Ärzte Zeitung online, 19.12.2017

Robert Koch-Institut

Hohe Sterberate bei Diabetikern deutet auf Versorgungsmängel

Von Wolfgang Geissel

Typ-2-Diabetiker haben ein fast verdoppeltes Sterberisiko

Die Übersterblichkeit bei Männern im jüngeren und mittleren Lebensalter mit Typ-2-Diabetes ist besonders hoch. Sie sind daher eine wichtige Zielgruppe zum Beispiel für Früherkennungsmaßnahmen.

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BERLIN. Menschen mit Typ-2-Diabetes in Deutschland haben im Vergleich zur Normalbevölkerung ein fast doppelt so hohes Sterberisiko. Das hat zumindest die Analyse von Daten aus den Jahren 1998 bis 2010 ergeben, die Forscher des Robert Koch-Instituts und des Deutschen Diabetes-Zentrum (DDZ) in Düsseldorf jetzt vorgelegt haben (BMJ Open Diabet Res & Care 2017; 5: e0004519.

Für die Studie sind Daten von 6550 Teilnehmern des Bundes-Gesundheitssurvey 1998 (BGS98) ausgewertet worden. Von den 6550 erwachsenen Teilnehmern hatten zu Studien-Beginn 330 einen diagnostizierten und 245 einen bis dahin unbekannten Typ-2-Diabetes (HbA1c $6,5 Prozent). Die Überlebenszeit der Erwachsenen wurde dabei durchschnittlich zwölf Jahre weiter beobachtet. Ergebnis: Binnen zwölf Jahren starben 176 Diabetiker und 425 Nicht-Diabetiker. I

m Vergleich zu Erwachsenen ohne Diabetes war in diesem Zeitraum die Sterberate der Typ-2-Diabetiker um den Faktor 1,8 erhöht. Mit zunehmendem Alter glich sich die Sterberate von Typ-2-Diabetikern an die Rate der Nicht-Diabetikern an. Besonders ungünstig war dabei das Verhältnis bei 45- bis 55-jährigen Männern, und zwar besonders dann, wenn der Diabetes bis zum BGS98-Start unerkannt war und erstmals auf Basis von Labordaten zu Beginn des Survey auffiel.

"Die Ergebnisse der Studie weisen darauf hin, dass auch in Deutschland noch viel Bedarf zur Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Typ-2-Diabetes vorhanden ist", betont das RKI in einer Mitteilung zu der Studie. Zu den wichtigsten Zielkriterien für eine gute Versorgung von Typ-2-Diabetikern zählt nämlich eine ähnlich hohe Lebenserwartung wie die von Nicht-Diabetikern zu erreichen.

Weil die Übersterblichkeit bei betroffenen Männern im jüngeren und mittleren Lebensalter besonders hoch, sind diese eine wichtige Zielgruppe zum Beispiel für Früherkennungsmaßnahmen. Sie nutzten wahrscheinlich existierende Angebote wie den Check-up 35 weniger als Frauen, so das RKI. Auch gibt es bestimmte Angebote, die sich nur an Frauen richten wie das Screening auf Schwangerschaftsdiabetes.

Zudem muss die Entwicklung der Diabetes-Sterberaten weiter untersucht werden, so das RKI. Basis für die Zeitreihen sind die bevölkerungsbezogenen Daten des bundesweiten RKI-Gesundheitsmonitorings und der GKV. In der amtlichen Todesursachenstatistik wird Diabetes nämlich als Ursache meist nicht aufgeführt. Mit der RKI-Surveillance wird sich künftig zeigen lassen, ob die Übersterblichkeit bei Typ-2-Diabetes zurückgeht. In anderen Ländern wie USA, Kanada, Dänemark, Schweden und Großbritannien konnte dies bereits gezeigt werden.

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"Epidemiology/Health Services Research - All-cause mortality in adults with and without type 2 diabetes: findings from the national health monitoring in Germany" von Susanne Röckl et al.
http://drc.bmj.com/content/5/1/e000451
präsentiert Daten, die ich im ersten Moment so kaum glauben kann.

