Ärzte Zeitung online, 23.08.2013
 

MORGEN-Studie evaluiert

Langschläfer sind besser vor KHK geschützt

In der heutigen Zeit kommt der Schlaf oft zu kurz. Doch wenn es um die Gesundheit geht, ziehen Kurzschläfer wohl den Kürzeren. Wer gesund lebt und noch länger als sieben Stunden am Tag schläft, kann sein kardiovaskuläres Risiko zusätzlich senken.

Von Veronika Schlimpert

Langschläfer sind besser vor KHK geschützt

Wer es sich leisten kann, sollte länger als sieben Stunden pro Tag schlafen - dem Herzen zuliebe.

© Monika Wisniewska / fotolia.com

WAGENINGEN. Dass Rauchen, ein hoher BMI, zu viel an Alkohol und Bauchfett das Herz längerfristig in Mitleidenschaft ziehen, ist bekannt. Doch jetzt scheint sich zunehmend herauszukristallisieren, dass man auch noch lang genug schlafen sollte, um kardiovaskuläre Erkrankungen fern zu halten.

Zwei Studien hatten bereits gezeigt, dass die Schlafqualität ein unabhängiger Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen ist.

Was aber eine ordentliche Schlafdauer neben einem gesunden Lebensstil (körperlich aktiv, gesunde Ernährung, moderater Alkoholkonsum und nicht rauchen) ausrichten kann, hat nun die großangelegte prospektive Monitoring Projekt on Risc factors for chronic diseases (MORGEN-)Studie evaluiert (Eur J Prev Cardiol 2013; online 3. Juli).

6672 Männer und 7967 Frauen befragt

6672 Männer und 7967 Frauen (20 bis 65 Jahre alt) wurden zwischen 1994 und 1997 zu ihren Lebensgewohnheiten befragt.

Wenn sie sich mehr als drei Stunden in der Woche bewegten, mediterran ernährten, nicht mehr als ein alkoholisches Getränk im Monat zu sich nahmen, nicht rauchten und mehr als sieben Stunden am Tag schliefen, galt das jeweils als eine gesunde Lebensgewohnheit. Zwischen 0 und 5 gesunde Gewohnheitspunkte konnte man also erzielen.

Danach wurde dokumentiert, wie viele kardiovaskuläre Ereignisse in den folgenden 10 bis 14 Jahren aufgetreten waren.

Die Bilanz: 129 tödliche kardiovaskuläre Ereignisse, 367 nicht-tödliche Herzinfarkte und 111 nicht-tödliche Schlaganfälle.

Ein guter Schlaf packt noch was drauf

Die Teilnehmer, die vier gesunde Gewohnheiten (körperlich aktiv, Nichtraucher, wenig Alkohol, mediterrane Ernährung) vorweisen konnten, hatten ein um 57 Prozent geringes Gesamtrisiko und ein um 67 Prozent geringeres Risiko für tödliche Ereignisse als jene, die keinen oder nur einen der Punkte erfüllten.

Die Überraschung: Wenn sie zusätzlich zu diesen vier Punkten ausreichend Schlaf bekamen, sank ihr Risiko noch deutlicher: um 65 oder 83 Prozent lag ihr Gesamtrisiko und das Risiko für tödliche Ereignisse niedriger als für jene Probanden mit nur 0 bis 1 gesunden Gewohnheitspunkten.

Wenn all Teilnehmer sich an alle fünf gesunde Lebensstilfaktoren gehalten hätten, hätten rein theoretisch 36 Prozent der kardiovaskulären Gesamtereignisse und 57 Prozent der tödlichen Ereignisse verhindert werden können.

Mal besser eine Stunde früher ins Bett zu gehen, könnte künftig also in einer Reihe mit anderen Ratschlägen wie etwa abnehmen, eine ausgewogene Ernährung genannt werden.

[23.08.2013, 11:54:08]
Ute Kubisch 
keine Chance für Eulen
Die Empfehlung, eine Stunde früher ins Bett zu gehen, ist nur für Frühaufsteher sinnvoll. Wer das Pech hat, genetisch als später Chronotyp programmiert zu sein, kann die heilsame Stunde nur am Morgen gewinnen. Durch starre Arbeits-und Unterrichtszeiten kann sich eine Eule das meist nur am Wochenende erlauben. Die Sommerzeit verschärft das Problem massiv, was an der Zunahme der kardiovaskulären Ereignisse nach der Zeitumstellung alljährlich zu sehen ist. Der soziale Jetlag führt selbst in moderater Form zu einer dauerhaften Erhöhung von Entzündungsparametern und gefährdet damit nicht nur Herz und Gefäße. Dass die dauermüden und unkonzentrierten Spättypen auch wesentlich häufiger zur Zigarette greifen, macht die Sache nicht besser. zum Beitrag »
[23.08.2013, 10:20:30]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
MORGEN-Studie für ausgeschlafene Schlafmützen?
Schädliche Rauchgewohnheiten, der viel zu hohe BMI, Bewegungsmangel mit viszeralem Bauchfettansatz und reichlich Alkohol sind neben Lebensalter, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes mellitus und Cholesterinerhöhung wesentliche Risikofaktoren für akute kardiovaskuläre Ereignisse und Tod durch Herz-, Hirninfarkt oder Lungenembolie.

