Ärzte Zeitung online, 28.11.2018

Mikrobiom-Forschung

Bei Akne und Neurodermitis ist die Haut falsch besiedelt

Immer deutlicher zeigt sich bei Hautkrankheiten wie Akne und atopischer Dermatitis, wie wichtig es ist, das Mikrobiom in die Therapie einzubeziehen.

Von Christine Starostzik

MÜNCHEN. Die Hautgesundheit hängt weitgehend davon ab, dass sich die vielen verschiedenen Mikroorganismen, die sich normalerweise auf der Oberfläche und in den Nischen tummeln, immer wieder in der für sie vorgesehenen Position und Anzahl einfinden. Dies schützt die Haut gegen Angriffe von außen.

Gerät der Keimcocktail der Haut, das Hautmikrobiom, aus der aktuellen Balance, droht Gefahr. Denn dann können sich ansonsten harmlose Hautkeime, die bis dato ein Schattendasein gefristet haben, plötzlich unkontrolliert vermehren und zu Krankheitserregern aufschaukeln, die zum Beispiel eine Akne oder atopische Dermatitis begünstigen (HautinForm 2018, 1: 14-15).

Während die Zusammenhänge zwischen Darmmikrobiom und Gesundheit schon seit vielen Jahren erforscht werden, zeichnen sich erste Erkenntnisse zum Einfluss der Hautkeime auf den Körper erst seit Kurzem ab. Die Besiedelung der Haut beginnt mit dem ersten Atemzug.

Je nachdem auf welche Weise ein Kind zur Welt kommt, wird es bei seiner Geburt von den Mikroorganismen der Mutter begleitet. Demnach lassen sich auf der Haut von Babys, die das Licht der Welt auf natürlichem Weg erblicken, vor allem Vertreter der Vaginalflora nieder. Kaiserschnittkinder dagegen werden zunächst von den Keimen der Umwelt besetzt.

Käseschmiere hält Krankheitserreger fern

Die eiweiß- und fettreiche Käseschmiere auf der Haut der Neugeborenen scheint einen positiven Einfluss auf die frühe Besiedelung zu haben. Sie hält Krankheitserreger fern und begünstigt das Wachstum nützlicher Hautkeime.

Dann kommen nach und nach immer mehr Mikroorganismen aus der Umwelt hinzu, die sich in verschiedenen Körperregionen niederlassen. Diese Zusammensetzung ändert sich mit der Pubertät, wenn es unter dem Einfluss einer neuen Hormonsituation zur "Reifung" des Hautmikrobioms kommt.

Vor allem im Gesicht, an den Schultern, dem Rücken und der Brust, wo die Talgdrüsen besonders aktiv werden, verändert sich die Flora. In solchen Übergangszeiten kann das Mikrobiom ganz besonders leicht aus der Balance geraten.

Nach der Pubertät werden zusätzlich zu Pilzen und Viren mehr als 1000 verschiedene Bakterienspezies auf der Haut gefunden. Dabei unterscheidet sich die Zusammensetzung des Mikrobioms nicht nur zwischen einzelnen Individuen, sie variiert auch an verschiedenen Körperstellen.

Denn je nach Hautbeschaffenheit bevorzugen unterschiedliche Mikroorganismen spezifische Orte. An feuchten Stellen wie etwa am Nabel oder in der Achsel lassen sich andere Keime nieder als in talgreichen oder trockenen Arealen. Insgesamt schätzt man, dass auf einem Quadratzentimeter Haut eine Million Mikroorganismen leben.

Das gesamte Hautmikrobiom besteht aus zwei verschiedenen Gruppen, dem "harten Kern" aus harmlosen oder nützlichen Kommensalen und den Bakterien aus der Umwelt, die sich nur für Stunden oder Tage ansiedeln und in der Regel wieder verschwinden, ohne Schaden anzurichten.

