Ärzte Zeitung, 21.06.2005

HINTERGRUND

Beim Hitzschlag versagt die Wärmeabgabe - die rasche Abkühlung ist dann lebensrettend

Von Helmut Schneider

Groß war dieses Jahr wieder die Sehnsucht, daß der richtige Sommer endlich beginnt, bereits vergessen scheint die Hitzeperiode 2003. Tagelange extreme Temperaturen, maximal knapp unter 40 Grad Celsius, kaum Abkühlung nachts - an der Hitzewelle in Europa im August vor zwei Jahren sind viele, vor allem ältere Menschen gestorben: 20 000 Hitzetote schätzt die Weltgesundheitsorganisation, 11 000 allein in Frankreich. Je nördlicher, desto weniger, aber auch im südlichen Deutschland war die Sterberate in jenen Wochen eindeutig erhöht, in Hessen zum Beispiel um etwa 1000.

Erschöpft von den hochsommerlichen Temperaturen sitzen drei ältere Männer auf einer Bank am Neptunbrunnen in Neapel. Foto: ANSA/dpa

"Übersteigt bei großer Hitze die Außentemperatur die des Körpers, ist Schwitzen die einzige Möglichkeit Wärme abzugeben", beschreibt Privatdozent Dr. Rupert Püllen die normalen Regulationsmechanismen. "Genau hier haben alte Menschen Probleme, besonders solche, die krank sind", sagte der Geriater vom Diakonissen-Krankenhaus bei einer Veranstaltung der Klinik in Frankfurt am Main.

Denn aufgrund altersphysiologischer Veränderungen - zum Beispiel weniger ekkriner Drüsen, Funktionseinbußen der Schweißdrüsen, Abnahme sowohl des Gesamtkörperwassers um zehn Prozent als auch des Durstgefühls - werde die Wärmeregulation ebenso erschwert wie durch Polyneuropathie, Demenz, Schlaganfall und Immobilitätssyndrome.

Auch Medikamente, die eine Hypovolämie hervorrufen wie Diuretika, oder solche, die eine Hypohydrosis begünstigen wie anticholinerg wirkende Antidepressiva, Neuroleptika und Parkinsonmittel, könnten die Wärmeregulation stören. Darüber hinaus wird häufig zu wenig getrunken mit zu wenig Elektrolyten. "Salz und Magnesium, die beim Schwitzen verloren gehen, müssen unbedingt ersetzt werden", erinnerte der Geriater.

Als typische klinische Symptome bei Hitze nennt Püllen Muskelkrämpfe besonders der Beine oder einen Kollaps, bei dem "die Entfernung aus der Hitze und Flüssigkeitszufuhr meist ausreichen". Direkte Sonneneinstrahlung auf den Kopf kann zu einem Sonnenstich mit neurologischen Symptomen wie Kopfschmerzen und Somnolenz durch ein lokales Hirnödem führen.

      20 000 Menschen sind vor zwei Jahren an der Hitze gestorben.
   

Lebensgefährlich aber ist der Hitzschlag, "ein dramatisch verlaufendes Krankheitsbild, das wir im Sommer vor zwei Jahren mehrfach gesehen haben". Beim Hitzschlag versagen überwiegend bei Menschen jenseits des 65. Lebensjahres die Wärmeabgabe-Mechanismen. Diese Patienten bekommen hohes Fieber mit 40 bis 41 Grad, schwitzen kaum oder gar nicht, was sehr typisch ist. ZNS-Symptome mit Bewußtseintrübung und Sopor verstärken den Zustand.

Püllen: "Bei Hitzschlag sind viele Organe betroffen, denn fast der gesamte Stoffwechsel ist abhängig von der Temperatur des Körpers." Häufig kommt es zu renalen und hepatischen Symptomen, Proteinurie, Anstieg von Kreatinin und Transaminasen und zu Gerinnungsstörungen. Möglich sind zudem Muskelschädigungen bis hin zur Rhabdomyolyse.

Was hilft, ist die rasche Diagnose und die schnelle Kühlung. Püllen: "Die ist lebensrettend." Dem Körper muß zuallererst Wärme entzogen werden, aber ohne Antipyretika, wie Püllen sagt. Ziel sei zunächst die Senkung der Temperatur auf moderate 39 Grad. Dazu soll der Patient sofort entkleidet, in klimatisierte Räume gebracht und sein Körper mit Wasser befeuchtet werden.

"In Paris haben die Notärzte den Fiebernden Eisbeutel auf den Körper gelegt", erzählt der Geriater. Fiebersenkende Wirkung haben auch rektale Einläufe mit gekühltem Wasser. Die Abkühlung schließlich in einer Badewanne sieht Püllen als weitere Möglichkeit.

Damit es gar nicht erst soweit kommt, empfiehlt der Geriater älteren Menschen während einer Hitzeperiode: luftige Kleidung anzuziehen, eine um mindestens einen Liter gesteigerte Trinkmenge - wegen der Gefahr der hypotonen Hyperhydratation jedoch nicht allein mit Tee, sondern zum Ausgleich der Elektrolyte auch mit gekühltem, natriumhaltigem Mineralwasser -, Alkoholkarenz und das Vermeiden körperlicher Anstrengungen, die die die Wärmeproduktion des Körpers steigern.

Lesen Sie auch:
Auf drei Liter pro Tag kommen bei Hitze nur wenige

STICHWORT

Hitzewarnsystem seit letztem Sommer

Die Erfahrungen mit der Hitzewelle vor zwei Jahren haben bereits letzten Sommer gefruchtet: Um vor allem ältere Menschen vor gesundheitlichen Risiken durch extreme Temperaturen zu schützen, hat Hessen zusammen mit dem Deutschen Wetterdienst ein zweistufiges Hitzewarnsytem erarbeitet. Mitte Juli 2004 sind Mitarbeiter der Alten- und Pflegeheime so erstmals so vor bis zu 35 Grad heißen Tagen gewarnt worden. Die Raumtemperatur zu senken und dafür zu sorgen, daß die Betreuten genug trinken, gehören dann zu den dringlichsten Aufgaben. Sagen die Meteorologen eine Hitzeperiode von über als zwei Tagen voraus, gilt erhöhte Warnstufe, bei der Ärzte, Krankenhäuser und Rettungsdienste alarmiert werden. Diese nach Angaben von Dr. Ursel Heudorf vom Frankfurter Gesundheitsamt notwendigen präventiven Maßnahmen sollen helfen, die Zahl der Menschen mit hitzebedingten Erkrankungen und Todesfällen zu verringern. (hsr)

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Immuntherapie gewinnt an Stellenwert in der MS-Therapie

Die Therapieoptionen bei Multipler Sklerose (MS) haben sich erweitert. Neue Substanzen werden daher auch in die aktualisierten Leitlinien Einzug halten. mehr »

Polarisierung – Chance für das Parlament

Gesundheitspolitik in Zeiten der großen Koalition – das stand für die fehlende Konkurrenz der Ideen. Der Souverän hat die Polarisierung gewollt. Das ist eine Chance für die Demokratie. mehr »