Ärzte Zeitung, 28.07.2017
 

Sonnencremes aus Erdbeeren oder Karotten

Was taugt der natürliche Sonnenschutz?

Auch bei der Körperpflege setzen immer mehr Menschen auf Natur statt "Chemie". Forscher haben die Schutzwirkung von Himbeersamen, Kokosöl und Anderen nun untersucht – mit zwiegespaltenem Ergebnis.

Von Christine Starostzik

"Natur pur" ist zu wenig, "grüne" Produkte brauchen Partner

Attraktives Forschungsfeld: Bio-Sonnenschutz liegt im Trend.

© glisic_albina / stock.adobe.com

Neben bedeckender Kleidung ist die konsequente Anwendung von Sonnenschutzmitteln mit ausreichendem Lichtschutzfaktor (LSF) bekanntlich die beste Möglichkeit, Hautschäden durch ultraviolette (UV)-Strahlung zu vermeiden.

Um den entsprechenden Schutzeffekt zu erreichen, werden Sonnencremes, -lotionen und -gele mit Substanzen versetzt, die die Strahlung auf verschiedene Weise abschirmen: Chemische Filter etwa absorbieren UV-Strahlen und wandeln sie in langwelligeres Licht um, physikalische Filter wie Titandioxid oder Zinkoxid, heute meist als Nanopartikel, haben überwiegend reflektierende und streuende Eigenschaften.

Neben den UV-Filtern werden Sonnenschutzmitteln häufig auch hochaktive Antioxidantien zugesetzt, die die Wirkung der Filter unterstützen. Sie zerstören die durch intensive Sonneneinstrahlung vermehrt entstehenden schädlichen Sauerstoffradikale.

Da chemische Sonnenfilter aber nicht nur nützlich sind, sondern auch Allergien auslösen können, sucht man intensiv nach sicheren Alternativen. Viel Energie wird derzeit in die Erforschung pflanzlicher Extrakte gesteckt.

Experimente am Küchentisch

Auch die Verbraucher sind seit langem auf der Suche nach Alternativen zur Chemie. Himbeersamen-, Kokos- oder Weizenkeimöl – Hauptsache natürlich, heißt für viele die Devise. Nicht selten werden solche "Sonnenschutzmittel" eigenhändig in der Küche zusammengemischt.

Doch trotz vollmundiger Versprechen schützen reine Pflanzenextrakte in der Regel viel zu wenig vor den Gefahren des Sonnenlichts. Wissenschaftliche Untersuchungen verschiedener rein pflanzlicher Sonnenöle haben ergeben, dass diese nur 30–40 Prozent des UV-Lichts blockieren.

In Indien hat eine Forschergruppe die Schutzwirkung verschiedener einheimischer Öle untersucht, darunter Kokos-, Erdnuss-, Rizinus-, Neem-, Sesam- und Senföl. Das Ergebnis war ähnlich: Keines der Pflanzenöle schützte ausreichend gegen UVB-Strahlung.

Berechnungen von Lichtschutzfaktoren führten zu weiterer Ernüchterung: Oliven- und Kokosnussöle etwa brachten es auf LSF-Werte von 7–8, Rizinusöl auf 5–6, Mandelöl auf 4–5, Senf- und Chalumoograöl auf 2–3 und Sesamöl bildete mit LSF 1–2 das Schlusslicht.

Das Fazit der Untersucher: In reiner Form sind die Öle wegen der niedrigen LSF als Sonnenschutz ungeeignet. Weitere Negativaspekte sind die Schwankungen, denen Naturprodukte unterworfen sind, sowie die Verunreinigungsgefahr wegen fehlender Konservierung.

Darüber hinaus muss bei Produkten, die ätherische Öle enthalten, immer auch daran gedacht werden, dass im Zusammenhang mit der Sonne toxische Hautreaktionen auftreten können, die durch Schwitzen noch verstärkt werden. Diese Veränderungen reichen von Rötungen über Blasenbildungen bis hin zu starken Hautverfärbungen.

