Ärzte Zeitung online, 08.10.2010

Deutschland ist Weltmeister bei Transkatheter-Klappenersatz

NÜRNBERG (MUC/RK). Der Ersatz der Aortenklappe mittels Kathetertechnik (TAVI) sorgt für Zündstoff in der Herzmedizin. Wie beim Herbstkongress der DGK in Nürnberg deutlich geworden ist, streiten die Fachgruppen Kardiochirurgie und Kardiologie um die richtige Indikation für dieses Verfahren.

Wie Professor Udo Sechtem aus Stuttgart erläutert hat, sind Kardiologen damit erstmals in der Lage einen Aortenklappenersatz vorzunehmen - ein Eingriff, der bisher in Form der Aortenklappenrekonstruktion oder des Klappenersatzes den Herzchirurgen vorbehalten war.

Deutschland ist Weltmeister bei Transkatheter-Klappenersatz

Grafik: Aortenstenose: Klappenersatz per Katheter.

© Edwards Lifesciences

Heute können Kardiologen mittels Katheter die alte Klappe zur Seite schieben und eine neue darauf setzen. Die neue Kunstklappe wird - gefaltet auf einem Katheter und in einem Stent verankert - anstelle der alten geschoben und dort mit einem Ballon eröffnet und ausgebreitet. Diese übernimmt danach sofort ihre Funktion. Die Patienten spüren eine symptomatische Besserung von Luftnot und Leistungsfähigkeit.

Die erste randomisierte Studie (PARTNER, die "Ärzte Zeitung" berichtete), die im "New England Journal of Medicine" veröffentlicht worden ist, hatte ergeben, dass alte Hochrisiko-Patienten besonders davon profitieren. Wie Sechtem in Nürnberg ausgeführt hat, soll die neue Klappenoperation keinesfalls bei relativ gesunden Patienten die Operation ersetzen. Geeignet ist das Verfahren für Kranke und sehr schwache Patienten, bei denen eine Operation und eine Eröffnung des Brustkorbs nicht mehr infrage kommt.

Angesprochen auf die TV-Kritik in der ARD-Sendung Panorama vom vergangenen Montag an der in Deutschland offenbar häufig zu weit gestellten Indikation für den TAVI-Eingriff meinte Sechtem, dass die Situation schwierig sei. Es bestehe ein Zwiespalt darin, dass Patienten den Eindruck haben, das Verfahren sei "harmlos wie Zähneputzen". Möglicherweise sei für Kliniken die Versuchung deshalb groß, weil Deutschland das einzige Land auf der Welt ist, in dem es eine DRG für die TAVI-Intervention gibt.

"In den USA ist diese kathetergestützte Klappe nicht einmal zugelassen", sagte Sechtem. Und es wird auch nicht von den Krankenkassen gecheckt, ob die ursprünglichen Indikationskriterien auch wirklich eingehalten werden. "Wir sind in einer Situation, die möglicherweise auch ausgenutzt wird. Das bedeutet nicht, dass Patienten nicht von dem Verfahren profitieren."

Vor der Presse kommentierte Herzchirurg Professor Friedhelm Beyersdorf aus Freiburg, dass die Undichtigkeit dieser Klappen ein Problem darstelle. Auch wenn Deutschland auf diesem Gebiet Weltmeister sei, sind TAVI-Komplikationen, zu denen dann der Herzchirurg gerufen wird, keine einfachen Situationen mehr. Er plädiere sehr für die Bildung von Herzteams an Kliniken, die die Entscheidung interventionell oder chirurgisch fällen sollten, wobei nicht nur Kardiologen sondern auch Kardiochirurgen die Gelegenheit bekommen sollten, mit den Patienten das Aufklärungsgespräch zu führen.

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