Ärzte Zeitung online, 02.02.2009

Hilfe für Ersthelfer: Sensor hilft zu erkennen, wann reanimiert werden muss

KARLSRUHE (eb). Ein neues Gerät soll Ersthelfern die Entscheidung zur Reanimation erleichtern. Der Sensor misst Puls und Atmung und gibt anschließend eine Empfehlung. Die Entwickler hoffen, dass damit Überlebenschancen nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand steigen. Denn bislang würden sich nur etwa 14 Prozent der Ersthelfer zu einer notwendigen Reanimation entscheiden.

Das von Wissenschaftlern des Instituts für Biomedizinische Technik der Universität Karlsruhe entwickelte Gerät ist nicht größer als eine Walnuss und passt an jeden Schlüsselbund. Legt der Helfer den Sensor an den Hals des Patienten, analysiert er selbstständig Puls und Atmung. Anhand dieser Werte ermittelt das Gerät, ob Atmung und Herz-Kreislauf-System gestört oder ausgesetzt sind und der Helfer eine Reanimation einleiten muss.

"Antrieb für die Entwicklung des Gerätes war die Tatsache, dass es in Notfallsituationen für das Überleben einer bewusstlosen Person entscheidend ist, dass Laien den lebensbedrohenden Zustand möglichst sofort erkennen und die Person rasch richtig versorgen", berichtet Dr. Marc Jäger vom Institut für Biomedizinische Technik. "Neben meiner Tätigkeit als Wissenschaftler bin ich aktiver Feuerwehrmann und sah bei vielen Verkehrsunfällen, dass die Ersthelfer hier Unterstützung brauchen. Daher habe ich das Projekt vor drei Jahren initiiert."

Mit jeder Minute ohne Herz-Lungen-Wiederbelebung sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent. Zehn Minuten nach einem Kreislaufstillstand gibt es üblicherweise kaum Überlebenschancen.

"Außer beim PKW-Führerschein gibt es keine Pflichtveranstaltung für Erste-Hilfe-Maßnahmen, und das im Schnellverfahren erworbene Wissen geht häufig mit der Zeit verloren. Laut Statistik trauen sich bei einem Notfall mit Herz-Kreislauf-Stillstand zufällig anwesende Personen nur in 14 Prozent der Fälle zu reanimieren", so Jäger. Von diesen Ersthelfern wiederum seien aber nur knapp die Hälfte in der Lage den Puls richtig zu tasten. Dies führe dazu, dass im Ernstfall nicht einmal jede zehnte Person mit Atem- und Herzkreislaufstillstand durch einen Ersthelfer korrekt reanimiert wird. Das neue Sensorsystem kann nun eine klare Entscheidungsgrundlage in den entscheidenden ersten Minuten geben und so die Überlebenschance des Patienten steigern.

Die technische Umsetzung des neuen Gerätes gelang den Entwicklern durch neuartige nichtlineare Methoden. Diese ermöglichten es, Puls und Atmung am Hals punktuell und zeitgleich zu erfassen. So sorgt das Heben und Senken des Brustkorbs oder Bauchs beim Atmen ebenso wie das in den Adern pulsierende Blut zu periodischen mechanischen Veränderungen an der Körperoberfläche. Das Konzept der Signalerfassung beruht auf der Idee, diese kleinsten Änderungen in den obersten Körperschichten zu detektieren.

Gegenüber bisher auf dem Markt erhältlichen Systemen hat das neue Gerät entscheidende Vorteile. Der AED (automatischer externer Defibrillator) beispielsweise misst das elektrische Signal (EKG), kann aber damit nicht zwangsläufig bestimmen, ob tatsächlich Blut im Gehirn ankommt, und ist mit durchschnittlich 2000 Euro relativ teuer. Das Pulsoxymeter reagiert zum einen nur sehr träge auf einen Atemstillstand (mehrere Minuten), zum anderen sind die Messergebnisse bei der Minderdurchblutung der Extremitäten im Schockzustand nicht mehr zuverlässig.

Die Projektgruppe um Marc Jäger hat den "Erste-Hilfe-Sensor" so konzipiert, dass er mobil und kostengünstig ist. "Der Preis wird im ein- bis zweistelligen Eurobereich liegen", so der Wissenschaftler. "Wichtig war uns auch, dass er ständig einsatz- und griffbereit ist und beispielsweise im Verbandskasten einen Platz hat oder am Schlüsselbund hängen kann."

Derzeit erkennt das System den Zustand der Person in knapp neun von zehn Fällen korrekt. Die Wissenschaftler am Institut für Biomedizinische Technik arbeiten mit Hochdruck daran, die Erkennungsrate noch deutlich zu steigern.

Für seinen "Erste-Hilfe-Sensor" wurde Dr. Marc Jäger bereits im November 2008 ausgezeichnet. Beim Fresenius Erfinderpreis 2008 erhielt er den dritten Preis.

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