Ärzte Zeitung online, 01.12.2017
 

Museum "Heart of Capetown"

Zeitreise zur ersten Herztransplantation

Am 3. Dezember 1967 ist dem Südafrikaner Christiaan Barnard die erste Herztransplantation an einem Menschen gelungen. Das Museum Heart of Capetown zeigt am Originalschauplatz, wie Barnard Medizingeschichte geschrieben hat.

Von Angela Mißlbeck

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Landärztin Dr. Gabriele Heimann aus der Lüneburger Heide schaut mit ihrem Mann dem OP-Team bei der Herztransplantation über die Schulter.

© Angela Mißlbeck

Als die Nachricht von der ersten gelungenen Herztransplantation um die Welt ging, war Dr. Gabriele Heimann gerade mal 18 Jahre alt und hatte noch keine Ahnung, dass sie einmal Ärztin werden würde. Knapp 50 Jahre später steht die mittlerweile pensionierte Landärztin aus der Lüneburger Heide gemeinsam mit ihrem Mann in eben dem Operationssaal, in dem das weltbewegende Ereignis damals stattgefunden hat.

"Die Neugier war da, an diesen Ort zu kommen", sagt Gabriele Heimann. Deshalb war der Besuch im Museum "Heart of Capetown" im ersten Stock des jetzigen Verwaltungsgebäudes des Kapstädter Großkrankenhauses Groote Schuur ("Große Scheune") im Rahmen der Südafrika-Reise des deutschen Ehepaares fest eingeplant. An dem Lehrkrankenhaus der Universität Kapstadt machen deutsche Medizinstudenten gern Famulatur oder Praktisches Jahr. Ein Besuch im Museum Heart of Capetown gehört dabei zum Pflichtprogramm.

Lebensnah und realistisch inszeniert das Museum das Geschehen am Originalschauplatz mit Wachspuppen. Im Operationssaal B sehen Gabriele Heimann und ihr Mann Professor Christiaan Barnard und seinem OP-Team über die Schulter. Auf dem Operationstisch blicken sie in die geöffnete Brust von Louis Washkanski. Der kettenrauchende Diabetiker hatte bereits drei Herzinfarkte erlitten. Er galt als der kränkste aller Herzpatienten im Groote Schuur Krankenhaus. Das gesunde Herz eines Unfallopfers sollte ihm helfen. Schwer verletzt war die 25-jährige Denise Darvall tags zuvor eingeliefert worden. Den Ärzten gelang es nicht, sie am Leben zu erhalten. Sie konnten keine Hirnfunktionen mehr feststellen – und dachten an Barnard.

"Jeder, der hier arbeitete, wusste, dass Barnard bereit und in der Lage war, eine Herztransplantation vorzunehmen", erklärt Museumsführerin Christine Heydenrych, die selbst bereits vor 50 Jahren am Krankenhaus beschäftigt war, wenn auch in einem ganz anderen Bereich. Barnard holte das Einverständnis von Denises Vater ein, der bei dem Unfall nicht nur seine Tochter, sondern auch seine Frau verloren hatte.

Zeitreise zur ersten Herztransplantation

Museumsgründer- und Direktor Hennie Joubert in seinem Lieblingsraum – der Nachbildung des Kinderzimmers der Organspenderin Denise Davall.

© Angela Mißlbeck

So sei der Tod seiner Tochter wenigstens zu etwas gut, soll der geschockte Mann gesagt haben. Zwei Ärzte des Groote Schuur Krankenhauses erklärten das junge Unfallopfer unabhängig voneinander für hirntot. Der erste hatte das Haus verlassen, bevor der zweite eintraf.