In einem nur 12-jährigen Mortalitäts-Follow-Up ["a mortality follow-up (median follow-up time 12.0 years)"] einer angeblich repräsentativen, deutschlandweiten, Bevölkerungs-Stichprobe von 6.550 Personen in der Altersgruppe von 18-79 Jahren ["nationwide sample representative of the population aged 18–79 years"] betrug die unbereinigte Mortalität bei 75.994 beobachteten Personen-Jahren:
- 601 Verstorbene mit/ohne Typ-2-Diabetes mellitus (T2Dm) bei allen 6.550 Pers.
- 425 Verstorbene bei 5.975 Personen ohne T2Dm
- 103 Verstorbene bei 330 Personen mit gesicherter Diagnose/Therapie eines T2Dm
- 73 Verstorbene bei 245 Personen mit HbA1c ab 6,5%, aber ohne T2Dm-Versorgung

Daraus folgt eine insgesamt extrem hohe unbereinigte Basis-Sterblichkeit in der untersuchten Stichprobe, insbesondere mit Typ-2-Diabetes mellitus:
- 9,18% bei der beobachteten Gesamtpopulation von 6.550 Personen
- 7,11% bei 5.975 Personen ohne T2Dm
- 31,21% bei 330 Personen mit gesicherter Diagnose/Therapie eines T2Dm
- 29,80% bei 245 Personen mit HbA1c ab 6,5%, aber ohne T2Dm-Versorgung

Auch bei der unbereinigten Mortalitätsrate als Todesfälle auf 1.000 Personenjahre ["Mortality rates as deaths per 1000 person-years"] sieht es ähnlich aus:
- 6,23 bei 5.975 Personen ohne T2Dm
- 30,12 bei 330 Personen mit gesicherter Diagnose/Therapie eines T2Dm
- 26,98 bei 245 Personen mit HbA1c ab 6,5%, aber ohne T2Dm-Versorgung

Noch entscheidender sind die Todesfälle bzw. standardisierten Mortalitätsraten als Todesfälle auf 1.000 Personenjahre ab dem 45. Lebensjahr:
- 408 Todesfälle bei 4.416 Personen als Mortalitätsrate von 10,05 ohne T2Dm
- 175 Todesfälle bei allen 565 Personen mit T2Dm als Mortalitätsrate von 18,29

Standard. Mortalitätsraten als Todesfälle auf 1.000 Personenjahre ergeben davon:
- 103 Todesfälle bei 324 Personen mit gesicherter Untersuchung/Diagnose/Therapie eines T2Dm entsprechen einer Mortalitätsrate von 16,87
- 72 Todesfälle bei 241 Personen mit HbA1c ab 6,5%, aber ohne T2Dm-Versorgung und ohne Untersuchung/Diagnose/Therapie entsprechen einer Mortalitätsrate von 19,67

Diese hier dargelegten Daten aus der Original-Studie lassen m. E. nur einen einzigen Schluss zu:
In Anbetracht der hohen Mortalität und der Mortalitätsraten bei Typ-2-Diabetes mellitus muss es neben dem wissenschafts- und erkenntnistheoretisch falschen Ansatz einer wie auch immer gearteten Mono-Kausalität zwischen T2Dm und der hohen Gesamt-Mortalität bzw. erhöhten Mortalitätsraten noch eine Fülle von weiteren, relevanten Einfluss- und Stellgrößen geben:

z.B. Fehlernährung, Alkohol- und Nikotinabusus, pAVK, COPD, Dyslipidämie, Bewegungsmangel, Übergewicht, Hypertonie, metabolisches Syndrom, Insulinmangel bei relativer Betazellinsuffizienz, zunehmende Insulinresistenz. Aber auch hypertensive Herzkrankheit, KHK, Arteriosklerose, Fettleber, Niereninsuffizienz, Herzinsuffizienz, Schlaganfall, Myokardinfarkt u. a. können zu einem dramatischeren Krankheitsverlauf und höherer Mortalität bei T2Dm führen. Von bio-psycho-sozialen Noxen, endogenen Auswirkungen, exogenen Umwelteinflüssen und iatrogenen, idiopathischen, metabolischen, hereditär-genetischen Determinanten oder der weiter steigenden Lebenserwartung will ich gar nicht erst anfangen.

Doch ausgerechnet eine klassische, komplexe Zivilisations- und Stoffwechselkrankheit wie den Typ-2-Diabetes mellitus monokausal als alleinige Mortalitätsursache auf standardisierte Mortalitätsraten, definiert als Todesfälle auf 1.000 Personenjahre, herunterbrechen zu wollen, halte ich persönlich für grob fahrlässig und irreführend.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund zum Beitrag »

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