Ärzte Zeitung, 17.12.2015

Alter setzt verzögert ein

Was uns länger jung hält

Zwei Jahre mehr Lebenszeit binnen zehn Jahren. Wie ist das möglich? Und: Was können wir selbst beeinflussen?

WIESBADEN. Die 868.356 Menschen, die 2014 in Deutschland starben, waren im Durchschnitt knapp über 78 Jahre alt. Vor zehn Jahren waren die Verstorbenen im Durchschnitt etwas über 76 Jahre alt, weiß das Statistische Bundesamt.

"Wir erreichen ein hohes Alter in besserer Gesundheit", sagt Professor James Vaupel, Leiter des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock. "Anders ausgedrückt: Das Alter setzt verzögert ein. 75 ist das neue 65."

Das Fundament für ein langes Leben werde in der Kindheit gelegt. "Einer der Hauptgründe, warum wir im Alter gesünder sind, ist die Tatsache, dass wir gesünder waren in unseren ersten Jahren: bessere Ernährung, mehr Vorbeugung, bessere Behandlung im Krankheitsfall."

Im Laufe des Lebens kämen weitere "Besser"-Faktoren dazu, zum Beispiel bessere Bildung. "Gebildetere Menschen passen besser auf sich auf."

"Vieles haben wir selbst in der Hand"

Vaupels "Besser"-Liste ist lang: "Die Luft ist besser als früher, das Wasser ist sauberer, Straßen sind sicherer, das Einkommen ist höher, das Gesundheitssystem ist leistungsfähiger. Aus all diesen Gründen sind die Menschen heute gesünder als früher.

"Vieles haben wir selbst in der Hand, sagt Vaupel. Beispiel Rauchen: "Wer raucht, stirbt rund zehn Jahre früher." Auch gute Ernährung und viel Bewegung haben einen Einfluss. Theoretisch kann das immer so weiter gehen, behauptet der Demograf: "In den Ländern, die sich am meisten bemühen, steigt die Lebenserwartung seit 1840 um zweieinhalb Jahre pro Dekade. Das ist wirklich ein sehr langer Zeitraum - und es gibt kein Anzeichen für eine Verlangsamung."

Professor Karl Lenhard Rudolph, Direktor des Leibniz-Instituts für Alternsforschung in Jena, ist da anderer Ansicht: "Die Gene kann man nicht austricksen. Ob wir 70 Jahre alt werden oder 100 liegt zum großen Teil an unserem genetischen Make-up", sagte er kürzlich in einem dpa-Interview.

"Innerhalb der von ihnen vorgegebenen Grenzen können wir aber über die Art und Weise, wie wir leben, erheblich Einfluss nehmen, gesund zu altern. Wenn ich von meinen Genen her 70 Jahre alt werde, kann ich noch so gesund leben, ich werde keine 100."

Die Einsicht allein nützt nicht so viel, sagt Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst (Wedel): "Leider ist unser Gesundheitsverhalten nur zu einem relativ geringen Teil rational beeinflusst."

Die meisten Menschen überlegten sich nicht: Ich möchte fünf Jahre länger leben und deswegen fange ich mit Mitte 20 schon mal an zu joggen und mich gesund zu ernähren - und wenn, seien sie dabei nur selten konsequent. "Für langfristiges Denken sind wir psychologisch nicht gestrickt." (dpa)

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