Ärzte Zeitung online, 28.12.2018

Weltweite Schlafstudie

Wer sechs bis acht Stunden pro Nacht schläft, lebt am längsten

Zu viel und zu wenig Schlaf sind ein Warnzeichen – das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall sowie vorzeitigen Tod ist dann deutlich erhöht. Wie viel Schlaf am gesündesten ist, haben Forscher in einer weltweiten Studie mit über 100.000 Teilnehmern untersucht.

Von Thomas Müller

Wer sechs bis acht Stunden pro Nacht schläft, lebt am längsten

Augen zu, gut Nacht!

© detailblick-foto / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie ist der Zusammenhang zwischen Schlafdauer, Todesfällen und kardiovaskulären Ereignissen?

Antwort: Eine weltweite prospektive Studie fand eine J-förmige Assoziation: wenig und viel Schlaf gehen mit einer ungünstigen Prognose einher, signifikant waren die Resultate aber nur für ausgeprägte Langschläfer.

Bedeutung: Ein ausgeprägtes Schlafbedürfnis kann Zeichen einer schwerwiegenden Erkrankung sein.

Einschränkung: Daten basieren auf Selbstauskünften, nur wenige Begleiterkrankungen erfasst.

HAMILTON. Wenn Menschen mehr oder weniger als die üblichen sechs bis acht Stunden pro Nacht schlafen, stellt sich die Frage, ob dies ihrem natürlichen Schlafbedürfnis entspricht. Und ob sie mit ihren Schlafenszeiten zufrieden sind, oder ob sie gerne mehr oder weniger schlafen würden, wenn sie nur könnten.

Schließlich gibt es jede Menge psychische und organische Erkrankungen, die den Schlaf entweder verkürzen oder müde machen und verlängern. Eine Abweichung vom durchschnittlichen Schlafoptimum von sechs bis acht Stunden kann also Folge einer gravierenden Erkrankung sein.

Insofern überrascht es nicht, wenn die Abweichler früher sterben oder häufiger kardiovaskuläre Ereignisse erleiden als Personen, denen ihr persönliches Schlafoptimum vergönnt ist. Studien finden daher immer wieder eine U- oder J-kurvenartige Beziehung: je weniger jemand schläft, und je länger jemand im Bett liegt, umso ungesünder.

Dagegen scheinen Kurz- oder Langschläfer per se keine Nachteile zu haben, solange die Schlafdauer ihrem Optimum entspricht.

Mammutprojekt mit 117.000 Teilnehmern

Vor diesem Hintergrund sind auch die Resultate einer weiteren Schlafstudie zu betrachten. Sie bestätigt letztlich die bekannten Zusammenhänge. Neu ist, dass diese weltweit zu gelten scheinen, auch ist die Größe der Studie mit knapp 117.000 Teilnehmern beachtenswert.

Für das Mammutprojekt mit der Bezeichnung PURE (Prospective Urban Rural Epidemiology) konnte ein Forscherstab um Dr. Chuangshi Wang von der McMaster Universität in Hamilton, Kanada, anhand eines standardisierten Fragebogens Schlafgewohnheiten, Lebensstil und bekannte Erkrankungen bei Teilnehmern aus 21 Ländern eruieren. Darunter befanden sich vier Industrie-, zwölf Schwellen- und fünf Entwicklungsländer. Die Forscher deckten damit sämtliche Weltregionen ab.

Gefragt wurden die Teilnehmer, wann sie abends ins Bett gehen und wann sie aufwachen. Zudem sollten sie angeben, ob und wie lange sie Nickerchen halten. Daraus berechneten die Forscher um Wang die nächtliche sowie die gesamte Schlafdauer (European Heart Journal 2018; ehy695).

Zum Studienbeginn waren die Teilnehmer im Schnitt 50 Jahre alt. Rund 43 Prozent schliefen insgesamt sechs bis acht Stunden täglich, 26 Prozent gönnten sich acht bis neun Stunden Schlaf, nur 9,5 Prozent gaben an, sechs oder weniger Stunden zu Schlafen. Neun bis zehn Stunden benötigten 14 Prozent, noch mehr Schlaf 7,5 Prozent.

