Ärzte Zeitung online, 02.06.2012

Bewegung tut nicht jedem gut

Sport und Fitness schützen das Herz: Diese Regel gilt einer neuen Studie zufolge womöglich nur noch eingeschränkt. Denn bei einigen Menschen steigen die Herzrisiken an, wenn sie sich bewegen.

Körperliche Aktivität - nicht bei jedem gut fürs Herz

Sport: Wirklich immer gut für die Gesundheit?

© Kzenon / fotolia.com

BATON ROUGE (ob). Regelmäßige körperliche Bewegung zählt seit langem zu den ersten Maßnahmen, die in Leitlinien als Lebenstilveränderung zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen empfohlen wird.

Und das mit Recht. In zahlreichen Studien konnte gezeigt werden, dass einschlägige Einflussfaktoren für Koronar- oder Diabeteserkrankungen wie Blutdruck, Plasmalipide oder Insulinsensitivität durch Ausdauertraining günstig beeinflusst werden.

Zu diesen Studien zählt unter anderen die in den 90er Jahren durchgeführte HERITAGE-Studie, an der auch Professor Claude Bouchard aus Baton Rouge mitgewirkt hat.

Bei der Analyse der Daten fiel ihm allerdings schon damals eine gewisse interindividuelle Variabilität in der Veränderung von Risikofaktoren auf.

Bei immerhin rund 8 Prozent der Probanden, die fünf Monate lang ein kontrolliertes Trainingsprogramm absolvierten, zeigten sich ein oder mehrere Parameter des Risikoprofils ungünstig verändert.

Sechs Studien eingeschlossen

Bouchard und seine Mitarbeiter präsentieren jetzt eine Metaanalyse, die dieses Ergebnis auf breiterer Datenbasis bestätigen (PLoS ONE 2012; online 30. Mai).

Die Daten stammen aus sechs Interventionsstudien inklusive HERITAGE, in denen bei insgesamt 1687 Probanden die Auswirkungen unterschiedlich strukturierter und zeitlich befristeter Trainingsprogramme untersucht worden waren.

Ermittelt werden sollte der Anteil der Probanden, bei denen das regelmäßige Belastungstraining über 20 bis 24 Wochen einen als ungünstig klassifizierten Effekt hatte.

Als solcher galten ein systolischer Blutdruckanstieg um 10 mmHg oder mehr, ein Anstieg der Triglyzeride um 36,7 mg/dl oder mehr, ein Anstieg der Nüchtern-Insulinspiegel um 3,4 μU/l oder mehr und ein Abfall des HDL-Cholesterins um mindestens 4,6 mg/dl.

Für jeden dieser vier Parameter ergab die Analyse im Schnitt bei etwa zehn Prozent aller Probanden eine ungünstige Veränderung, und zwar beim Blutdruck (12,2 Prozent), beim Triglyzeridspiegel (10,3 Prozent), beim Nüchtern-Insulin (8,3 Prozent) und beim HDL-Cholesterin (13,3 Prozent).

Kein Argument für die Couch

Bei rund 7 Prozent der Studienteilnehmer tendierten sogar zwei oder mehr Parameter in die falsche Richtung.

Faktoren wie die Belastungsintensität, Geschlecht, Hautfarbe, mangelnde Fitness oder die Einnahme von Medikamenten konnten als Gründe für die ungünstigen Veränderungen ausgeschlossen werden.

Die Autoren sehen sich jetzt vor die Herausforderung gestellt, physiologische oder molekulare Indikatoren ausfindig zu machen, die als Prädikatoren für nachteilige Auswirkungen körperlichen Trainings helfen können, davon betroffene Personen leichter zu identifizieren.

Bewegungsfaule "Couch-Potatoes" könnten diese Studienergebnisse natürlich leicht auf die Idee bringen, ihre inaktive Lebensweise in eine Form der Prävention umzudeuten, die ungünstige Blutdruck- und Lipidveränderungen von ihnen fernhält.

In 90 Prozent der Fälle, das sagen die Studiendaten, sind sie damit auf dem Holzweg.

[02.06.2012, 15:35:33]
Michael Odinius 
Essen und Trimmen... Beides mus stimmen
Ich bedauere die unglückliche Auwahl Ihrer Schlagzeile, die womöglich bewusst provokant gewählt ist, um Aufmerksamkeit zu erzielen, den Inhalt aber konterkariert und trotz des korrigierenden Schlusssatzes, als falsche Botschaft im Gedächtnis haften bleiben könnte.

Risikoanstieg unter Bewegung? Hätte mir besser gefallen.