Hirntod als Lebensende

Diese Definition des Hirntodes als Lebensende wurde dabei zum ersten Mal auf der Welt angewendet. Das südafrikanische Recht ließ das zu und verschaffte Barnard einen entscheidenden Vorteil im internationalen Wettlauf um die erste Herztransplantation. Das weitere Geschehen erzählt Christine Heydenrych anschaulich und detailreich wie einen Krimi, an eben dem Ort, an dem es sich ereignet hat: "Christiaan Barnard hat das Herz selbst entnommen und durch den Steri in den anderen OP-Saal getragen", sagt sie. Zwei Stunden habe es gedauert, das Herz richtig zu platzieren, dann habe es nicht schlagen wollen. Erst nach dreimaligem Defibrillieren kam der erste Herzschlag am 3. Dezember 1967 um 5.58 Uhr. Die Wanduhr im Operationssaal zeigt genau diese Uhrzeit.

Glückwünsche und Neid

Barnard kam auch zugute, dass er in Minnesota unter dem herzchirurgischen Pionier Clarence Walton Lillehei gearbeitet hatte, der an der Entwicklung einer Herz-Lungen-Maschine beteiligt war. Eben diese Herz-Lungen-Maschine kam bei dem weltbewegenden Eingriff in Kapstadt zum Einsatz. Ohne die Technik wäre der Eingriff nicht möglich gewesen.

Es waren also nicht nur Barnards Zielstrebigkeit und sein Mut, sondern auch eine Reihe günstiger Umstände, die seinen Weltruhm begründeten. Die Kollegen aus den USA gratulierten nicht neidlos zu dem Erfolg. "Warm Congratulations. You really did it Bastard", schrieb etwa Barnards früherer Kollege Morris Levy aus Minnesota. Sein Telegramm findet sich neben einigen anderen Glückwunsch-Briefen an Barnard in einer Vitrine auf dem langen Gang zwischen den Operationssälen.

Ausgestellt sind dort auch kritische Briefe, in denen etwa religiöse Bedenken geäußert werden. Briefe von Kindern, die nach einer Anleitung fragen um ihre kranken Haustiere zu operieren, illustrieren, dass buchstäblich jedes Kind von dem Ereignis erfahren hat. Die medizinische Sensation ging durch alle Medien. Barnard war auf Bildschirmen und Titelblättern weltweit zu sehen. Auch der deutsche "Spiegel" machte bald eine Titelgeschichte daraus.

Barnard genoss den Ruhm. Fotos zeigen ihn mit Lady Di, Papst Paul VI und mit Sophia Loren, aber auch im Kreis seiner Kollegen. Denn so sehr er den Ruhm liebte, so bewusst war ihm doch, dass der Erfolg eine Mannschaftsleistung war. Einige der mitwirkenden Ärzte werden in der Museumsführung vorgestellt. Christine Heydenrych hebt besonders die Leistung der Anästhesisten hervor. Die Rolle des schwarzen Assistenten Hamilton Naki würdigt ein umfangreiches, englischsprachiges Dossier, das am Museumseingang erhältlich ist. Der Musikliebhaber Barnard bezeichnete sein Team als Orchester. Eine Karikatur zeigt ihn als Dirigenten. "Brahms ist besser für dein Herz als 1000 Ärzte", sagt Barnard als älterer Herr in einem Porträtfilm, der während der Museumsführung gezeigt wird.

Historische Fotografien als Vorlage

Zeitreise zur ersten Herztransplantation

Patient Louis Washkanski am Morgen des 3. Dezember 1967 – detailgetreu mit historischen Fotos als Vorlage nachgebildet.

© Angela Mißlbeck

Den Film hat Museumsgründer und -manager Hennie Joubert gedreht. Auch die Rekonstruktion der historischen Operationssäle geht auf seine Privatinitiative zurück. Historische Fotografien dienten Joubert als Vorlage für die detailgetreue Gestaltung der Räume. Inventarlisten halfen ihm dabei. "Mein Ziel war, so genau wie möglich zu arbeiten", sagt Joubert. Um das zu erreichen, hat er auch getrickst, wie er berichtet.

Unter anderem hätte das Bauamt die unregelmäßigen Steinstufen im alten Lehr-OP-Saal nicht genehmigt, wenn er sie nicht (vorübergehend) mit gleichmäßigen Holzstufen verschalt hätte. Möglichst jedes Instrument, das Joubert auf alten Fotografien sah, wollte er in seinem Museum genau auf dem Platz haben, auf dem es im Foto zu sehen war.

