Ärzte Zeitung, 07.11.2007

Schulung stärkt Neurodermitis-Patienten

Hautausschläge machen anfällig für Depressionen / Standardisiertes Konzept für Schulungen erarbeitet

Vor allem bei langer Erkrankungsdauer einer Neurodermitis beeinträchtigt das Hautbild die psychische Situation und die Lebensqualität der Patienten stark. Ein wichtiges Mittel zur Abhilfe sind Schulungen. Dafür gibt es nun ein standardisiertes Konzept.

Von Uwe Groenewold

Zur Besserung einer atopischen Dermatitis eignen sich vier Maßnahmen. Dr. Sibylle Scheewe von der Fachklinik Sylt hat sie beim Allergiekongress in Lübeck vorgestellt.

  • Eine dermatologische Therapie: Lassen die Symptome deutlich nach, nimmt meist die Lebensqualität zu. Ziel ist, die akuten Schübe zu reduzieren und langfristig den Hautausschlag zu verbessern. Dies erfordert eine gute Compliance der Patienten.
  • Ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis: Ein Gespräch über die Gefühlslage oder die soziale Situation stabilisiert die Patienten.
  • Begleitende psychotherapeutische Verfahren und Entspannungstechniken.
  • Schulungen: Dabei lernen die Patienten Kompetenz bei der Krankheitsbewältigung.

Neurodermitis-Schulungen beeinflussen nach Angaben Scheewes Psyche und Krankheitsverlauf besonders: "Bei den Schulungen lernen Kinder und Erwachsene, mit Therapie und Krankheit besser umzugehen. Dadurch verringern sich auch die Kosten."

Die Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung (AGNES) hat mit Unterstützung des Bundesgesundheitsministeriums ein standardisiertes Schulungskonzept über sechs Mal zwei Stunden erarbeitet. 2007 haben es die meisten Krankenkassen an- erkannt. Erste Verträge, die eine Kostenerstattung garantieren, wurden vor wenigen Wochen unterzeichnet, berichtete Scheewe.

Wie dringend eine Intervention ist, demonstrierte Dr. Tatjana Steen von der Medizinischen Hochschule Hannover mit einer Fragebogen-Untersuchung. Bei den 125 Teilnehmern, die im Schnitt bereits 30 Jahre an atopischer Dermatitis litten, korrelierten die Hautsymptome mit der psychischen Beeinträchtigung. Depressionen und Stigmatisierung mindern die Lebensqualität am meisten. Ein negatives Selbstbild und Scham- gefühle beschleunigen den sozialen Rückzug. Viele Patienten sind schon vor einem ersten Kontakt aus Angst vor Ablehnung verunsichert.

Die Hauterkrankung stört auch die Partnerschaft

Die psychischen Belastungen stören auch die Partnerschaft: 58 Prozent der Patienten und 37 Prozent der Partner gaben in einer Befragung an, dass die Hauterkrankung ihr Sexualleben beeinträchtige. Vorangehende Untersuchungen hatten ergeben: Körperkontakt und Zärtlichkeiten waren verringert.

Auch 92 Prozent der Mädchen und Jungen mit Neurodermitis empfinden einer Studie zufolge starke Einschränkungen ihrer Lebensqualität. Familien mit Kindern, die an Neurodermitis erkrankt sind, fühlen sich in ihrem Alltag stärker beeinträchtigt als Familien, in denen ein Kind mit Typ-1-Diabetes aufwächst. Eltern von Kindern mit Neurodermitis sind permanent erschöpft und gestresst. Bei den Kindern stehen Juckreiz und Schlafstörungen an der Spitze der Symptome.

Darüber hinaus leiden viele Mädchen und Jungen unter Ausgrenzung durch ihre Altersgenossen. "Die Kinder hänseln mich wegen meines Ekzems. Das tut mir weh. Denn ich will nicht anders sein als die anderen." - "Ich will nicht, dass man die Flecken auf meinen Knien und Ellbogen sieht. Das ist mir peinlich." - Aussagen von acht- und neunjährigen Kindern mit atopischer Dermatitis.

Weitere Infos, auch zu den Möglichkeiten für Kollegen, Neurodermitistrainer zu werden, gibt es im Internet unter www.neurodermitisschulung.de

STICHWORT

Neurodermitis

Bis zu fünf Millionen Menschen in Deutschland haben Neurodermitis. Der Inzidenzgipfel liegt im ersten und zweiten Lebensjahr. Bis zum dritten Jahr werden rund 40 Prozent der Kinder wieder symptomfrei. Insgesamt sind acht bis 17 Prozent der Kinder erkrankt, in Städten sogar 30 Prozent. Hauptursache ist eine gestörte Barriere-Funktion der Haut. Eine konsequente Pflege hat das Ziel, wieder einen intakten Schutzmantel herzustellen. Auch sollen die Patienten Irritationen wie Schwitzen meiden: 42 Prozent reagieren darauf empfindlich. Fast genauso viele vertragen keine Wollfasern. Nylon und Perlon sind ebenfalls ungünstig. Wesentlich besser eignen sich Kleidungsstücke aus Baumwolle, Seide, Leinen oder Mikrofasern. (hbr)

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