Ärzte Zeitung online, 02.04.2009

Wenn Kälte Leben rettet - bessere Überlebenschancen nach Herzstillstand

LEIPZIG (eb). Die Abkühlung des Körpers auf 32 bis 34 °C verbessert bei Menschen, die nach einem Herzstillstand wiederbelebt wurden, die Überlebenschancen. Obwohl in internationalen Leitlinien empfohlen, kommt die sogenannte therapeutische Hypothermie in Deutschland noch viel zu selten zum Einsatz. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) hin.

Wohl jeder kennt Zeitungsberichte über Menschen, die nach einigen Stunden aus kalten Gewässern oder Lawinen gerettet werden konnten. Das Erstaunliche daran: Noch nach so langer Zeit gelingt eine Wiederbelebung und die Betroffenen tragen keine Folgeschäden davon. "Diese Fälle verdeutlichen eindrucksvoll, dass Kälte lebensrettend sein kann. Sie senkt unter anderem den Sauerstoffbedarf des Gehirns und verzögert damit auch das Absterben von Nervenzellen", erklärt Professor Bernd W. Böttiger vom Universitätsklinikum Köln.

Entscheidend ist jedoch, dass es sich beim therapeutischen Einsatz von Kälte um eine milde Kühlung handelt. Denn eine zu starke Abkühlung des Körpers auf unter 32 °C führt zu Herzrhythmusstörungen, eine Temperatur unter 28 °C zum Herzstillstand.

Eine Abkühlung auf 32 bis 34 °C hat sich jedoch als sicher erwiesen. Studien haben gezeigt, dass sie die Überlebenschancen von Menschen, die nach einem Herzstillstand erfolgreich wiederbelebt werden, deutlich erhöht. "Einem von sechs Patienten können wir durch die Kühlung das Leben retten", berichtet Böttiger im Vorfeld der DGAI-Jahrestagung. "Damit bietet das Verfahren außerordentlich gute Erfolgsaussichten."

Für die Umsetzung, die nur auf Intensivstationen und unter ständiger Kontrolle erfolgen sollte, stehen verschiedene Kühlverfahren zur Verfügung. So kommen neben Eispackungen oder mit einem Kühlmittel gefüllten Kopfhauben auch Infusionen kalter Flüssigkeiten oder spezielle Kühlkatheter zum Einsatz.

Die therapeutische Hypothermie nach Herz-Kreislauf-Stillstand wird heute in internationalen Leitlinien empfohlen. In Deutschland kommt sie jedoch noch viel zu selten zum Einsatz. "Nach einer Umfrage unter Intensivmedizinern wendet nicht einmal jede dritte bis vierte Klinik das Verfahren regelhaft an", so Böttiger.

Der Experte hofft, dass es im Rahmen der DGAI-Jahrestagung gelingt, mehr Ärzte auf die bislang unterschätzte Therapie aufmerksam zu machen. Auf dem Kongress sollen nicht nur bewährte Anwendungsgebiete der therapeutischen Hypothermie wie der Herz-Kreislauf-Stillstand, sondern auch mögliche weitere Indikationen wie ein Schädel-Hirn-Trauma oder Schlaganfall diskutiert werden.

[21.04.2009, 10:37:18]
Annette Mende 
Antwort auf Leserkommentar
Professor Bernd W. Böttiger und Dr. Peter Teschendorf vom Universitätsklinikum Köln beantworten die Anfrage von Herrn Kollegen Dr. Matthias Boettger wie folgt:

"Es ist richtig, dass entsprechend unserer internationalen Empfehlungen eine frühestmögliche Kühlung erfolgen sollte. Die Kühlung kann – das ist vergleichsweise sicher und das wurde in einigen klinischen Studien so gezeigt – und sollte damit wenn möglich auch bereits prähospital bzw. im Rettungsdienst erfolgen. In vielen Rettungsdienstbereichen ist es inzwischen eine etablierte Therapie, reanimierten Patienten bis zu 30 ml/kgKG 4°C kalte kristalline Infusionen zur Induktion der therapeutischen Hypothermie zu verabreichen. Dies muss natürlich im Rahmen eines standardisierten Protokolls erfolgen.

