Ärzte Zeitung online, 16.03.2018

Studie entkräftet Mythos

Das Märchen vom Adipositas-Paradoxon

Ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen ist gesund, besagt das Adipositas-Paradoxon. Eine große Studie räumt mit der Hypothese auf: Schon minimales Übergewicht schadet dem Herzen.

Von Alexander Joppich

Das Märchen vom Adipositas-Paradoxon

Übergewicht schützt vor Herzkrankheiten? Im Gegenteil, das ist das Ergebnis einer schottischen Studie mit 296.535 Teilnehmern.

© staras / stock.adobe.com

GLASGOW. Bereits geringes Übergewicht erhöht das Risiko für eine Herz-Kreislauferkrankung. Diese Assoziation konnten schottische Forscher für weiße, mittelalte Menschen europäischer Abstammung ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung herstellen. Mit ihrer Studie, die im "European Heart Journal" erschienen ist (doi: 10.1093/eurheartj/ehy057), liefern die Wissenschaftler gleichzeitig Erkenntnisse, die das Adipositas-Paradoxon in Frage stellen.

Das geringste Risiko für CVDs (cardiovascular diseases, Herzkreislauferkrankung) hatten Menschen mit einem BMI zwischen 22 bis 23: Die Forscher definierten 22 als Basiswert für ihre Untersuchung. Ein Anstieg um 5,2 Kilogramm (Männer) beziehungsweise 4,3 Kg (Frauen) über den BMI von 22 erhöhte die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauferkrankungen um 13 Prozent. Ein BMI-Wert unter 18,5 wurde ebenfalls mit einem erhöhten CVD-Risiko assoziiert.

Mit einer Erhöhung des Hüftumfangs um 11,4 Zentimeter stieg das Risiko bei Männern um 10 Prozent (CI 95%, 1,08-1,13) – für Frauen lag die Risikoerhöhung bei 16 Prozent für eine Steigerung um 12,6 Zentimeter (CI 95%, 1,13-1,19). Das Risiko stieg für beide Faktoren danach nahezu linear an.

Kein Adipositas-Paradoxon nachweisbar

Die Studienergebnisse entkräftigen den vermeintlich positiven Effekt von leichtem Übergewicht, dem Adipositas-Paradoxon. "Wir waren nicht besonders überrascht, da wir ohnehin der Meinung waren, dass ein protektiver Effekt durch Körperfett keinen Sinn ergab. Als wir dann Raucher und Menschen mit Vorerkrankungen ausschlossen, verschwand dieser scheinbare Effekt komplett", sagte Co-Autorin Stamatina Iliodromiti gegenüber MedPageToday.

Einschränkend geben die Studienautoren an, dass die niedrige Teilnehmer-Antwortrate der verwendeten Datenbank (UK Biobank), wohl darauf hindeutet, dass tendenziell eher gesündere Menschen eine Rückmeldung gegeben haben. Auch haben die Forscher keine Erkenntnisse auf Biomarker für Glykämie gehabt.

Fast 300.000 Menschen schlossen die Schoten in ihre Kohortenstudie ein. Die Teilnehmer waren durchschnittlich 55 Jahre alt, der Frauenanteil lag bei 42,2 Prozent. Sie wurden im Durchschnitt 5 Jahre lang nachverfolgt.

Zwar ist das Adipositas-Paradoxon durch die schottische Studie nicht widerlegt, die Autoren zeigen allerdings, dass mehr Gewicht auch mit mehr CVDs assoziiert werden können. Eine Studie namens KIGGS hatte zuletzt ergeben, dass die Anzahl an adipösen Kindern in Deutschland nicht weiter ansteigt und diese weniger Limonade trinken.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[19.03.2018, 17:37:00]
Dr. Manfred Stapff 
Immer wieder das Problem mit der "J - Kurve"
Hypercholesterinämie, Hochdruck, Diabetes, überall gibt es die "J-Kurve", die im unteren Bereich anders ausfällt als erwartet, weil man in viele Fallen treten kann.
Interessant ist, dass (laut Originalpublikation) als Definition für cardiovasculäre Erkrankung alle ICD10 codes von I00 bis I99 gewählt wurden, was ein sehr heterogenes Konglomerat verschiedenster Beschwerden, vom rheumatischen Fieber bis zu venösen Erkrankungen enthält. Dies ist extrem unüblich, würde man sich doch normalerweise auf standardisierte MACE definitionen konzentrieren, z.B. Schlaganfall, TIA, Myocardinfarkt, Revaskularisierung. Andererseits erlaubt dieser "globale" Blick einen Verzicht auf potenzielle Confounder, z.B. Alter oder Nikotin.
Wir haben die Publikation von Iliodromitri zum Anlass genommen, die elektronischen Krankenakten von 1,8 Millionen Patienten daraufhin zu untersuchen. Wir fanden keinerlei Hinweis auf eine J-Kurve, im Gegenteil einen stetigen Anstieg des 5-Jahresrisikos für einen I00-I99 code, von 1.9% mit einem BMI <16 kg/m2 bis zu 16.0% wenn der BMI über 40 kg/m2 lag.
Schlanker ist halt nun einmal gesünder!
 zum Beitrag »
[19.03.2018, 08:56:30]
Dr. Frank Horlbeck 
BMI sehr unscharf
Es verwundert, mit welcher Evidenz oft der BMI als Basiswert wissenschaftlicher Studien herangezogen wird. Denn dieser ist in doppelter Hinsicht unscharf. Zum einen diejenigen, die durch hohen Muskelanteil zu Übergewichtigen gemacht werden, zugegeben eine Minderheit. Was speziell bei älteren Menschen zunimmt, sind jedoch die scheinbar Normalgewichtigen mit Sarkopenie und erhöhtem Körperfettanteil. Selbst der Bauchumfang hilft hier wenig weiter. Der prozentuale Anteil der Muskulatur an der Körpermasse scheint wohl einer der wichtigsten Prädiktoren für Lebensqualität und Lebenserwartung zu sein. zum Beitrag »
[16.03.2018, 14:53:00]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Paradoxes Adipositas-Paradoxon!
"The impact of confounding on the associations of different adiposity measures with the incidence of cardiovascular disease: a cohort study of 296 535 adults of white European descent" von Stamatina Iliodromiti et al.
https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj/ehy057/4937957
bestätigt eine weitere Studie: Mit “The obesity paradox and incident cardiovascular disease: A population-based study” von Virginia W. Chang et al. http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0188636
wurde bereits 2017 das angebliche “Adipositas-Paradoxon” als Trugschluss entlarvt.