Doch welchen Effekt hat wohl ausreichender Schlaf auf das kardiovaskuläre Outcome? „Schlafen Sie eigentlich gut?“ ist eine typische retrospektive Frage in der hausärztlichen Praxis. Den Schlafeinfluss hat mit standardisierten Fragebögen zu gesundem Lebensstil (körperliche Aktivität, gesunde Ernährung, moderater Alkoholkonsum, Nichtrauchen und auch Schlafdauer) das niederländische prospektive „Monitoring Projekt on Risc factors for chronic diseases“, die MORGEN-Studie, versucht zu evaluieren:
http://cpr.sagepub.com/content/early/2013/07/02/2047487313493057
im Original nachzulesen. 8.128 Männer und 9.759 Frauen, 20-65 Jahre alt, ohne kardiovaskuläre Erkrankungen, wurden von 1994-1997 mittels selbst-ausgefüllter Fragebögen befragt [„8128 men and 9759 women aged 20–65 years, free of CVD at baseline … Sufficient physical activity (+/=3.5 h/week cycling or sports), a healthy diet (Mediterranean Diet Score +/=5), (moderate) alcohol consumption (+/=1 beverage/month), non-smoking, and sufficient sleep duration (+/=7 hours) were assessed by self-administered questionnaires between 1994 and 1997.“]

Das Ergebnis als Belohnung zehn bis 14 Jahre später: Diejenigen mit den vier traditionellen gesunden Lebensstilfaktoren hatten ein 57 Prozent niedrigeres Risiko verschiedener kardiovaskulärer Ereignisse und ein 67 Prozent geringeres Risiko tödlicher kardiovaskulärer Ereignisse, verglichen mit denen o h n e oder mit gerade mal e i n e m gesunden Lebensstilfaktor. Zusätzlich ausreichender Schlaf verringerte diese definierten Risiken noch mal um weitere acht Prozent von 57 auf 65 beziehungsweise um 16 Prozent von 67 auf 83 Prozent.

Damit zeigt sich, dass die Ergebnisse des zusätzlich längeren Schlafens keineswegs so sensationell sind, wie in der Originalarbeit angepriesen und in der medizinschen Fachpresse sowie in Publikumsmedien etwas zu euphorisch diskutiert wurden. Denn wenn vier positive Lebensstilfaktoren in etwa gleichwertig betrachtet insgesamt eine relative Risikoreduktion (RRR) von 57 Prozent bewirken, sind das pro einzelnem Faktor eine RRR von 14,25 Prozent. Zusätzlich ausreichender Schlaf brachte dann nur noch weitere acht Prozent RRR oben drauf.

Bei den tödlichen kardiovaskulären Ereignissen rechnet sich die Sache so: Vier gesunde Lebensstilfaktoren brachten anteilig eine RRR von je 16,75 Prozent ein - zusätzlich ausreichende Schlafdauer ergab eine zusätzliche RRR von weiteren 16,0 Prozent! Beim „Schiffe versenken“-Spiel würde man dazu „Treffer“ sagen.

Einen echten „Wermuts“-Tropfen habe ich der MORGEN-Studie noch hinzuzufügen. Es geht um den (moderaten) Alkoholkonsum: Im Abstract ist bei gesunden Lebensstilfaktoren von einem einzigen Getränk oder mehr im M o n a t die Rede. Das erscheint als prospektive Aussage für die durchschnittliche Nachbeobachtungsdauer von 12 Jahren unglaubwürdig und eher unterschätzt.

Im Studientext heißt es dagegen, dass 91 Prozent der Männer inzwischen sechs bis 28 Gramm und 78 Prozent der Frauen zwischen zwei und 14 Gramm reinen Alkohol[s] pro Tag konsumierten. Männer nahmen also im Median 14 Gramm reinen Alkohol täglich zu sich, Frauen dagegen im Median sechs Gramm täglich. In der Diskussion der MORGEN-Studie wird zwar die protektive kardiovaskuläre Wirkung moderaten Alkoholkonsums angerissen, aber die potenziell negative Wirkung völliger Alkoholabstinenz nicht weiter problematisiert. Genauer aufgeschlüsselte Daten zum konkreten Alkoholkonsum in den untersuchten Populationen und daraus resultierende RRR finden sich nicht.

Wesentlicher Schwachpunkt dieser Publikation aber ist und bleibt die Fragebogen-Evaluation: Stellen Sie sich vor, Sie müssten für eine Studie angeben, wie viel Sie ab heute bis zu den Jahren 2023 bis 2027 zu schlafen gedenken? Wie viel oder wie wenig Sie an mediterraner Kost essen, Alkohol trinken, Zigaretten rauchen und sich bewegen werden. Und obendrein, ob Sie sieben Stunden und mehr regelmäßig schlafen werden?

Sie fragen: Geht das? Und ich frage mich, wie geht das?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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