Laut den Leitlinien des International Liaison Committee on Resuscitation (ILCOR) und des European Resuscitation Council (ERC; www.erc.edu) sollte die Kühlung so früh als möglich, aber spätestens innerhalb der ersten Stunden nach kardiopulmonaler Reanimation (CPR) eingeleitet werden. Tierexperimentelle Studien zeigen ganz klar: je früher, desto besser. Die bis heute vorliegenden klinischen Daten können die Frage nicht eindeutig beantworten, ab welchem Zeitintervall zum Beginn des Kreislaufstillstandes eine therapeutische Hypothermie keinen Sinn mehr macht. So lag der Kühlbeginn in den beiden den Erfolg klar dokumentierenden großen Studien innerhalb der ersten 2 Stunden nach CPR. Derzeit laufen klinische Studien, die abschließend klären sollen, ob es ganz generell wichtig und von Vorteil ist, bereits prähospital mit der Kühlung zu beginnen.

Klar ist, dass die weiterführende Kühlung (32-34°C für 12-24 h nach Herz-Kreislaufstillstand) nur auf Intensivstationen mit entsprechend umfassender Überwachung der Patienten stattfinden sollte. Wichtige Punkte hierbei sind die Vermeidung von zu „tiefem Kühlen“ und eine entsprechende Therapie potenzieller und seltener Nebenwirkungen dieser Therapie (Gerinnungsstörungen, Herzrhythmusstörungen, Infektionen/Pneumonien, Kältediurese, Elektrolytstörungen, Insulinresistenz, Kältezittern bei ungenügender Sedierung, Pankreatitis).
All diese Nebenwirkungen sind generell selten und nicht signifikant häufiger als in vergleichbaren Patientenkollektiven ohne Kühlung. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass die Gefahr der Nebenwirkungen größer ist, wenn mit der Kühlung der Patienten bereits prähospital begonnen wird.

Wichtig ist es also, diese Patienten zu kühlen, und es spricht nichts dagegen, damit bereits prähospital zu beginnen. Die weiterführende Kühlung muss auf einer Intensivstation erfolgen."

Professor Böttiger ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln

Dr. Peter Teschendorf ist Leitender Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln zum Beitrag »
[08.04.2009, 08:43:21]
Annette Mende 
Anfrage weitergeleitet
Sehr geehrter Herr Dr. Boettger,

wir haben Ihre Anfrage an die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin weitergeleitet. Wir werden Sie an dieser Stelle informieren, sobald wir eine Antwort haben.

Die International Liaison Committee on Resuscitation (ILCOR) empfahl im Jahr 2003 bei bewusstlosen Erwachsenen mit ROSC nach initialem Kammerflimmern eine Kühlung des Patienten auf 32-34°C für 12-24 Stunden. Laut der Richtlinie sollte die Kühlung so früh wie möglich nach ROSC einsetzen, schien aber auch vier bis sechs Stunden danach noch Erfolg versprechend zu sein (http://circ.ahajournals.org/cgi/content/full/108/1/118).

Mit freundlichen Grüßen

Annette Mende
Ärzte Zeitung Online zum Beitrag »
[06.04.2009, 13:56:12]
Gabriele Wagner 
Geht nicht wertvolle Zeit verloren?
Per E-Mail erreichte uns dieser Kommentar von Herrn Kollegen Dr. Matthias Boettger von der Odebornklinik Bad Berleburg:

Im Artikel wird gefordert, Hypothermien, z.B.durch Infusionen nur auf Intensivstationen unter Überwachung durchzuführen. Ist dies eine gesicherte Meinung - bis reanimierter Patient auf ITS eintrifft, geht wertvolle Zeit verloren, oder?

 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

30 Minuten Bewegung am Tag verhindern jeden 12. Todesfall

Bewegung verlängert das Leben, das bestätigt die bisher größte Studie zum Thema. Und: Bewegung im Alltag reicht dazu schon aus, es muss kein anstrengender Sport sein. mehr »

Merkel beansprucht Führung weiter für sich

Drastische Einbußen, aber immer noch vorn: Die Wähler versetzen der Union einen Kinnhaken. Die große Koalition scheint passé. Auch die Umfrageteilnehmer der "Ärzte Zeitung" hatten bereits im Vorfeld eine neue "GroKo" abgelehnt. mehr »

Impfpflicht löst Masernproblem nicht

Eine Impfpflicht bei Masern würde ungeimpfte Erwachsene als Verursacher nicht erreichen und Skeptiker vor den Kopf stoßen. Ausbrüche sind nur mit mehr Engagement zu verhindern, so RKI-Präsident Prof. Lothar Wieler. mehr »