Attraktives Forschungsgebiet

In vielen Cremes und Lotionen für die tägliche Hautpflege sind bereits antioxidative Pflanzenwirkstoffe enthalten, die der Alterung entgegenwirken und vor weitergehenden Schäden schützen sollen.

Die Vermutung, dass einige dieser Substanzen aufgrund ihrer strukturellen Eigenschaften auch als natürliche Sonnenfilter fungieren könnten, hat sie näher in den Fokus der Forschung gerückt.

Besonders gut als Sonnenfilter geeignet scheinen Polyphenole wie Flavonoide oder Carotinoide, aromatische Verbindungen, die UVA- und UVB-Strahlung in einem Wellenlängenbereich von 200 bis 400 nm absorbieren.

Flavonoide kommen in der Natur vor allem in Früchten wie Erdbeeren, Grapefruits und Äpfeln, in Gemüse und Getränken wie Tee und Rotwein vor. Für die Pflanzen stellen sie unter den Blütenfarbstoffen die wichtigste Gruppe dar, da sie der Anlockung von Insekten dienen.

Carotinoide sind neben ihrer biologischen Funktion als Antioxidantien auch als Hormonvorstufen und wichtige Komponenten der Photosynthese aktiv. Außerdem sind sie für die gelbe, rote und orange Farbe von Früchten, Blumen, Wurzeln, Fischen, Vögeln und wirbellosen Tieren verantwortlich.

Zahlreichen Kosmetika wird das carotinoidreiche Öl der Buriti-Palme zugesetzt. Einer ersten Studie zufolge könnte es möglicherweise auch als Wirkverstärker in Sonnenschutzmitteln dienen.

Ernüchterung bei den Forschern

Doch obwohl in immer mehr Pflanzenextrakten eine photoprotektive Wirkung nachgewiesen werde, so das Resümee der Wissenschaftler, erfülle bislang keiner von ihnen die erforderlichen Voraussetzungen für einen effektiven Sonnenschutz und könnte deshalb nicht als natürliches Sonnenschutzmittel bezeichnet werden.

Ziel der Wissenschaftler ist es, neue Zusammensetzungen zu entwickeln, die sowohl gut verträglich sind als auch möglichst effektiv vor der schädlichen Wirkung der Sonne schützen.

Kombinationen sind für solche Ansprüche oft eine gute Lösung. Und so werden derzeit immer mehr geeignet erscheinende Pflanzenextrakte mit herkömmlichen Filtern kombiniert und die Produkte hinsichtlich ihrer UV-protektiven Eigenschaften getestet. Dabei soll die pflanzliche Komponente gewissermaßen als eine Art Wirkverstärker dienen.

Eine Steigerung des Schutzeffekts konnte etwa in einer Studie gezeigt werden, in der Lipid-Nanocarrier mit Öl aus Reisklee- und Himbeersamen in kosmetischen Formulierungen mit chemischen UV-Filtern (Butyl-Methoxydibenzoylmethan und Octocrylen) untersucht wurden.

In den Kombinationspräparaten verbesserte sich der Schutz gegenüber UVA-Strahlung durch den Pflanzenzusatz um 91 Prozent und gegenüber UVB-Strahlung um 93 Prozent. In dieser Studie, die als Meilenstein in der Nanotechnologie und Hautkosmetik gilt, konnte demnach ein synergistischer Effekt zwischen Pflanzenextrakten und synthetischen Filtern nachgewiesen werden.

Ein entsprechend verbesserter Hautschutz wurde auch durch den Zusatz von Öl des grünen Kaffees erreicht. Dessen polyphenolische Verbindungen sorgen in Kombination mit dem synthetischen Ethylhexyl-Methoxycinnamat für eine Steigerung des LSF um 20 Prozent.

Auch Extrakte eines kleinen südamerikanischen Baumes namens Garcinia brasiliensis haben möglicherweise das Zeug zum Kombinationspartner von UV-Filtern in Sonnenschutzmitteln. Im Rahmen von Zellstudien hat die Pflanze photoprotektive Eigenschaften erkennen lassen, die an die kommerzieller Sonnenschutzmittel mit LSF 15 heranreichen.

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