Ärzte Zeitung online, 21.08.2018

Deutsche Bevölkerung

Viel Unwissen zu Diabetes

Die Deutschen glauben, eigentlich gut über Diabetes Bescheid zu wissen. Einer Nachprüfung des Robert Koch-Instituts hält das nicht stand.

Von Helmut Laschet

Viel Unwissen zu Diabetes

Die RKI-Umfrage zu Diabetes deckt auf: Mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung hat nur eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz.

© macgyverhh / Getty Images / iStock

BERLIN. Was wissen Diabetiker und Gesunde über die Krankheit, wie informieren sie sich, welche Einstellung haben sie zur Krankheit, und wie werden Hilfen im Umgang damit bewertet?

Dies herauszufinden war das Ziel zweier Umfragen des Robert Koch-Instituts (RKI) im Herbst 2017 unter 2327 Menschen ohne Diabetes und 1216 mit Diabetes (Journal of Health Monitoring 2018 3(S3): 23).

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Die Stichproben sind für die Grundgesamtheit jeweils repräsentativ. Mehr als die Hälfte der Menschen ohne Diabetes schätzen ihr Wissen über die Krankheit selbst als gut oder sogar sehr gut ein, Männer fühlen sich weniger gut informiert als Frauen. Weiteren Einfluss hat der Bildungsgrad.

Ernstes Gesundheitsproblem

Diese eher positive Selbsteinschätzung wird allerdings mehr oder weniger stark relativiert, wenn das objektive Gesundheitswissen überprüft wird.

Dies hat das RKI mit sechs Fragen versucht: Nur in zwei Punkten schneidet die Allgemeinbevölkerung gut ab.

Zwei Drittel wissen, dass bei Diabetes zu viel Zucker im Blut ist, und 63 Prozent wissen, dass Typ-2-Diabetes sich schleichend entwickelt. Die Werte für Männer und Frauen unterscheiden sich nicht gravierend.

Aber: Knapp die Hälfte weiß nach eigenem Bekunden nicht, ob Typ-1-Diabetes mit Tabletten zu behandeln ist, ebenfalls jeder Zweite weiß nicht, dass Typ-2 die wesentlich häufigere Diabetesform ist, nur jeder Vierte ist sich sicher, dass Typ-1-Diabetes nicht mit der Pubertät verschwindet.

Diabetes wird allerdings als ernstes Gesundheitsproblem wahrgenommen: Mehr als 85 Prozent sehen die Krankheit als mäßig bis sogar sehr schwerwiegend an, nur 1,2 Prozent halten die Krankheit für nicht schwerwiegend, knapp 13 Prozent haben keine Meinung dazu.

Rund 60 Prozent glauben, dass Diabetes den Menschen für den Rest seines Lebens begleiten wird.

Wenig Stigmatisierung

Immer wieder wird auch behauptet, dass Diabetiker sozial benachteiligt sind, ja sogar stigmatisiert werden, nicht zuletzt weil die Entstehung der Krankheit auch einem ungesunden Lebenswandel zugeschrieben wird.

Etwa jeder Fünfte glaubt, dass Diabetiker ihren Alltagsanforderungen häufig nicht nachkommen, aber etwa 53 Prozent widersprechen dem.

Mehr als ein Viertel glaubt, die Krankheit sei durch ungesunde Lebensweise selbst verursacht. Jedoch sind nur 14 Prozent davon überzeugt, dass Diabetiker häufig benachteiligt sind.

Erheblichen Nachholbedarf gibt es bei Informationen zu Diabetesursachen, Krankheitsverlauf und Folgeerkrankungen, Therapie und Präventionsmöglichkeiten. Hier die Werte für schlecht oder überhaupt nicht informiert:

»Diabetesursachen: 55,9 Prozent

»Krankheitsverlauf: 63,4 Prozent

»Behandlung: 58,8 Prozent

»Folgeerkrankungen: 64 Prozent

»Lebensstilanpassung, Gesundheitsförderung, Prävention: 51,2 Prozent.

Männer schlechter informiert als Frauen

Generell gilt: In allen Punkten sind Männer deutlich schlechter als Frauen informiert. Und die Diabetiker selbst? Nur jeder Zehnte schätzt seine Krankheit als nicht schwerwiegend ein.

Mehr als 90 Prozent wissen, dass sie ein Leben lang damit zu tun haben. Aber Stigmatisierung beklagen lediglich 14 Prozent, immerhin 22 Prozent glauben, andere würden denken, die Krankheit sei selbst verschuldet. Eine häufige Benachteiligung sehen nur 6,1 Prozent.

Naturgemäß wissen Diabetiker als chronisch Kranke über ihre Krankheit besser Bescheid als Gesunde. Dies zeigt sich bei allen Aspekten der Krankheit.

Nur um die 15 bis 20 Prozent sehen sich über Ursachen, Krankheitsverlauf, Therapie und Folgeerkrankungen schlecht oder gar nicht informiert.

Zwei Schwachpunkte ausgemacht

Aber es gibt zwei Schwachpunkte, die Handlungsbedarf anzeigen: 27,8 Prozent sagen, dass sie nur schlechte oder gar keine Informationen über die Möglichkeiten der Lebensstilanpassungen, Gesundheitsförderung und Prävention haben.

Noch deutlicher sind die Defizite bei Unterstützungsangeboten und Anlaufstellen: Hier fühlen sich 26,5 Prozent schlecht informiert, 16,4 Prozent geben an , überhaupt keine Informationen zu haben. Die Werte für Männer und Frauen liegen nah beieinander.

Fazit der Studie: Es wird bestätigt, dass mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung nur eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz hat, bei einem erheblichen Bildungsgradienten.

Hier besteht offenkundig erheblicher Aufklärungsbedarf, insbesondere in unteren Bildungsschichten. Dies erscheint umso wichtiger, weil auch der Lebensstil die Krankheitsentstehung beeinflusst.

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