Zusammen mit der Hautbarriere bildet das intakte Mikrobiom ein Schutzschild gegen Angriffe von außen. Stoffwechselprodukte bestimmter Bakterien zum Beispiel tragen dazu bei, das Wachstum von Krankheitserregern zu hemmen.

Gestörte Keimmischung

Eine plötzlich aktiv gewordene Konkurrenz aus den eigenen Reihen oder die kurzfristige Besiedelung mit äußeren Eindringlingen allein kann das fein austarierte Gleichgewicht des Hautmikrobioms nicht aus der Bahn werfen.

Hierzu bedarf es verschiedener weiterer Faktoren, zu denen unter anderem Verletzungen, UV-Licht, Ernährung, falsches Hygieneverhalten, Lebensstil, Kosmetika sowie bestimmte Therapien zählen können. Durch den übermäßigen Einsatz von Antibiotika etwa kommt es neben der Ausbildung von Resistenzen auch zu einem permanenten Ungleichgewicht im Darm- und Hautmikrobiom.

Neben den zahlreichen externen Auslösern tragen auch interne Faktoren dazu bei, dass sich das Keimspektrum der Haut verändert. Während der Pubertät etwa, wenn die Talgdrüsen zu überschießender Produktion ansetzen und das Wachstum des Bakteriums Propionibacterium (P.) acnes beflügeln.

Ein übermäßiges Auftreten dieses Keims kann neben anderen pathogenen Faktoren entscheidenden Einfluss auf die Entstehung der Akne haben. Mit der Produktion kurzkettiger Fettsäuren etwa, die antibakteriell auf andere Bakterienarten wirken, schafft sich P. acnes Dominanz in seiner Nische.

Die sauren Umgebungsbedingungen, die dabei entstehen, hindern eine Reihe anderer Bakterienarten am Wachstum. So schwindet der bunte Reigen der Hautkeime und P. acnes kann sich in talgreichen Regionen ungestört weiter vermehren.

Korrektur des Hautmikrobioms

Immer deutlicher hat sich auch bei der atopischen Dermatitis (Neurodermitis) gezeigt, wie wichtig es ist, neben der gestörten Hautbarriere und den Entzündungsreaktionen das Mikrobiom in die Therapie einzubeziehen. Studien haben ergeben, dass im akuten Schub der atopischen Dermatitis die Diversität des Hautmikrobioms in der betroffenen Region verringert ist und der Keim Staphylococcus (S.) aureus in viel höherer Zahl als gewöhnlich vorliegt.

Bei Untersuchungen von Kindern ließ sich ein Zusammenhang zwischen dem geschrumpften Variantenreichtum der Mikroorganismen, der vermehrten Besiedelung mit S. aureus und dem Schweregrad des Ekzems erkennen.

Bislang versucht man den Hautzustand von Menschen mit Neurodermitis vorwiegend mithilfe einer intermittierenden Therapie zu normalisieren, bei der sich Behandlungsphasen und -pausen abwechseln. Produkte der Basispflege werden neben den üblichen Feuchthaltefaktoren mit Ceramiden, Niacinamid oder selenreichem Quellwasser versetzt, um das Wachstum einer gesunden Hautflora zu fördern.

Zudem ist man derzeit auf der Suche nach Korrekturmöglichkeiten für ein fehlbesetztes Hautmikrobiom. So wurden zum Beispiel Kaiserschnitt-Babys mit dem Vaginalsekret der Mutter eingerieben und damit eine eher vaginale Erstbesiedelung der Haut erreicht. Ob dies Einfluss auf die spätere Entwicklung von Hautkrankheiten haben wird, bleibt abzuwarten.

Ähnlich wie bei den Stuhltransplantationen versucht man jetzt auch, das Hautmikrobiom durch die Zufuhr bestimmter Keime gezielt zu regenerieren, damit es seiner ursprünglichen Aufgabe wieder nachkommen kann. (st)

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