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Ärzte Zeitung online, 06.08.2018

Wirrwarr eventuell beendet

Diät-Tipps – Welches Essen tut denn nun dem Herzen gut?

Experten haben Ernährungs-Trends mit Argusaugen geprüft und einen Leitfaden erstellt – damit Ärzte wissen, was sie Patienten raten können.

Von Veronika Schlimpert

Diät-Tipps – Welches Essen tut denn nun dem Herzen gut?

Was gute Ernährung ist, davon hat jeder eine Vorstellung im Kopf. Doch die Fakten sind oft differenzierter.

© Tijana / Fotolia

DENVER. Was darf ich essen, auf was sollte ich besser verzichten? Angesichts des medialen Bombardements an Diät-Tipps ist es für Patienten kaum mehr möglich, zu differenzieren: Halbwahrheit oder evidenzbasierte Empfehlung? US-Experten haben einen Leitfaden erstellt (JACC 2018; 72: 553–68). Beispiele daraus:

  • Milchprodukte: Omega 3-Margarine statt Butter, Sojamilch zum Kaffee statt 3,5%-iger Vollmilch? Tatsache ist, dass selbst die Experten hier keine endgültige Antwort haben. "Es scheint keinen eindeutigen Konsensus in den publizierten Studien und unter Experten zu geben, inwieweit Milchprodukte das kardiovaskuläre Risiko beeinflussen", lautet ihr Fazit.

    Es scheine zwar eine Assoziation zwischen der Zufuhr mancher Milchprodukte und erhöhten LDL-Spiegel, erhöhtem Frakturrisiko und der Gesamtmortalität zu geben, etwa für Butter und Käse. Aber inwieweit dieser Risikoanstieg eine Rolle spiele, sei unklar. Für sinnvoll halten es die Experten, den Konsum fettreicher Milchprodukten einzuschränken. Diese seien in den USA immerhin eine Hauptquelle für gesättigte Fettsäuren und Salz.

    Auf Milchprodukte zu verzichten, ist ihrer Ansicht nach aber nicht förderlich: "Fettreduzierte Michprodukte sind eine wichtige Quelle für essenzielle Vitamine, Mineralien sowie qualitativ hochwertige Proteine."

  • Zucker: Beim Zucker ist die Datenlage eindeutig. Immer mehr Studien hätten einen kausalen Zusammenhang zwischen überhöhtem Zuckerkonsum und der Entstehung von koronaren Herzerkrankungen, Schlaganfällen und der KHK-bedingten Mortalität gezeigt, heißt es in dem Leitfaden. Ein erhöhter Zuckerkonsum fördere Atherosklerose, unabhängig von der Gewichtszunahme.

    Die Empfehlung der Experten ist daher ganz klar: Weniger Zucker. Konkret sollten Frauen nicht mehr als 100 Kalorien und Männer nicht mehr als 150 Kalorien täglich an zugefügten Zucker zu sich nehmen. Ärzte sollten ihren Patienten generell zu einer vollwertigen Ernährung mit wenigen Fertigprodukten raten und sie darauf sensibilisieren, Lebensmittel auszuwählen, die wenig Zucker enthalten. Ganz besonders kritisch sehen Freeman und Kollegen den Konsum von Softdrinks. Auf derart gesüßte Getränke sollte man möglichst verzichten.

  • Hülsenfrüchte: Überzeugend ist nach Ansicht der Experten der positive kardiovaskuläre Effekt von Hülsenfrüchten, also etwa Bohnen, Linsen, Kichererbsen. "Hülsenfrüchte sollten Bestandteil einer jeglichen Diät sein, die auf eine kardiometabolische Gesundheit abzielt." Sie sind reich an Ballaststoffen, Proteinen, Polyphenolen und Saponinen und ihre Aufnahme sei in randomisierten Studien mit einem geringeren KHK-Risiko, verbesserten Glukose- und LDL-C-Werten, einer Senkung des Blutdrucks und einem geringeren Körpergewicht einhergegangen.

  • Pilze: Auch Pilze sollten den Experten zufolge möglichst oft verzehrt werden, auch wenn es keine qualitativ hochwertigen Studien zu deren kardiovaskulären Effekten gebe. Bisherige Daten deuten aber darauf hin, dass sie entzündungshemmend und antioxidativ wirken, Blutdruck, Blutzucker, Gesamtcholesterin und Triglyzeride senken. Und: Sie enthalten viel Vitamin D: Dreißig Gramm frische Champignons könnten den Tagesbedarf zu 100 Prozent decken.

