Ärzte Zeitung online, 11.10.2017

Ursachensuche

Psoriasis – Saufen gegen den Schuppenfrust?

Ein Grund für das vorzeitige Ableben von Menschen mit Psoriasis ist möglicherweise in ihrem Lebensstil zu finden. Ein britisches Forscherteam kam der Sache jetzt näher.

Psoriasis – Saufen gegen den Schuppenfrust?

Menschen mit Psoriasis haben ein um 58 Prozent höheres Risiko für einen alkoholbedingten Tod als vergleichbare Altersgenossen ohne diese Hauterkrankung, errechneten jetzt britische Forscher.

© Farina3000 / Fotolia

MANCHESTER. Glaubt man der Statistik, so haben Menschen mit Psoriasis ein erhöhtes Risiko für einen vorzeitigen Tod. Über die Gründe weiß man bislang wenig. Rosa Parisi von der University of Manchester und Kollegen haben jetzt untersucht, ob das Mortalitätsrisiko möglicherweise dem Alkoholkonsum dieser Menschen zuzuschreiben ist. In der vor Kurzem publizierten Kohortenstudie (JAMA Dermatol. 2017; online 15. Sept. 2017. doi:10.1001/jamadermatol.2017.3225) analysierten sie Patienten- und Sterbedaten von 55.537 Menschen über 18 Jahre, bei denen zwischen 1998 und 2014 erstmals eine Psoriasis diagnostiziert worden war, sowie von 854.314 Personen ohne die Hauterkrankung.

Der Anteil moderater Trinker war in beiden Gruppen gleich hoch (40,9 Prozent). Als schwere Trinker wurden in der Psoriasis-Kohorte 9,3 Prozent und in der Kontrollgruppe 7 Prozent klassifiziert. Die Probanden waren zu Studienbeginn durchschnittlich 48 bzw. 47 Jahre alt.

Deutlich erhöhtes Risiko für alkoholbedingten Tod

Das Ergebnis: Menschen mit Psoriasis haben ein um 58 Prozent höheres Risiko für einen alkoholbedingten Tod als vergleichbare Altersgenossen ohne diese Hauterkrankung. Weibliche Psoriatiker bezahlen ihre Trinkfreude der Studie zufolge sogar mit durchschnittlich fünf Lebensjahren.

So starben innerhalb eines durchschnittlichen Studienzeitraums von fünf Jahren in der Psoriasis-Gruppe 152 und in der Kontrollkohorte 1118 Menschen infolge ihres Alkoholkonsums. Die Frauen mit Psoriasis starben durchschnittlich im Alter von 55 Jahren, ohne Psoriasis mit 60. Die männlichen Trinker wurden 56 bzw. 57 Jahre alt. Die häufigsten Todesursachen waren mit 65 Prozent alkoholbedingte Leberkrankheiten, mit 23,7 Prozent Leberfibrose oder -zirrhose und mit 7,9 Prozent psychische und Verhaltensstörungen infolge des Alkoholmissbrauchs. Diese drei Diagnosen machten in der Gruppe der Psoriatiker somit fast 97 Prozent aller Todesursachen aus.

In der Kontrollgruppe waren die Hauptgründe die gleichen, ihr Gesamtanteil lag mit 92 Prozent aber etwas niedriger.

Zu wenig Unterstützung für den Weg aus der Sucht

Die britischen Forscher gehen davon aus, dass psychische Probleme, die mit der Psoriasis verbunden sind, den chronischen Alkoholmissbrauch oder die -abhängigkeit fördern können. Dies bestätige auch die Studie. Deutlich werde aber zudem, so die Autoren, wie häufig ein Alkoholmissbrauch übersehen werde und unbehandelt bleibe. Nur ein kleiner Teil derer, die infolge ihres Alkoholkonsums starben, war wegen der Sucht medikamentös therapiert worden (10,5 Prozent der Psoriasis-Patienten bzw. 10,9 Prozent in der Kontrollgruppe), obwohl die meisten stationär behandelt worden waren. Auch eine psychologische Unterstützung war nur 19,7 bzw. 14,4 Prozent der Verstorbenen angeboten worden. (ST)

[12.10.2017, 18:33:22]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Selbst erfüllende Prophezeiung?
Das Studiendesign spricht Bände: Um das Ergebnis im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung ("self-fulfilling prophecy") vorwegzunehmen, wurde das Studiendesign dahingehend modifiziert, dass man Psoriasis-Patienten mit z. T. schweren Krankheits-, Alltags- und Lebensbewältigungsproblemen schlicht und ergreifend mit Patienten o h n e derartige Morbiditätslast "vergleichen" wollte. Das ist der klassische Birne-Apfel-Vergleichs-Unsinn!

Im Sinne einer wissenschaftlichen Irreführung ("scientific misconduct") wurde formuliert: "Design, Setting, and Participants An incident cohort of patients with psoriasis aged 18 years and older was delineated for 1998 through 2014 using the Clinical Practice Research Datalink (CPRD) and linked to Hospital Episode Statistics (HES) and Office for National Statistics (ONS) mortality records. Patients with psoriasis were matched with up to 20 comparison patients without psoriasis on age, sex, and general practice."

"Alcohol-Related Mortality in Patients With PsoriasisA Population-Based Cohort Study" von Rosa Parisi et al.
https://jamanetwork.com/journals/jamadermatology/article-abstract/2652693
ist überflüssig, ärgerlich und irrelevant.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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[12.10.2017, 00:24:36]
Claudia Liebram 
Einfach respektlos
Noch respektloser gegenüber den Betroffenen geht es nicht, oder? Natürlich ist das ein Thema, das auch angesprochen und beforscht werden muss. Über die Ergebnisse muss man deshalb aber noch lange nicht auf diesem Niveau schreiben. Glaubt die Autorin, dass dadurch auch nur ein Betroffener sagt "Stimmt, muss ich mal drüber nachdenken" oder dass ein Arzt einen solchen Artikel ernstnimmt? zum Beitrag »
[11.10.2017, 13:41:44]
Monika Geissler 
Miese Wortwahl und Inhalt
Alkoholiker gibt es in allen Krankheitsbildern und häufig ist erhöhter Alkoholkonsum ein zusätzlicher Risikofaktor. Aber diese Art der Darstellung zeigt ein erschreckendes Boulevard-Presse-Niveau mit der (hoffentlich) unerwünschten Nebenwirkung einer Stigmatisierung aller Psoriatiker als potentielle Alkoholiker. Zudem möchte ich auf den Unterschied zwischen korrelierenden Merkmalen und ihren funktionellen (ursächlichen) Zusammenhängen hinweisen. zum Beitrag »

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