Wie zu erwarten, waren die extremen Vielschläfer im Schnitt etwas älter, körperlich träger, depressiver, rauchten etwas häufiger und tranken deutlich mehr Alkohol als die übrigen Teilnehmer, auch litten sie vermehrt an Hypertonie und COPD. Dagegen hatten die extremen Wenigschläfer gehäuft Diabetes sowie Übergewicht und lebten vermehrt in Städten.

Erhöhtes Risiko vor allem bei Langschläfern

Im Laufe von 7,8 Jahren beobachteten die Forscher um Wang über 7300 kardiovaskuläre Ereignisse oder Todesfälle. Es starben rund 4400 der Teilnehmer, ebenso viele erlitten einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Die niedrigsten Ereignisraten fanden die Forscher in der Gruppe mit sechs bis acht Stunden Schlaf. Berücksichtigten sie Alter und Geschlecht, ergab sich für alle anderen Gruppen eine signifikant erhöhte Rate und damit eine J-förmige Kurve bezogen auf die Schlafdauer.

Der Zusammenhang schwächte sich jedoch ab, wenn die Forscher sämtliche bekannten Lebensstilfaktoren und Komorbiditäten berücksichtigten. Dann zeigten sich in der Gruppe der Kurzschläfer keine statistisch belastbaren Differenzen mehr – weder bei den kardiovaskulären Ereignissen noch bei der Sterberate.

Teilnehmer mit neun bis zehn Stunden Schlaf starben hingegen zu 27 Prozent häufiger und erlitten zu 10 Prozent häufiger kardiovaskuläre Ereignisse als solche mit sechs bis acht Stunden, jeweils 61 Prozent und 28Prozent öfter war dies bei Personen mit über zehn Stunden Schlaf pro Tag der Fall, und hier blieben die Resultate signifikant.

Vermehrt Unfälle bei Kurzschläfern

Interessanterweise erlitten die Kurzschläfer vermehrt Unfälle, was darauf deutet, dass sie nicht ganz ausgeschlafen waren und eigentlich mehr Schlaf benötigt hätten.

Auch schien die Rate von kardiovaskulären Ereignissen und Sterbefällen etwas höher zu sein, wenn die Teilnehmer gerne ein Nickerchen machten und zugleich nachts mehr als sechs Stunden schliefen, nicht jedoch, wenn sie mit dem Nickerchen ihre offenkundigen nächtlichen Schlafdefizite kompensierten.

Zwischen den einzelnen Ländern und Regionen gab es wenig Varianz – kulturelle Einflüsse sind wohl wenig relevant.

Wie lassen sich nun die Resultate am besten erklären? Einiges spricht dafür, dass zu wenig Schlaf nicht gesund ist, während Langschläfer nicht gesund sind. Inzwischen würden einige Studien darauf deuten, dass wenig Schlaf den Insulin- und Leptinstoffwechsel beeinträchtige und damit Diabetes und Übergewicht fördere, geben die Forscher um Wang zu bedenken.

Das scheint die Untersuchung mit ihrem erhöhten Anteil von Dicken und Diabetikern unter Kurzschläfern zu bestätigen – davon ausgehend, dass die meisten Kurzschläfer tatsächlich Schlafdefizite haben.

Die gesteigerte Rate von Komorbiditäten sowie das höhere Alter spricht hingegen auf einen wenig gesunden Zustand extremer Langschläfer. Man kann davon ausgehen, dass viele müde machenden Erkrankungen nicht erfasst wurden oder den Betroffenen nicht bekannt waren. Diese könnten die ungünstige Prognose vielleicht erklären, vermuten auch die Forscher um Wang.

Ärzte sollten daher ihre Patienten gelegentlich nach der Schlafdauer fragen. Schlafen sie ungewöhnlich viel, deute dies möglicherweise auf eine noch nicht diagnostizierte gravierende Grunderkrankung.

