Ärzte Zeitung online, 30.07.2010

Erhöhtes Herzinfarktrisiko durch Kalzium-Supplementierung?

AUCKLAND (ob). Die regelmäßige Einnahme von Kalziumpräparaten (ohne gleichzeitige Vitamin-D-Gabe) zur Vorbeugung oder Behandlung einer Osteoporose ist anscheinend mit einem erhöhten Herzinfarktrisiko assoziiert. Diesen Verdacht legen jedenfalls aktuell publizierte Ergebnisse einer Metaanalyse klinischer Studien nahe.

Erhöhtes Herzinfarktrisiko durch Kalzium-Supplementierung?

Kalzium als Nahrungsergänzungsmittel: Forscher haben ein erhöhtes Herzinfartk-Risiko ausgemacht.

© blacksock / fotolia.com

Die in der Praxis zur Prävention von Osteoporose häufig angewandte Kalzium-Supplementierung erhöhe die Knochendichte und trage zu einer - wenn auch moderaten - Reduktion von Frakturen bei, schreibt die neuseeländische Forschergruppe um Dr. Mark J. Bolland aus Auckland (BMJ online). Erfahrungen bei Patienten mit Niereninsuffizienz oder Dialyse-Behandlung zeigten allerdings, dass eine erhöhte Kalziumzufuhr per Supplementierung die Gefäßverkalkung beschleunigen und die Mortalität erhöhen kann.

Empfehlung des Dachverbands Osteologie (DVO) zur Osteoporose- und Frakturprophylaxe

Eine Zufuhr von 1000 mg Kalzium täglich mit der Nahrung ist ausreichend. Nur, wenn die empfohlene Kalziumzufuhr mit der Nahrung nicht erreicht wird, sollte eine Supplementierung durchgeführt werden. Die Gesamtzufuhr aus Nahrungskalzium und Supplementen sollte 1500 mg jedoch nicht überschreiten.
Der tägliche Bedarf von 1000 mg Kalzium wird heute auch von vielen älteren Menschen gut durch die tägliche Nahrungszufuhr gedeckt, sagt Professor Johannes Pfeilschifter, der Koordinator der DVO-Leitlinie. Zur Orientierung: Eine Scheibe Käse oder 1 Glas Milch enthält etwa 300 mg Kalzium, 1 Joghurt etwa 120 mg Kalzium, 1 Liter kalziumreiches Mineralwasser 200 bis 500 mg Kalzium. Eine zusätzliche Supplementierung mit Kalziumtabletten ist nach Angaben des Experten nur bei einer Kalziumzufuhr durch die Nahrung von weniger als 1000 mg sinnvoll. In der Leitlinie werde bewusst eine Obergrenze der empfohlenen Gesamtkalziumzufuhr von 1500 mg angegeben, um zu betonen, dass eine höhere Kalziumzufuhr für den Knochen keine Vorteile bringt und möglicherweise negative kardiovaskuläre Auswirkungen wie eine erhöhte Herzinfarktrate hat. (ikr)

Um mögliche kardiovaskuläre Risiken einer Nahrungsergänzung mit Kalziumpräparaten zuverlässiger beurteilen zu können, haben sich Bolland und seine Kollegen zu einer Metaanalyse entschlossen. Basis ihrer systematischen Analyse bilden 11 randomisierte klinische Studien, an denen knapp 12 000 Patienten beteiligt waren. Verglichen wurde jeweils die Supplementierung von Kalzium (> 500 mg/Tag) mit der Gabe von Placebo. Von fünf dieser Studien waren die individuellen Patientendaten (Rohdaten) für die Auswertung verfügbar, von den übrigen Studien wurden die Literaturdaten herangezogen. Ein wichtiger Punkt: Studien mit kombinierter Kalzium- und Vitamin-D-Behandlung blieben von der Analyse ausgeschlossen.

Auf Basis der Daten aller 11 Studien kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass die Kalzium-Supplementierung im Vergleich zu Placebo im vierjährigen Beobachtungszeitraum mit einem um 27 Prozent erhöhten Risiko für einen Myokardinfarkt (166 versus 130 Patienten mit Ereignis) assoziiert war.

Bei exklusiver Auswertung der individuellen Patientendaten betrug die relative Risikoerhöhung 31 Prozent. Die Analyse dieser Daten ergab zudem einen Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Risiko und der Kalziumzufuhr in der Nahrung: Studienteilnehmer in der Subgruppe, die per Nahrung im Median täglich mehr als 805 mg Kalzium aufnahm, hatten bei zusätzlicher Kalzium-Supplementierung ein signifikant höheres Infarktrisiko, Teilnehmer mit geringerer Kalziumaufnahme dagegen nicht. Für den Endpunkt Schlaganfall sowie den kombinierten Endpunkt aus den Ereignissen Herzinfarkt, Schlaganfall und plötzlicher Herztod ergab sich dagegen keine signifikante Risikoerhöhung.

Obwohl die ermittelte Erhöhung der Herzinfarktrisikos relativ moderat sei, könnten die Auswirkungen auf Bevölkerungsebene, so die Studienautoren, angesichts der weit verbreiteten Einnahme von Kalziumpräparaten doch erheblich sein. Sie fordern deshalb, den Stellenwert der Kalzium-Supplementierung in der Prävention und Behandlung der Osteoporose zu überdenken und vor allem deren vaskuläre Effekte künftig genauer zu erforschen.

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