  • Fermentierte Lebensmittel und Meeresalgen: Fermentierte Lebensmittel (etwa Sauerkraut, Kefir) enthalten Probiotika. Ihnen werden viele positive Eigenschaften nachgesagt. Kimchi (fermentierter Chinakohl) soll den Nüchternblutzucker und das LDL-C senken. Auch wenn das Gericht viel Salz enthält, steigt der Blutdruck offensichtlich nicht an, wenn es regelmäßig gegessen wird, wie man bei Koreanern sehen kann. Joghurt wird eine LDL-C-senkende Wirkung zugesagt, ebenso wie Meeresalgen, die zudem zum Abnehmen hilfreich scheinen (aufgrund ihres hohen Ballaststoffanteils) und die Insulinsensitivität verbessern könnten (die darin enthaltenen bioaktiven Pepide). Für Spirulina (Blaualgen), die als Nahrungsergänzungsmittel zu kaufen gibt, wurde ebenfalls eine cholesterinsenkende Wirkung nachgewiesen.

    Alles in allem reicht die bisherige Evidenz nach Ansicht der Autoren aber nicht aus, explizit zu der regelmäßigen Einnahme solcher Produkte zu raten, wobei davon auch keine Gefahr auszugehen scheine.

  • Omega-3-Fettsäuren: Omega-3-Fettsäuren scheinen die Herzgesundheit zu fördern, egal ob sie über Fisch bzw. Meerestiere (Eicosapentaen- und Docosahexaensäure) oder über Pflanzen wie Walnüssen, Soja-, Canola- und Leinöl (Alpha-Linolensäure) aufgenommen werden. Welches davon die bessere Quelle darstellt, sei unklar.

    Die Experten weisen aber darauf hin, dass es bei einzelnen Fischen Bedenken wegen möglicher Kontaminationen mit Methylquecksilberverbindungen gebe. Weniger eindeutig ist der Nutzen einer entsprechenden Supplementierung durch Fischöl-Kapseln. Die Experten empfehlen daher Omega-3-Fettsäuren über natürliche Quellen aufzunehmen.

  • Vitamin B12: Aus kardiovaskulärer Sicht scheint eine Supplementierung von Vitamin B12 nutzlos zu sein.

    Daher empfehlen die Experten diese nur bei Menschen, die einen evidenten Mangel haben und für gewisse Patientengruppen, bei denen die Gefahr für einen Mangel besteht (empfohlene Tagesdosis: 2,4 μg). Dazu gehören Ältere, Patienten mit Malabsorptionsstörungen wie chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und Menschen, die sich ausschließlich vegan ernähren. Auch bestimmte Medikamente wie Metformin oder Säureblocker können die Resorption von Vitamin B12 stören.

    Es sei darauf hingewiesen, dass eine übermäßige Aufnahme von Vitamin B12, B6 und Folsäure auch negative Folgen haben könne, betonen Freeman und Kollegen, beispielsweise wurde eine Überdosierung kürzlich mit einem erhöhten Lungenkrebs-Risiko in Verbindung gebracht.

  • Energy Drinks: In puncto Getränke stehen"Energy Drinks" im Verruf. Die besonders bei Kindern und Jugendlichen beliebten Aufputschgetränke enthalten nicht nur viel Zucker, sondern auch sehr viel Koffein (bis zum Zwei- bis Vierfachen des von der FDA als unbedenklich eingestuften Gehalts).

    Studien zufolge können sie den Blutdruck erhöhen, begünstigen die Aggregation der Blutplättchen und bergen ein Risiko für Rhythmusstörungen. Es gab Fälle, in denen es nach dem Konsum von Energy Drinks sogar zu Takotsubo Kardiomyopathien und Herzinfarkten gekommen ist und auch über Todesfälle wurde berichtet.

    Die Experten weisen aber darauf hin, dass die bisherigen Studien zu diesem Thema von relativ niedriger Qualität sind. Bis weitere besser durchgeführte Studien nicht Entwarnung geben, sollte man ihrer Ansicht auf keine Energy Drinks trinken.

  • Kaffee und Tee: Kaffee dagegen hat seinen schlechten Ruf verloren. Glaubte man früher, dass Kaffee Bluthochdruck verursachen könnte, spricht man dem Getränk heute eher eine positive Wirkung auf das Herz-Kreislauf-Risiko zu. In Studien habe sich kein Zusammenhang zwischen Kaffee und der Entwicklung einer Hypertonie nachweisen lassen, steht in dem Konsensuspapier. Auch muss man nicht befürchten, wegen Kaffee Rhythmusstörungen oder Dyslipidämien zu entwickeln.

    Die im Kaffee enthaltenen Polyphenole scheinen tendenziell einen positiven Einfluss auf den Glukosestoffwechsel und die Insulinsensitivität zu haben. "Moderater Kaffeekonsum reduziert das Schlaganfall-, Diabetes- und Sterberisiko", lautet das Fazit der Experten. Kaffeetrinker hätten zudem weniger Verdauungsstörungen.