Wie exakt Joubert dabei gearbeitet hat, erschließt sich dem Laien vor allem in Barnards Büro. Auf dem Wandsims steht die Fotografie, die Joubert als Vorlage für die Gestaltung des Raumes diente. Im zentralen OP-Saal B umgeben blutige Tücher und handgedrehte Tupfer die Operationsszene. In Saal A, wo Denise Davall das Herz entnommen wurde, entdecken die Besucher ein Sauerstoffzelt des Drägerwerks Lübeck. Im Aufwachraum scheint es, als ob Washkanski den Besuchern entgegen winkt.

Die Informationen und Objekte für das Museum hat Joubert selbst zusammengetragen. Sein Vater Erhardt Joubert hat mit Barnard am Anfang von dessen Karriere in der Chirurgie der südafrikanischen Kleinstadt Ceres zusammengearbeitet. Das öffnete dem Sohn einige Türen auf seiner Suche nach Ausstellungsstücken für das Museum. Zugute kam ihm auch das detaillierte Ausstattungsverzeichnis des Krankenhauses.

"Viele Dinge waren noch im Krankenhaus, aber manche Dinge zu bekommen, war ein Abenteuer", sagt Joubert. So hat er anhand der Seriennummer eine OP-Lampe bei einem Tierarzt aufgefunden. Als er sie abholen wollte, operierte der Veterinärmediziner gerade eine Kuh.

Bruder lehnte Museum strikt ab

Neben den Operationssälen, dem Aufwachraum und Barnards Büro ist ein weiterer historischer OP-Saal eingerichtet, in dem ein Hund mit geöffnetem Brustraum auf dem OP-Tisch liegt. Zusätzlich ist ein Raum ist als Mädchenzimmer der Herzspenderin Denise gestaltet. Diesen Raum mag Joubert von allen Räumen im Museum am meisten. Er hat ihn aber auch am meisten Arbeit gekostet.

Joubert berichtet, dass der Bruder von Denise Davall das Museum anfangs strikt abgelehnt habe, weil er überzeugt gewesen sei, dass seine Schwester noch am Leben sein könnte. Erst nachdem Joubert ihm ein Gespräch mit dem beteiligten Anästhesisten ermöglicht hatte, lenkte der Bruder ein.

Das Heart of Capetown Museum ist ein Herzensprojekt des Unternehmers Joubert. "Es hat Spaß gemacht und war sehr befriedigend, das Museum aufzubauen", sagt er. Acht Millionen Rand (rund 500.000 Euro) hat er dafür nach eigenen Angaben in die Hand genommen. Eröffnet hat das Museum am 3. Dezember 2007, dem 40. Jahrestag der ersten Herztransplantation. Seitdem steigen die Besucherzahlen stetig. Mehr als 16.000 Besucher verzeichnete es für das Jahr 2016. Vor allem das internationale Interesse ist immer mehr gewachsen. Gewinne erwirtschaftet es zwar nicht, doch die laufenden Kosten tragen sich nun selbst, sagt Joubert.

"Spannend", findet die deutsche Ärztin Gabriele Heimann den historischen Ort und die Ausstellung. "Die Führung hat gut vermittelt, dass Barnard eine besondere Persönlichkeit war," meint sie. Neben ihr und ihrem Mann waren drei belgische Krankenschwestern und ein französischer Arzt dabei.

Das Museum "Heart of Capetown"

  • Das Museum bietet Geschichte zum Anfassen rund um die erste Herztransplantation im Jahr 1967
  • Englischsprachige Führungen werden an sieben Tagen pro Woche alle zwei Stunden angeboten. Eine Anmeldung ist nötig.
  • Auf der Webseite kann man eine digitale Besichtigungstour durch den Operationssaal unternehmen.
  • Mehr unter www.heartofcapetown.co.za

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