Unser ganzer Körper ist darauf ausgerichtet, seine optimale Leistungsfähigkeit unter regelmäßiger Bewegung und bedarfsgerechter Ernährung zu erbringen.
Die von Ihnen aufgeführten Parameter sehe ich häufig verändert bei Menschen, die in Eigenregie und durchaus motiviert, ihre Gesundheit zu verbessern, mit einem Training beginnen.
Laufen, Joggen, sonstige Fitnessprgramme usw.erfreuen sich hierbei großer Beliebtheit.
Bezüglich Kausalität und Wertung der von Ihnen genannten Parameter bleiben aber m.E. wichtige Aspekte unberücksichtigt:
Die Triglyceride (TG) steigen bei bei Aufnahme eines Trainingsprogramms häufig an.
Die Ursachen hierfür sind vielfältig und können nur beurteilt werden unter Berücksichtigung der Ernährungssituation, der Energiebilanz und des Trainingszustandes.
Übersteigt z.B. die vermehrte Lipolyse bei negativer Energiebilanz die Kapazität der Lipidoxidation, so resultiert ein Triglyceridanstieg.
In diesem Fall könnte dieser Ausdruck einer effektiven Lipolyse (evtl. auch einer effektiven Gewichtsreduktion sein), von der der Patient im Allgemeinen profitert.
Unter Gewährleistung einer aeroeben Trainingsmodalität und angepassten Ernährung mit bedarfsgerechtem Anteil an Omega 3 Fettsäuren, Carnitin, Magnesium, Protein u.a. mehr, dürfte der Triglyceridspiegel normal, in der Regel sogar gebessert sein.

Nicht das Mehr an Bewegung, sondern die mangelnde Berücksichtigung des veränderten Metabolismus und die inadäquate Versorgung wären hier eher als ursächlich anzusehen.

Ähnlich verhält es sich mit dem HDL.
Auch hier sind diese Veränderungen nahezu regelhaft zu beobachten bei Aufnahme von Sport und gleichzeitiger Fettrestriktion unter der leider immer noch fälschlichen Vorstellung vieler gesundheitsbewusster Menschen, mit Fettverzicht und mehr an Bewegung( dauerhaft)gesund abnehmen zu können.
Der hierbei induzierte Mangel gerade an fettlöslichen Vitaminen (ADEK) verschlechtert die Versorgung und das Risikoprofil. Auch hier ist die Versorgung mit essentiellen Fettsäuren von großer Bedeutung.
Die Angst vor Fetten hat häufig eine vermehrte Zufuhr von Kohlenhydraten zur Folge, was ebenfalls einen Anstieg der TG begünstigt.
Sportler dürfen hierbei nicht als Vorbild genommen werden, weil diese ganz andere Kapazitäten zur KH Speicherung haben.
Außerdem ist auch die bloße Betrachtung des HDL ohne Berücksichtigung des LDL, dass wahrscheinlich abgesunken sein dürfte, zur Risikoabschätzung fraglich.
Bekannter Maßen steigert Bewegung das HDL. Voraussetzug aber ist auch hier, dass Substrate adäquat zu Verfügung stehen.

RR Anstieg und erhöhtes Nüchterninsulin:
Bei Blutglukosewerten < 80 mg/dl kommt es zur aktiven Hemmung der Insulinsekretion, bei Werten < 65 mg/dl zur einer Aktivierung des sympathoadrenergen Systems mit Katecholaminausschüttung, ebenso Cortisol und gesteigerter Insulinausschüttung als physiologische Kompemsation, um die Glucoseversorgung insbesondere des Gehirns zu gewährleisten.
Hält diese Mangelsituation länger an, können Glucosealternativen als Energieäquivalente genutzt werden: Laktat, Ketonkörper. Auch hier ist ein erhöhter Triglyceridwert zu beobachten.

Alle von Ihnen geschilderten vermeindlichen Riskofaktoren, somit auch Anstieg von RR und Nüchterninsulin lassen sich interpretieren als Beschreibung und Auswirkungen physiologischer Adaptationsmechanismen bei individuell inadäquater Versorgung unter vermehrter körperlichen Belastung.

HYOTHESE: Der von Ihnen geschilderte Anstieg an Riskikofaktoren ist im Wesentlichen erklärbar durch Nichtberücksichtigung individueller Energie- und Nährstoffbilanzen unter körperlicher Anstrengung.

BEURTEILUNG: Aus einem Anstieg eines Risikofaktors ein erhöhtes Gesamtrisiko abzuleiten ist zweifelhaft, wenn nicht gleichzeitig die dem gegenüberstehenden, verbesserten Risikofaktoren etwa Gewicht, BMI, Bauchumfang u.a. berücksichtigt werden.

FAZIT: Essen und trimmen... Beides muss stimmen.

Ernährungsambulanz
Michael Odinius
Fa f Allgemeinmedizin
Ernährungsmedizin
Akupunktur, Chirotherapie, Naturheilverfahren

Barsbuettel

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