Diabetes

Sammeln Sie CME-Punkte - 30 Tage kostenlos mit e.Med
Modul: Der Diabetespatient in der Notfallversorgung – Synopsis für den ambulanten Sektor, den Rettungsdienst und die Notaufnahme

Weitere Module zu anderen Themen auf der Startseite unserer Sommerakademie
Ärzte Zeitung, 04.04.2017

Experten-Kommentar

Bei Insulintherapie nehmen adipöse Patienten relativ wenig an Gewicht zu

Von Prof. Hellmut Mehnert

zur Galerie klicken

Gewichtszunahme ist eine unerwünschte Wirkung der Insulintherapie. Offenbar nehmen aber adipöse Patienten während einer Insulinbehandlung deutlich weniger an Körpergewicht zu, als normal- oder leicht übergewichtige Patienten, wie eine aktuelle Studie ergeben hat. Forscher aus Australien haben dabei Daten aus einem US-Register von mehr als 150.000 Typ-2-Diabetikern ausgewertet. Die Patienten waren im Schnitt knapp 60 Jahre alt und hatten im Mittel zu Beginn der Therapie schlechte HbA1c-Werte von 9,5 Prozent und einen BMI von 35; sie waren also im Durchschnitt deutlich adipös. Alle Patienten hatten neu mit der Insulintherapie begonnen und diese mindestens ein halbes Jahr fortgesetzt. Analysiert wurde das Ausmaß der Gewichtszunahme abhängig von der Blutzuckereinstellung und dem Grad des Übergewichts (Diab Obes Metab 2016; 18: 1244).

Das Ergebnis: Je höher der Ausgangs-BMI desto weniger legten die Patienten binnen zwei Jahren an Gewicht zu. Pro Rückgang des HbA1c um einen Prozentpunkt stieg das Gewicht bei den Normalgewichtigen (BMI unter 25) im Schnitt um 1,24 kg an, bei den stark Adipösen (BMI über 40) ging das Gewicht aber sogar um 0,32 kg zurück. Die Autoren sehen die Ergebnisse als Ermunterung an, adipöse Patienten mit Insulin zu behandeln, wenn es die Stoffwechsellage erfordert.

Studienpatienten nicht homogen

Nach vorher schlechten Stoffwechselwerten (womöglich mit starker Glukosurie) ist mit Insulin als Anabolikum eine Gewichtszunahme zu erwarten. Wie lassen sich aber die Unterschiede zwischen adipösen und normalgewichtigen Patienten in der Studie erklären? Die adipösen Patienten, waren zu Beginn der Studie weniger schlecht eingestellt. Deren signifikant niedrigere Gewichtszunahme war über die gesamte Dauer der Insulinbehandlung konsistent. Die weniger Übergewichtigen waren im Vergleich schlechter eingestellt. Hier kam der anabole Effekt möglicherweise eher zum Tragen (zum Beispiel mit der Reduzierung einer Glukosurie).

Patienten mit Adipositas von Grad 1 und 2 nahmen nur geringfügig an Gewicht zu. Bei Grad-3-Adipositas war sogar eine Abnahme des Körpergewichts mit der Insulintherapie verbunden! Auch andere Autoren haben berichtet, dass bei Insulinbehandlung ein niedriger Basal-BMI mit einer höheren Gewichtszunahme assoziiert waren.

Patienten der ORIGIN-Studie zeigen hier offenbar einen Sonderfall: Die in der Untersuchung mit kleinen Insulindosen behandelten Diabetiker waren in einem sehr frühen Stadium von Diabetes oder sogar im Prädiabetes-Stadium. Sie nahmen nur geringfügig an Gewicht zu. Das ist sicherlich damit zu erklären, dass die Dosis des injizierten Insulins sehr niedrig war und durch das weniger adipogene körpereigene Insulin ergänzt wurde.

Höhere Insulinsensitivität

Die Befunde machen insofern Mut, als sie bei den zumeist ja deutlich übergewichtigen oder adipösen Patienten keine exorbitante Gewichtszunahme erwarten lassen. Die gefürchtete Gewichtszunahme bei weniger übergewichtigen Patienten dürfte indessen auch mit dem – gewünschten – anabolen Effekt des Hormons zu erklären sein, der wegen der zu Beginn der Therapie signifikant schlechteren Blutzuckereinstellung stärker als bei den adipösen Patienten eintritt.

Die weniger übergewichtigen Patienten neigen wegen ihrer höheren Insulinempfindlichkeit zu Hypoglykämien, die ihrerseits durch die dann folgende Kohlenhydratzufuhr einen nachteiligen Effekt auf das Körpergewicht haben könnte.

Übrigens: Durch Kombination mit einem GLP1-Agonisten lässt sich die Gewichtszunahme unter Insulin konterkarieren (ISI= "incretin supported insulin therapy" oder "insulin supported incretin therapy").

Prof. Hellmut Mehnert widmet sich seit über 50 Jahren den Themen Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselleiden. 1967 hat er das erste Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet. Er ist Träger der Paracelsus-Medaille der Deutschen Ärzteschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Zufallsbefunde – Wer sucht, der findet

Bei der bildgebenden Diagnostik kann es vorkommen, dass unerwartet ein Befund jenseits des eigentlichen Anlasses auftaucht. Das sollte man den Patienten klarmachen – vorher. mehr »

Alternativszenario voller Sprengkraft

Bei einem Modellprojekt in Baden-Württemberg ist die sektorenübergreifende Versorgung durchgespielt worden. Der Abschlussbericht enthält Empfehlungen, die es in sich haben - und das Konfliktpotenzial deutlich machen. mehr »

Streit um "Strafgebühr" im Krankenhaus

KBV-Chef Gassen fordert für Patienten, die mit Bagatellerkrankungen in die Notfallambulanz der Kliniken kommen, eine Gebühr. Das hält die DKG für "schlicht falsch". Die Linke mutmaßt: "Notaufnahmen nur für Reiche"? mehr »