Vorteile des kostenlosen LogIns

Auf unserer Webseite finden Sie tagesaktuelle Informationen aus den Themenbereichen Gesundheitspolitik, Medizin und Wirtschaft.

Über ein kostenloses LogIn erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile:

  • Mehr Analysen, Hintergründe und Infografiken
  • Exklusive Interviews
  • Praxis-Tipps zur Abrechnung und Organisation
  • Alle medizinischen Berichte lesen
  • Kommentare lesen und schreiben

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt. Weitere Infos und zum Login.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[30.12.2018, 12:59:19]
Josef Hoza 
Schlafqualität - nicht erholsamer Schlaf
Die Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin(DGSM) hat eine Leitlinie S3 - "Nicht erholsamer Schlaf- Schlafstörungen" erstellt, wo die Schlafqualität sehr oft beeinträchtigt ist.
https://www.dgsm.de/downloads/akkreditierung_ergebnisqualitaet/S3-Leitlinie_Nicht_erholsamer_Schlaf-Schlafstoerungen.pdf
Eine der häufigsten Schlafstörungen - von über 90 - sind die schlafbezogenen Atmungsstörungen, welche unter "Schlafapnoe" bekannt sind.
Hier schlafen Betroffene zwar z.B. 6 - 9 Stunden vorwiegend im Leichtschlaf, ohne den gesunden Tiefschlaf zu erreichen, welcher für die körperliche Erholung notwendig ist.
In 2 internationalen Studien aus der Schweiz(Hypnolaus) und der Charité Berlin mit Prof.Dr. I. Fietze wurden die alten Studien bezüglich Zahlen der Betroffenen neu ermittelt:
Bei Personen über 60 Jahre haben 67% Schlafapnoe, bei Personen unter 60 Jahren "nur" 46%(Charité Berlin)
Die zu selten beachtete Schlafstörung bewirkt oft Bluthochdruck, Demenz, Diabetes und weitere Erkrankungen.
Gleichzeitig wissen Schlafmediziner, das über 80% der Betroffenen keine Diagnose haben und ihre Müdigkeit einer anderen Ursache zuordnen.
Als Selbsthilfe-Organisation zur Krankheit Schlafapnoe sehen wir Politik und Gesundheitsstellen dafür verantwortlich, mehr Aufklärungsarbeit zum Schutz der Bevölkerung zu leisten. zum Beitrag »
[28.12.2018, 07:21:02]
Dr. Stefan Graf 
Wenig Aussagekraft
"Dagegen scheinen Kurz- oder Langschläfer per se keine Nachteile zu haben, solange die Schlafdauer ihrem Optimum entspricht." Dieser Satz und der Hinweis auf weitestgehend fehlende Signifikanz sagen das Wichtigste. Ob kurzer/langer Schlaf Ursache oder Symptom schwerer Erkrankungen ist, klärt auch diese BEFRAGUNGSstudie (ein weiterer Unsicherheitsfaktor) nicht. Wer sich am Tage wach und fit fühlt, sollte sich nicht von theoretischen Schlafdauerempfehlungen verunsichern lassen - zumal die SchlafQUALITÄT in dieser Arbeit gar keine Berücksichtigung findet.

Freundliche Grüße und gesunden Schlaf im neuen Jahr!
Stefan Graf zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Verändern schon wenige Joints das Gehirn?

Bei Jugendlichen, die nur ein bis zwei Mal Cannabis geraucht haben, sind Hirnveränderungen entdeckt worden. Diese könnten eine Angststörung oder Sucht begünstigen. mehr »

Bessere TSVG-Regelungen in Sicht?

Die großen Brocken wie die Aufstockung der Mindestsprechstundenzahl will Gesundheitsminister Jens Spahn nicht anfassen. Eine Nummer kleiner können die Ärzte aber wohl mit Änderungen am TSVG rechnen. mehr »

Daran starb Karl der Große

Karl der Große führte Kriege quer über den Kontinent. Sein großes Reich erstreckte sich von der Elbe bis Spanien. Am Ende könnte eine Lungenentzündung den mächtigsten Mann des Mittelalters niedergestreckt haben, mehr »