    Auch für Patienten, die bereits an einer kardiovaskulären Erkrankung leiden, ist Kaffee in Maßen unbedenklich. Das Einzige, das den Experten zufolge problematisch sein könnte, ist der hohe Zucker- und Fettanteil, der in manchen kaffeehaltigen Getränken enthalten ist. Dies könne die positiven Eigenschaften von Kaffee zunichtemachen.

    Ähnliches gilt für Tee. Schwarztee scheint die Gefäßfunktion zu verbessern, Grüner Tee das Lipidprofil (besonders das LDL/HDL-Verhältnis). Belegt sei dies allerdings nur für sehr ambitionierte Teetrinker (bis > 5 Tassen pro Tag), und auch nur für Teesorten, denen kein Zucker, Süßstoff, Milch oder Sahne zugesetzt wird.

  • Alkohol: Deutlich komplexer ist der Sachverhalt bei Alkohol. Ob Alkohol schützt oder schadet, hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem dem Alter, Geschlecht, Herkunft genetischen Faktoren und der Art und Weise, wie dieser zugeführt wird.

    Ein niedriger bis moderater Konsum könne das Risiko für KHK, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Schlaganfall und generell das Sterberisiko senken, heißt es im Leitfaden. Ein übermäßiger Konsum erhöhe wiederum das Risiko für Vorhofflimmern, plötzlichem Herztod, Kardiomyopathien, ischämischen und hämorrhagischen Schlaganfälle, Hypertonie, Diabetes, Hypertriglyzeridämien und Inflammation.

    Was soll man seinen Patienten nun raten? Nur wegen dem Herzen mit dem Alkohol trinken anzufangen, ist nach Ansicht der US-Experten definitiv nicht zu empfehlen, vor allem weil Alkohol die Leber schädigen und einige Krebsarten begünstigen könne.

    Patienten, die regelmäßig Alkohol trinken, raten sie, ihr Trinkverhalten auf das empfohlene Maß zu beschränken. Sprich, für Männer gilt pro Tag nicht mehr als zwei alkoholische Getränke, für Frauen nicht mehr als ein alkoholisches Getränk.

Weitere Infos zur Kardiologie unter www.kardiologie.org

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[12.08.2018, 20:54:40]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Warum ist die Supplementierung durch Fischöl-Kapseln eher kontraproduktiv?
Fischölkapseln oder Nährlösungen mit Ethylester-Varianten von Omega-3-Fettsäuren [“Long-chain polyunsaturated omega-3 fatty acids] und speziell Ester der Docosahexaensäure (DHA) waren bisher nicht oder nur gering wirksam. Zusätzlich unterdrückten im Tierexperiment veresterte DHA auch noch den blutdrucksenkenden Effekt der nicht veresterten DHA. Die in Deutschland handelsübliche Fischölkapseln enthalten häufig galenisch veränderte Ethylester von O-3-FS: So z. B. Omacor®/Zodin® Kapsel mit je 840 mg veresterten O-3-FS. Für eine omega3-loges® Kapsel werden nur 504 mg O-3-FS, davon 420 mg als unveresterte Eicosapentaen- und Docosahexaensäure (DHA) angegeben. Aus diesen niedrig dosierten bzw. veresterten Wirksubstanzen u n d der damit verbundenen Weiterführung traditionell fischarmer, an gesättigten Fettsäuren reicher, Fleisch-, Fett- und Wurst-betonter Ernährung ergibt sich eine schlechte Studienlage für Fischölkapseln.

Mit der Nahrung aufgenommener Atlantischer Lachs enthält zu 1,8 %, Sardellen zu 1,7 %, pazifische Sardinen zu 1,4 %, atlantische Heringe zu 1,2 % und Makrelen zu 1 % langkettige, mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren [“n-3 LCPUFA = n-3 long chain polyunsaturated fatty acid”]: 300 g Lachs bringt etwa 5400 mg und 300 g Makrele 3000 mg n-3 LCPUFA. Leinöl (Linum usitatissimum) hat einen O-3-FS-Gehalt zwischen 56–71 % und Walnussöl 13 %.

Zur Schlaganfallprophylaxe und Fischöl gab es bei SpringerMedizinOnline und in der Ärzte Zeitung unter http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/herzkreislauf/schlaganfall/article/830450/schlaganfall-fetter-fisch-schuetzt-fischfett-nicht.html eine ausführliche Berichterstattung von Thomas Müller.

Zu einer angeblichen Metaanalyse aus der VR China, nach der Fischölkapseln bei höherer Brustkrebs-Inzidenzen als in den Vergleichsgruppen besser vor Mamma-Karzinomen schütze solle, habe ich einen bissigen Beitrag auf “Schätzlers Schafott” geschrieben: http://www.springermedizin.de/fish-and-metaanalysis-stink-after-three-days/4574186.html

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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