Ärzte Zeitung online, 11.04.2017

Chronische Wunden

Wundbehandlung mit Fischhaut

Extremitäten regenerieren wie ein Axolotl – das ist noch Zukunftsmusik. Aber bald könnte ein Enzym des Amphibiums die Wundheilung revolutionieren. Bereits verfügbar ist die Unterstützung der Wundheilung durch Dorschhaut.

Von Friederike Klein

Wundbehandlung mit Fischhaut

Ulcus cruris: Die Behandlung von Wunden mit Fischhaut ist im klinischen Alltag angekommen.

© Dr. Hans Schulz, Bergkamen

MÜNCHEN. "Ein Axolotl ist ein Supermodell der Wundheilung", berichtete die Biologin Dr. Sarah Strauß von der Medizinischen Hochschule Hannover beim 134. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in München.

Das Amphibium mit dem lateinischen Namen Ambystoma mexicanum kann seine Extremitäten komplett regenerieren und das beliebig oft. An der Amputationswunde bildet sich eine Blastemkappe von dedifferenzierten Zellen, die proliferieren, später wieder redifferenzieren und die Extremitäten-spezifischen Muster entwickeln.

Als einen Wirkstoff, der dabei von Bedeutung ist, konnten die Forscher in Hannover die Lipoxygenase AmbLOXe identifizieren. Das Enzym wird besonders stark exprimiert in dem Blastem, aber auch in der sich ja ständig erneuernden Haut und in Embryonen, aber nicht in unverletztem Gewebe des Amphibienbeins oder in Muskeln, Gehirn und Blutzellen.

Bringt man das entsprechende Gen in menschliche Fibroblasten ein, ergibt sich im In-vitro-Wundassay (Scratch-Test) ein rascheres Verschließen des Wundspalts als bei nicht-transfizierten Kontrollen.

Dorschhautmatrix gibt Struktur

Im Mausmodell ließ sich ein ähnlicher Effekt auf die Geschwindigkeit des Wundverschlusses in vivo beobachten, der einer Standardwundversorgung oder einer feuchten Wundversorgung überlegen war. Aktuell ist die Lipoxygenase zur Patentierung angemeldet und die Produktion des rekombinanten Proteins in E. coli möglich. Bis AmbLOXe in den klinischen Alltag einziehen kann, wird aber noch viel Zeit vergehen.

Bereits im klinischen Alltag angekommen ist die zellfreie Gewebematrix aus Fischhaut, wie der Gefäßmediziner Dr. Holger Diener vom Universitären Herzzentrum in Hamburg berichtete. Die Matrix soll eine Basis bieten für Zellmigration und –proliferation und dabei möglicherweise bisherigen humanen und xenogenen Matrizes überlegen sein.

Das aus dem Norden Island stammende neue Produkt besteht aus einer Hautmatrix des dort lebenden atlantischen Dorschs. Es ist von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA bereits als Medizinprodukt zugelassen worden. In Studien kam es zu einer Vermehrung von pluripotenten Stammzellen, die in die Fischhautmatrix einwachsen und zu einer verstärkten Proliferation führen. Die Matrix ist strukturell der menschlichen Hautmatrix ähnlich und mit Poren durchsetzt, was laut Diener eine wichtige Rolle für die Stammzellvermehrung zu spielen scheint.

Auch Effekte auf die Angiogenese sind in vitro belegt. Auf der anderen Seite sind enthaltene Omega-3-Fettsäuren für die Förderung der Wundheilung relevant. Sie sollen antiinflammatorisch, aber auch antibakteriell wirken. In vitro ließ sich laut Diener sogar eine antivirale Aktivität, zum Beispiel gegen Herpes simplex-Viren, demonstrieren. Die Zellaktivität ist bei Verwendung der Fischhautmatrix wesentlich höher als beispielsweise bei Verwendung einer porcinen Harnblasenmatrix. Zu einer Antigenreaktion auf das Fischprodukt kam es in Studien bisher nicht.

Erste positive Erfahrungen

Nach ersten Berichten über eine bessere Heilung besonders schwieriger Wunden hat auch Diener begonnen, das Fischhautprodukt in Fällen mit chronischen, nicht heilenden Wunden einzusetzen. "Ich war selbst sehr überrascht", sagte er.

"Bei vier von zehn Patienten mit pAVK und Diabetes mellitus haben wir die zwischen zwei Monaten und zweieinhalb Jahren nicht verheilten Wunden innerhalb von drei Monaten komplett zur Abheilung gebracht." Und bei den übrigen Patienten konnten mit der Fischhaut die Wunden bisher um 19 Prozent bis 77 Prozent verkleinert werden, wobei die Patienten zum Teil erst kurz behandelt worden sind.

Überzeugt durch diese ersten Erfahrungen wird derzeit in Hamburg eine Studie aufgelegt, die prospektiv und randomisiert die Fischhautmatrix mit der Standardversorgung bei Wunden (Schaumabdeckung) bei Patienten mit pAVK oder diabetischem Fußsyndrom vergleicht. Auch Amputationsstümpfe, die anders gar nicht heilen wollen, seien ein potenzielles Einsatzgebiet für die sehr teuren Fischhautmatrices, ergänzte Diener.

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