Auch mit der Studie von 2016: “Body-mass index and all-cause mortality: individual-participant-data meta-analysis of 239 prospective studies in four continents” der “The Global BMI Mortality Collaboration” unter Federführung von Frank Hu et al.
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)30175-1/fulltext
wurde erkannt, dass Normgewicht, Übergewicht, Untergewicht bzw. deren assoziierte Morbidität und Mortalität nicht statische Messgrößen in einem Krankheitsprozess darstellen. Dynamische, BMI-abhängige, krankheitsbedingte Entwicklungsprozesse und deren Progressionen müssen differenzierter als lediglich mit dem BMI detektiert, untersucht und diskutiert werden.
Grundsätzlicher Denkfehler bisheriger Studien und Metaanalysen war, dass der BMI keine eigene Krankheitsentität darstellt, welcher die allgemeine Mortalität direkt beeinflussen kann. Genauer ausgedrückt:

Der Body-Mass-Index (BMI) ist ein reiner Surrogat-Parameter, der weder Morbidität noch Mortalität detektieren, identifizieren, abbilden oder demaskieren kann. Der BMI ist als isolierter Einzelbefund keine nosologisch greifbare Krankheitsentität. Denn der BMI oder der Bauchumfang ist nicht die Krankheit, die man zu behandeln vorgibt?

Musterbeispiele für Denkfehler dieser Art zeigen die Autoren von “Change in Body Mass Index Associated With Lowest Mortality in Denmark, 1976-2013”
http://jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=2520627
welche mit naivem Empirismus unreflektiert BMI-Daten mit dem dänischen Mortalitätsregister verknüpft haben.

Man stirbt nicht an einem niedrigen BMI, sondern mit einem abnehmenden BMI bei konsumierenden Tumorerkrankungen, kardialer, pulmonaler oder renaler Kachexie, Altersdegeneration und -exsikkose bzw. allgemeinen alterungsbedingten Organ-Abbauprozessen. Deswegen spricht ein relativ hoher BMI mit höherer Wahrscheinlichkeit gegen derartige präfinale Zustände.

Das paradoxe “Obesity” Paradoxon wird in zahlreichen Studien beschrieben. Exemplarisch eine für die, welche alle demselben “bias” (Annahmefehler) unterliegen, von P. Costanzo et al.: “The Obesity Paradox in Type 2 Diabetes Mellitus: Relationship of Body Mass Index to Prognosis”, Ann Intern Med 2015;162:610-618; doi:10.7326/M14-1551

Es ist der Katabolismus, der bei schweren, konsumierenden Begleiterkrankungen mit erhöhter Mortalitätsrate z. B. bei Tumorkachexie oder pulmonaler, COPD-bedingter Kachexie sich maskiert und mit erhöhter Mortalität in der Gruppe der Norm- bis Untergewichtigen einhergeht.
In der Mega-Metaanalysen-Studie von K. M. Flegal et al. wurden 97 prospektive Studien, vornehmlich aus den USA und Europa, mit mehr als 2,88 Millionen Menschen und über 270.000 Todesfällen ausgewertet. In “Association of All-Cause Mortality With Overweight and Obesity Using Standard Body Mass Index Categories” (JAMA. 2013;309(1):71-82) war die Mortalität bei BMI-Normalgewicht deshalb erhöht, weil der von K. M. Flegal et al. verwendete “cut-off” eines BMI von größer oder gleich 18,5 (bis 24,9) betrug.
Einem BMI von 18,5 entspricht bei einer Größe von 180 cm nur noch 59 kg Körpergewicht. Dies führt zu einer statistisch verzerrenden Erhöhung der Mortalität in der Population der noch normgewichtigen Patienten und dann später katabol-krankheitsbedingt weiter Untergewichtigen gegenüber den Übergewichtigen mit ihrem noch anabolen Stoffwechsel.

