Ärzte Zeitung online, 20.09.2017

Empfehlungen für Kardiologen

EKG-Befunde von Sportlern werden häufig falsch interpretiert

EKG-Veränderungen bei Sportlern richtig einzuordnen, ist nicht einfach. Selbst erfahrene Kardiologen liegen bei ihrer Einschätzung relativ häufig daneben, wie eine Studie nun offenlegt. Die neuen internationalen Empfehlungen zur Auswertung von Sportler-EKGs könnten die Spezifität weiter verbessern.

Von Veronika Schlimpert

EKG-Befunde von Sportlern werden häufig falsch interpretiert

Forscher haben sich in einer akutellen Studie einmal die EKG-Befunde bei Sportlern näher angeschaut.

© BrianAJackson / iStock

LONDON. Was ist noch normal, was ist pathologisch? Bei Sportlern finden sich aufgrund physiologischer Anpassungen im Herzen recht häufig trainingsbedingte EKG-Veränderungen, die aber keine Gefahr darstellen und daher auch keine weitere Abklärung bedürfen. Solche für Sportler typischen EKG-Veränderungen sollten Kardiologen eigentlich kennen, um weitere unnötige und kostenintensive Folgeuntersuchungen zu vermeiden. Doch noch immer scheint hier eine gewisse Unsicherheit vorzuherrschen, wie eine aktuelle Auswertung von 400 Sportler-EKGs andeutet (Circ: Cardiovasc Qual Outc 2017; 10(8): e003306).

Mit Erfahrung geht es besser

Insgesamt acht Kardiologen gaben ihre Einschätzung zu EKG-Befunden ab. Die gute Nachricht: Alle pathologischen Befunde wurden durchweg erkannt. Allerdings wurden die Normalbefunde recht häufig fehlgedeutet. Nicht überraschend lagen die vier unerfahrenen Kardiologen öfter daneben als ihre erfahrenen Kollegen (Odds Ratio, OR: 1,44). Als erfahren galt, wer mehr als zwei Jahre lang in einer spezialisierten Sportkardiologie-Abteilung gearbeitet und EKG-Auswertungen von ≥ 1000 Athleten vorgenommen hatte.

So war die Wahrscheinlichkeit, dass ein unerfahrener Kardiologe eine weiterführende Diagnostik veranlasste, um fast das Fünffache höher als bei einem erfahrenen Kollegen (in 17,7 versus 7 Prozent der Fälle). Entsprechend waren auch die Kosten pro Patient für eine kardiovaskuläre Abklärung dann deutlich höher (175 versus 101 Dollar).

Allerdings hätten selbst die erfahrenen Kardiologen nur mittelmäßig abgeschnitten, berichten die Studienautoren um Dr. Harshil Dhutia von der St. George Universität in London. Wie man sich denken könne, treiben solche Fehleinschätzungen die Kosten für Screening-Programme bei Sportlern unnötigerweise in die Höhe.

Hohe Zahl falsch-positiver Ergebnisse

Systematische Screening-Programme von Sportlern inklusive EKG-Untersuchungen sind noch immer umstritten. Die Wirksamkeit solcher Programme, Todesfälle und Herzkreislaufstillstände zu verhindern, ließ sich in großen prospektiven Studien bisher nicht eindeutig belegen. Des Weiteren argumentieren die Gegner mit der recht hohen Zahl an falsch-positiven Ergebnissen, die unnötige Folgeuntersuchungen mit sich ziehen und in Einzelfällen sogar der Ausschluss vom Wettkampfsport bedeuten könnten. Von der ESC und auch von großen Sportverbänden wie der FIFA und dem Internationalen Olympischen Komitee werden EKG-Untersuchungen bei jungen Sportlern aber empfohlen. Das Risiko für die Sportler, einen plötzlichen Herztod zu erleiden, soll dadurch verringert werden.

Drei Konsensusempfehlungen

Um dabei die Rate an falsch-positiven Ergebnissen zu senken, wurden in den letzten Jahren drei Konsensusempfehlungen (ESC von 2010, die Seattle-Kriterien von 2013 und eine überarbeitete Version von Sheikh et al. 2014) herausgebracht, an denen sich die acht Kardiologen orientieren sollten.

Darin sind normale und abnormale EKG-Befunde bei Sportlern sehr detailliert beschrieben. Im Unterschied zu den Seattle-Kriterien definiert die überarbeitete Version von 2014 beispielsweise eine QT-Intervall-Verlängerung von ≥ 470 ms bei den Männern (früher > 440 ms) und ≥ 480 ms bei den Frauen (früher: > 460 ms) als abklärungsbedürftig.

Die neueren Empfehlungen führten vor allem bei den unerfahrenen Kardiologen zu einer höheren Genauigkeit; diese näherte sich der ihrer erfahrenen Kollegen an (falsch positive Rate von 39,0 Prozent mit den ESC-Kriterien, 16,1 Prozent mit den Seattle- und 7,2 Prozent mit den überarbeiteten Kriterien).

Allerdings stellte sich heraus, dass die Kardiologen noch immer Schwierigkeiten hatten, eine Verlängerung des QT-Intervalls richtig einzuschätzen, obwohl der Grenzwert dafür nun höher festgelegt wurde. Probleme gab es beispielsweise auch bei der Identifikation pathologischer Q-Wellen und ST-Senkungen.

Neue Empfehlungen von 2017

Die Autoren fordern deshalb spezielle Trainings- und Schulungsprogramme, damit Ärzte zwischen pathologischen und physiologischen EKG-Befunden bei Sportlern besser unterscheiden können.

"Mit dieser Studie möchten wir Sportverbände nicht davon abhalten, eine EKG-Untersuchung ihrer Mitglieder vorzunehmen", betonen Dhutia und seine Kollegen. Ihnen geht es vielmehr darum, wie sich die Spezifität der Untersuchungen noch weiter verbessern lässt. In Deutschland hat die DGK unter anderem deshalb die Zusatzqualifikation "Sportkardiologie" auf dem Weg gebracht.

Wesentliche Neuerungen

In diesem Kontext ist auch auf die 2017 erschienene, neue internationale Empfehlung zur EKG-Beurteilung bei Sportlern hingewiesen. Wie die beiden Autoren Dr. Jordan Prutkin und Dr. Jonathan Drezner in einem Editorial ausführen, könnten die aktuellen Empfehlungen die Spezifität der Sportler-EKG-Untersuchungen weiter verbessern (Circ: Cardiovasc Qual Outc 2017; 10(8): e003881).

Die wesentlichen Neuerungen sind:
  • T-Wellen (beziehungsweise T-Zacken) bei Kindern und Jugendlichen (16 Jahren) werden als normal angesehen.
  • Neue Definition für pathologische Q-Zacken.
  • Negative T-Wellen in Ableitungen V5 oder V6 bedürfen einer weiteren Abklärung.
  • Die Kriterien für eine Vergrößerung der Vorhöfe im EKG, einschließlich der Achsenabweichungen, ebenso wie ein kompletter Rechtschenkelblock gelten als abklärungsbedürftig ("borderline findings"), wenn zwei zusätzliche abnorme Befunde im EKG vorliegen.
  • Weitere Informationen zu Kardiologie finden Sie unterkardiologie.org

    7,2% betrug die Rate falsch-positiver Ergebnisse bei unerfahrenen Kardiologen mit den überarbeiteten Kriterien. Bei einer Beurteilung nach den ESC-Kriterien aus dem Jahr 2010 hatte die Rate falsch- positiver Ergebnisse bei 39 Prozent gelegen.

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