Ärzte Zeitung, 16.11.2016
 

Blutdruck- und Lipidsenkung

Kein Einfluss auf Hirnleistung

Eine medikamentöse Blutdruck- und Lipidsenkung beeinflusst die kognitive Leistungsfähigkeit älterer Menschen ohne kardiovaskuläre Erkrankungen zumindest im Zeitraum von fünf Jahren offenbar weder positiv noch negativ. Darauf lassen Ergebnisse einer Subanalyse von Daten der HOPE-3-Studie schließen.

Von Peter Overbeck

Kein Einfluss auf Hirnleistung

Häufig verordnet: Blutdruck- und Lipidsenker schützen das Herz, aber wohl nicht die Kognition.

© Johannesspreter / fotolia.com

NEW ORLEANS. Die HOPE-3-Forschergruppe wollte mit ihrer Studie bekanntlich klären, ob Blutdruck- und Cholesterinsenkung als primärpräventive Strategien auch bei Menschen mit niedrigerem kardiovaskulären Risiko eine vorbeugende Wirkung auf koronare und zerebrovaskuläre Erkrankungen haben.

Das im März 2016 präsentierte Hauptergebnis lautete: Die Blutdrucksenkung mit einer Kombination aus Candesartan/Hydrochlorothiazid in fixer Dosierung zeigte nach einer Beobachtungsdauer von im Schnitt 5,6 Jahren insgesamt keinen signifikanten Effekt auf kardiovaskuläre Ereignisse. Dagegen wurde die Ereignisrate durch eine Behandlung mit Rosuvastatin im Vergleich zu Placebo signifikant um relative 24 Prozent gesenkt. Die kombinierte Therapie brachte nur wenig mehr als die Monotherapie mit Rosuvastatin.

Studie mit 12.705 Teilnehmern

Für die Studie sind insgesamt 12.705 Menschen im Alter über 55 Jahre (Männer) und über 60 Jahre (Frauen) ohne manifeste kardiovaskuläre Erkrankung aufgenommen worden. Sie mussten aber mindestens einen Risikofaktor wie abdominelle Adipositas, Rauchen oder positive KHK-Familienanamnese aufweisen.

Der mittlere Ausgangs-Blutdruckwert der Teilnehmer in der Gruppe mit Blutdrucksenkung betrug 138/82 mmHg. Die weitere Senkung um im Mittel 6,0/3,0 mmHg im Studienverlauf spiegelte sich klinisch nicht in einer relevanten Abnahme der Ereignisse kardiovaskulärer Tod, Herzinfarkt und Schlaganfall (primärer kombinierter Endpunkt) wider. Nur in der Subgruppe der Patienten mit hypertonen Blutdruckwerten war im Nachhinein eine signifikante Risikoreduktion festzustellen.

Deutlichere Effekte hatte die Lipidsenkung. Der LDL-Cholesterinwert lag in dieser Gruppe zu Beginn im Schnitt bei 128 mg/dl. Rosuvastatin senkte die LDL-Spiegel um 26,5 Prozent – was am Ende auch zu einer moderaten, aber signifikanten Reduktion der Rate kardiovaskulärer Ereignisse führte (3,7 vs. 4,8 Prozent).

Substudie bei älteren Teilnehmern

In einer HOPE-3-Substudie speziell bei Studienteilnehmern im Alter von 70 Jahren oder älter sind die Untersucher auch der Frage nachgegangen, ob die im Alter zu erwartende Abnahme von kognitiver und funktioneller Leistungsfähigkeit durch die Blutdruck- und Cholesterinsenkung günstig beeinflusst wurde. Diese Leistungsfähigkeit ist mithilfe von Fragebogentests gemessen worden, die von 1626 Studienteilnehmern sowohl zu Beginn als auch am Ende der Studie absolviert wurden.

Im Blickpunkt stand dabei primär die Abnahme des kognitiven Verarbeitungstempos (processing speed), zur Anwendung kam hier der Zahlen-Symbol-Test (digit symbol substitution test). Des Weiteren wurden mithilfe des Montreal-Cognitive-Assessment (MoCA)-Tests auch Exekutivfunktionen gemessen.

Ergebnisse der Substudie hat Dr. Jackie Bosch von der McMasters-Universität in Hamilton, Kanada, beim Kongress der der American Heart Association (AHA) in New Orleans vorgestellt. Danach konnte im mittleren Zeitraum von 5,6 Jahren weder ein Effekt der Blutdruck- noch der Lipidsenkung auf die festgestellte Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit bei den älteren Studienteilnehmern nachgewiesen werden.

Zumindest in den Subgruppen mit den jeweils höchsten Blutdruck- und Lipidwerten und der relativ längsten Dauer der blutdrucksenkenden Therapie war nach ihren Angaben aber jeweils ein positiver Trend zu erkennen. Hier bedarf es zur Bestätigung weiterer Studien mit längerer Beobachtungsdauer. Positives kann Bosch den Ergebnissen im Hinblick auf Rosuvastatin abgewinnen, das verdächtigt worden war, kognitive Funktionen möglicherweise ungünstig zu beeinflussen. Von diesem Verdacht kann das Statin nach den Ergebnissen der Studie freigesprochen werden.

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