sich in Bezug auf die zöliakiespezifischen Autoantikörper gegen tTGA, die bei 11,9 Prozent der Kinder nachgewiesen wurden: Auch hier war kein Zusammenhang mit Ausmaß oder Zeitpunkt der Antibiotikaexposition festzustellen.

Beim Großteil der Antibiotikatherapien (etwa 70 Prozent) wurden Cephalosporine, Penicilline oder Makrolide eingesetzt. Zumindest für diese Antibiotika geben die Studienautoren um Kaisa Kemppainen von der University of Florida in Gainesville Entwarnung: "Ihr Gebrauch in der frühen Kindheit erhöht bei genetisch vorbelasteten Kindern nicht das Risiko für Inselzell- oder zöliakiespezifische Antikörper."

Widerspruch zu anderen Studien

Es gebe daher keinen Anlass, den bisherigen Umgang mit diesen Antibiotika für prädisponierte Kinder zu revidieren, um dadurch das Risiko für Typ-1-Diabetes oder Zöliakie zu senken.

Anders als in TEDDY war in einigen früheren Studien eine Assoziation zwischen Antibiotika und Typ-1-Diabetes gefunden worden. Mit einer Ausnahme handelt es sich dabei aber um retrospektive Untersuchungen, in denen nicht zu unterscheiden ist, ob wirklich die Antibiotika zuerst kamen oder ob zuvor schon eine Hyperglykämie bestand, die die Anfälligkeit für Infektionen und damit Antibiotikaverordnungen gefördert hat.

Dieselbe Schwäche haben zwei Studien, in denen Antibiotikagaben und Zöliakierate assoziiert waren. Möglicherweise wurde mit Antibiotika behandelt, weil erste Krankheitsmanifestationen als Infektionen fehlgedeutet wurden.

Lesen Sie dazu auch:
Kommentar: Entlastung für Antibiotika

[10.11.2017, 18:17:11]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Formal und inhaltlich "Scientific Misconduct" - Wissenschaftliche Irreführung!
Der Titel "Association Between Early-Life Antibiotic Use and the Risk of Islet or Celiac Disease Autoimmunity" von Kaisa M. Kemppainen et al. JAMA Pediatr. Published online October 9, 2017 doi:10.1001/jamapediatrics.2017.2905 ist irreführend!
https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/article-fulltext/2656303

Er müsste eigentlich lauten:
"No Association Between Early-Life Antibiotic Use and the Risk of Islet or Celiac Disease Autoimmunity": Denn das sind die Schlüssel-Punkte ["Key Points"] von
https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/article-abstract/2656303
BEDEUTUNG - Diese Ergebnisse legen nahe, dass der Gebrauch der häufig üblichen Antibiotika im frühen Lebensabschnitt nicht das Risiko von Autoimmunität bei Kindern mit einem erhöhten genetischen Risiko ansteigen lässt. ["Meaning - These results suggest that the use of the most common antibiotics in early life does not increase the risk of autoimmunity in children at increased genetic risk"].

Die Schlussfolgerungen im Abstract der Publikation betreffen aber einen wesentlich spezifischeren Inhalt: SCHLUSSFOLGERUNGEN UND RELEVANZ - Der Gebrauch von am häufigsten verschriebenen Antibiotika während der ersten 4 Lebensjahre, unabhängig von der geografischen Region, war nicht mit der Entwicklung von Autoimmunität zu Typ-1-Diabetes mellitus oder Zöliakie assoziiert ["Conclusions and Relevance - The use of the most prescribed antibiotics during the first 4 years of life, regardless of geographic region, was not associated with the development of autoimmunity for T1D or CD"]. Und weiter:
Diese Ergebnisse legen nahe, dass das Risiko von [Langerhans'sche] Insel-[Zellen des Pankreas] ("islet", engl. 'Inselchen') oder Gewebe-Transglutaminase Autoimmunität nicht notwendigerweise die Empfehlungen für den klinischen Einsatz von Antibiotika bei jungen Kinder mit Typ-1-Diabetes- oder Zöliakie-Risiko beeinflussen müssen ["These results suggest that a risk of islet or tissue transglutaminase autoimmunity need not influence the recommendations for clinical use of antibiotics in young children at risk for T1D or CD"].

© der Übersetzung des Englischen Originals ins Deutsche beim Verfasser.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Es kommt Schwung in die Entwicklung neuer Psychopharmaka

Bald könnte es einen Schub für die Entwicklung neuer Psychopharmaka geben. Denn Forscher finden immer mehr über die Entstehung psychischer Erkrankungen heraus. mehr »

Spielt Krebs eine Rolle beim plötzlichen Kindstod?

Ein plötzlicher Kindstod bei einer unbekannten neoplastischen Erkrankung ist selten, aber kommt vor. Das ist das Ergebnis einer britischen Studie. mehr »

Patienten sollen Verdacht auf Nebenwirkung melden

Alle europäischen Arzneimittelbehörden fordern in einer gemeinsamen Kampagne Patienten auf, ihnen verstärkt Verdachtsfälle von Nebenwirkungen zu melden. mehr »