Ärzte Zeitung online, 28.07.2009

Der hyperaktive Präsident im Krankenbett

PARIS(dpa). War es ein einfacher Kreislaufkollaps nach Monaten extremer Arbeitsbelastung oder doch etwas Schlimmeres? Nach dem Schwächeanfall von Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy beim Joggen wird heftig über die möglichen Ursachen spekuliert. Der Staatschef mit dem Spitznamen "Monsieur 100 000 Volt" spazierte bereits nach einem Tag aus dem Krankenhaus und zeigte sich an der Seite von Ehefrau Carla Bruni lächelnd den Fernsehkameras.

Dennoch konnte er Zweifel an der offiziellen Darstellung nicht aus dem Weg räumen. Schließlich hatten mehrere seiner Amtsvorgänger die Öffentlichkeit über schwere Erkrankungen im Unklaren gelassen.

Argwohn weckten vor allem Erklärungen von Vertrauten des 54-Jährigen. Élysée-Generalsekretär Claude Guéant ließ am Sonntagnachmittag eine Zeitung wissen, dass der Präsident bei seinem Lauf in einem Park in Versailles bewusstlos geworden sei. Auch Zeugen wollen in der Nähe von Sarkozys Wochenend-Residenz "La Lanterne" beobachtet haben, wie ein Läufer zusammengebrochen sei. Die Presseabteilung des Élysée dementierte dies kurz darauf. "Der Präsident ist nicht bewusstlos gewesen", hieß es gleich zweimal.

Am Montag erregte dann der Sprecher von Sarkozys Regierungspartei UMP, Frédéric Lefebvre, Aufsehen. Auf die Frage, ob der Vorfall ein Alarmzeichen gewesen sei, antwortete er: "Wenn eine Herzattacke kein Alarm ist, was ist dann ein Alarm?" Offiziell hatte man auch einen Herzanfall kurz zuvor ausgeschlossen. Der Präsident müsse nicht weiter behandelt werden, hieß es. Lediglich ein paar Tage Ruhe solle er sich gönnen. Lefebvre ließ wenig später mitteilen, er sei falsch verstanden worden. Seine Aussage sei nicht auf Sarkozy bezogen gewesen.

Der Präsidentenpalast bemühte sich deutlich, seinen Chef als Opfer einer ganz normalen Überbelastung darzustellen. Sarkozy soll kurz vor dem Zwischenfall bereits eine Dreiviertelstunde in der Mittagshitze trainiert haben. Der französische Präsident gilt als begeisterter Radfahrer und Läufer. Der Élysée wies außerdem auf die extreme Arbeitsbelastung in den vergangenen Wochen hin. "Es geht ihm gut, er hat Hunger, er meckert herum, alles ist bestens", sagte Patrick Balkany, ein Vertrauter Sarkozys, wenige Stunden nach dem Zwischenfall. Der Schwächeanfall sei Folge von Müdigkeit und Anstrengung. Zudem mache der Präsident Diät, weil er nicht übergewichtig werden wolle.

In den Medien wurde ausführlich über die "Hyperaktivität" des Präsidenten diskutiert, der sich kaum eine ruhige Minute gönnt. 65 Länder hat Sarkozy in den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit bereits besucht. Auch während der EU-Ratspräsidentschaft galt er als "Hans Dampf in allen Gassen". Seine knapp 13 Jahre jüngere Frau, die als Sängerin und Ex-Model bekannte Carla Bruni, soll ihn außerdem auf Trab halten. Er begleitete sie erst kürzlich auf einer Kurzreise zu ihrem Auftritt in New York.

Hintergrund der Aufregung sind die schlechten Erfahrungen der Franzosen aus der Vergangenheit. Lange wurde der Gesundheitszustand des Präsidenten als Staatsgeheimnis betrachtet - fast so wie die Gesundheit der Kreml-Führer zu Zeiten der Sowjetunion. François Mitterrand hatte über Jahre hinweg eine Krebserkrankung verschwiegen. Georges Pompidou starb mit 62 Jahren, ohne dass die Öffentlichkeit vorher erfahren hätte, dass er an der Krankheit Morbus Waldenström litt.

Sarkozy hatte deswegen im Wahlkampf 2007 versprochen, regelmäßig über seinen Gesundheitszustand zu informieren. Bei einer Überprüfung des Blutbildes und des Herz-Kreislauf-Systems sei alles in Ordnung gewesen, hatte er erst Anfang Juli mitteilen lassen.

In den nächsten Wochen wird Sarkozy ohne schlechtes Gewissen entspannen können. Am Mittwoch will er die letzte Kabinettssitzung vor der Sommerpause leiten. Danach geht es in den Urlaub in die Luxusresidenz seiner Frau am Cap Nègre am Mittelmeer.

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