Vergleichbar ist damit die Schlussfolgerung einer Diabetes-Studie: “Conclusion: Adults who were normal weight at the time of incident diabetes had higher mortality than adults who are overweight or obese” (JAMA. 2012;308(6):581-590). Denn Adipöse haben gute, therapeutisch zugängliche Gründe für ihren Typ-2-Diabetes: Bewegungsmangel, metabolisches Syndrom, Insulinmangel bei relativer Betazellinsuffizienz und zunehmende Insulinresistenz. Normalgewichtige mit Typ-2-D.m. haben dagegen eine progrediente, absolute Betazellinsuffizienz mit dramatischerem Krankheitsverlauf und höherer Mortalität, was idiopathisch, metabolisch oder genetisch determiniert sein könnte.

Auch das ‘Adipositas-Paradoxon’ bei systolischer Herzinsuffizienz bleibt rätselhaft. Übergewicht erhöht das Herz-Kreislauf-Risiko bei Gesunden. Wer bereits erkrankt ist, profitiert eher vom Übergewicht: “The obesity paradox in men versus women with systolic heart failure” (Am J Cardiol. 2012 Jul 1;110(1):77-82). Dabei wurde auch die kardiopulmonale Kachexie übersehen. Patienten mit fortgeschrittener, schwerer Herzinsuffizienz entwickeln in der Endstrecke NYHA IV eine katabole Energiebilanz. Dann trifft die höhere Sterblichkeit vermehrt untergewichtige Herzinsuffizienz-Patienten auch mit einem BMI ab 18,5.

Die Studie “Overweight and obesity are associated with improved survival, functional outcome, and stroke recurrence after acute stroke or transient ischaemic attack: observations from the TEMPiS trial ” (Eur Heart J 2012 online October 16) ergab, dass nach Schlaganfall die Überlebens- und Restitutionswahrscheinlichkeit von Patienten mit relativem Übergewicht und einem BMI >25 besser als bei Normgewichtigkeit mit BMI 18,5-24,9 waren. Doch auch hierbei wurden katabole Begleiterkrankungen und mortalitätserhöhende Risikofaktoren in der Population mit niedrigem BMI nicht ausreichend diskutiert.

Die Studie von Virginia W. Chang et al. stellte 2017 mit ihren Schlussfolgerungen die Verhältnisse wieder auf den Kopf: “Conclusion – We observed an obesity paradox in prevalent CVD, replicating prior findings in a population-based sample with longer-term follow-up. In incident CVD, however, we did not find evidence of a survival advantage for obesity. Our findings do not offer support for reevaluating clinical and public health guidelines in pursuit of a potential obesity paradox.”
“Wir beobachteten ein Adipositas Paradoxon bei prävalenter cerebrovaskulärer Krankheit in Übereinstimmung mit früheren Ergebnissen populationsbasierter Beispiele mit längerfristigem Follow-Up. Bei inzidenter cerebrovaskulärer Krankheit jedoch, fanden wir keine Evidenz für einen Überlebensvorteil bei Adipositas. Unsere Ergebnisse bieten keine Anhaltspunkte dahingehend, klinische- oder öffentliche Gesundheits-Leitlinien zu re-evaluieren, um ein potenzielles Adipositas-Paradoxon zu verfolgen.“ (Copyright der Übersetzung beim Verfasser)

Gesunde Dicke sind und bleiben doch kränker als gesunde Schlanke – kranke Schlanke und kranke Dicke haben besonders schlechte Karten!


http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/adipositas/article/911260/uebergewicht-ueberlebensvorteil-dick-jetzt-neue-schlank.html
http://news.doccheck.com/de/blog/post/3840-kranke-dicke-gesunde-schlanke-oder-gesunde-dicke-kranke-schlanke/

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Mauterndorf/A)  zum Beitrag »
[16.03.2018, 14:06:56]
Rudolf Hege 
Bias?
"Wir waren nicht besonders überrascht, da wir ohnehin der Meinung waren, dass ein protektiver Effekt durch Körperfett keinen Sinn ergab.." Nun, da wundert das Ergebnis der Studie natürlich nicht. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Blick ins Gehirn offenbart beste Therapie-Option

Einige Depressive sprechen besser auf Verhaltenstherapien an, andere auf Antidepressiva. Ein Blick ins Hirn per fMRT zeigt, welcher Ansatz den meisten Erfolg verspricht. mehr »

Ein steiniger Weg nach Deutschland

Ob geflohen vor Krieg oder eingewandert aus anderen Teilen der Welt: Wer als ausländischer Arzt in einer deutschen Klinik oder Praxis arbeiten will, muss Ausdauer haben – und gutes Deutsch können. mehr »

Milliarden für die Versicherten – Kassen bleiben skeptisch

Erster Aufschlag des neuen Gesundheitsministers: Jens Spahn will gesetzlich Versicherte per Gesetz entlasten. Aus Richtung Kassen weht scharfer Gegenwind. mehr »