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Ärzte Zeitung online, 30.06.2008

Schock wird unterschätzt - trotz Millionen von Toten weltweit

KÖLN (dpa). An Schock-Folgen sterben nach Experten-Einschätzung jährlich weltweit Millionen Menschen. Dennoch werden aber Schock-Zustände in ihrem Ausmaß noch völlig unterschätzt. Fünf Millionen Menschen sterben pro Jahr allein durch Unfälle an traumatischem Schock. Ursachen sind unter anderem starke Blutungen und Blutgerinnungsstörungen, die zu Organversagen und Kreislaufzusammenbruch führen.

Darauf wies der Direktor des Instituts für Forschung in der Operativen Medizin an der Universität Witten/Herdecke, Professor Edmund Neugebauer, in einem Gespräch mit dpa am Samstag zu Beginn des fünftägigen internationalen Schock-Kongresses in Köln hin.

Aus einem traumatischen Schock könne sich zudem eine Sepsis entwickeln - etwa, wenn Bakterien aus dem Darm in den Blutkreislauf geraten. "Von 100 000 Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr 100 an einem septischen Schock beziehungsweise an einer schweren Sepsis.

54 Prozent der Patienten mit schwerer Sepsis sterben innerhalb von 90 Tagen", betonte Neugebauer, der Präsident des Kongresses. "Schock ist einer der Hauptgründe unter allen Todesfällen, die Mortalitätszahlen liegen so hoch wie beim Krebs." Dies wollen die rund 700 renommierten Wissenschaftler aus aller Welt - etwa aus den USA, Japan, China und fast allen europäischen Ländern - in Köln in einer Abschluss- Erklärung klar herausstellen.

Die Zahlen seien "dramatisch" und stellten vor allem die Intensivmedizin vor eine riesige Herausforderung, betonte Neugebauer. Die Sterblichkeitszahlen könnten deutlich gesenkt werden, wenn ein Schock rechtzeitig und richtig behandelt werde. "Die Diagnose ist aber extrem schwierig, weil das Immunsystem völlig aus den Fugen gerät und breit betroffen ist", erklärte der Kölner Experte. "Auf dem Totenschein steht deshalb auch nicht: Tod durch Blutungsschock oder septischen Schock."

Beim Schock handele es sich nicht um eine Krankheit im eigentlichen Sinne, sondern um ein Syndrom, eine umfassende Komplikation. "Wir wissen noch zu wenig über den Schock als eine Entgleisung des Körpers - die hohe Todesrate spricht da ihre eigene Sprache." Der Experte hält umfassende Schulungen, eine bessere Diagnostik und Behandlung nach einheitlichen Standards für wesentlich. "Unser hehres Ziel ist es, die Mortalität nach Schock um 25 Prozent innerhalb der nächsten fünf Jahre zu senken."

Mit 1,77 Milliarden Euro im Jahr gehen dem Wissenschaftler zufolge rund 30 Prozent des Budgets der Intensivmedizin in Deutschland allein in die Behandlung schwerer Sepsis-Fälle. Für eine effektive Ursachenerforschung, Diagnose und Behandlung sei es entscheidend, das vorhandene Einzelwissen zum Thema Schock nun zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen: "Unser Problem ist ganz klar die Synthese, also das Verstehen der Zusammenhänge und das Zusammensetzen der Puzzleteile." Allerdings müssten dafür mehr Forschungsgelder in die Systemforschung gesteckt werden, verlangte Neugebauer.

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