Ärzte Zeitung, 26.06.2019

Unerwünschte Wirkungen

Auf diese Arzneien sollten Ärzte bei Hitze achten

Auf bis zu 40 Grad soll das Thermometer diese Woche klettern. Ein Risiko für viele Patienten – vor allem unter bestimmten Medikamenten.

Von Christian Beneker und Denis Nößler

Auf diese Arzneien sollten Ärzte bei Hitze achten

Deutschland schwitzt derzeit: Ärzte müssen bei Arzneimitteln bei dieser Hitze einiges beachten.

© Jürgen Fälchle / stock.adobe.com

NEU-ISENBURG. Der Sommer ist in Deutschland angekommen. Für die kommenden Tage erwartetet der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach Höchstwerte bis zu 40 Grad Celsius. Ein Risiko für Kleinkinder, Senioren, vor allem aber für Patienten mit einer chronischen Erkrankung. Besonders betroffen sind Patienten mit

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen;
  • Diabetes mellitus;
  • Adipositas;
  • Niereninsuffizienz;
  • Neurologischen Leiden, Demenz;
  • Pneumologischen Erkrankungen;
  • Fieberhaften Erkrankungen.

Die Notaufnahmen in der Republik stellen sich schon auf mehr Patienten ein, die wegen Hitzefolgen behandelt werden müssen. „Besonders der Mangel an Flüssigkeit und die unmittelbare Hitzeeinwirkung sind gefährlich, vor allem ältere Menschen und Kinder reagieren empfindlicher“, erklärt Dr. Ulrike Cretan, Chefärztin der Rettungsstelle und Intensivstation der Asklepios Harzkliniken in Goslar.

Hitzebedingte Mortalität

Dass die Hitze tatsächlich zu mehr Todesfällen führen kann, hatte jüngst erst das Robert Koch-Institut gezeigt. Im vergangenen Sommer, dem zweitheißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnung, sind demnach allein in Berlin und Hessen über 1200 Menschen an den Folgen der Sommerhitze gestorben (Epi Bull 2019; 23:193).

Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) empfiehlt Ärzten, auf typische unerwünschte Wirkungen zu achten, die bei verschiedenen Arzneimitteln unter Hitzeexposition auftreten können, etwa:

  • Erhöhte Körpertemperatur etwa bei Anticholinergika, Antidepressiva;
  • Hemmung der zentralen Thermoregulation unter Neuroleptika, SSRI;
  • Verringertes Schwitzen bei Muskarinrezeptor-Antagonist;
  • Sedierung durch dopaminerge und Parkinsonarzneien, die die Wahrnehmung der Hitzeerschöpfung senken;
  • Dehydratation und Elektrolytimbalance durch eine Hyponatriämie, die Diuretika auslösen können;
  • Reduzierung der Herzleistung etwa durch Betablocker, die die Hitzeadaption beeinträchtigen können;
  • Erhöhte Toxizität durch eine Dehydratation, die die Wirkstoffkonzentration im Körper steigen lässt oder etwa bei transdermalen Systemen die Wirkstofffreisetzung verstärkt.

Das Landesgesundheitsamt in Niedersachsen (NLGA) weist Hausärzte auf Risiken durch weitere Arzneien hin. Dazu zählten nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), Sulfonamide, Antiarrhythmika, Biguanide und Sulfonylharnstoffe, H1-Antihistaminika oder auch Pseudoephedrin.

Was wird Ärzten empfohlen?

Das NLGA empfiehlt Arztpraxen, eine Liste von Medikamenten zusammenzustellen, die den Patienten zuletzt verordnet wurden. Anschließend sollten diese Substanzen und die Hitzeexposition „in die Betrachtung des gesamten Risikoprofils eines Patienten einbezogen werden.“ Ergo: Nutzen einer Arznei und mögliche Schaden durch ein Abschätzen sollten mit den Hitzerisiken abgewogen wogen.

Die Initiative KLUG empfiehlt Ärzten außerdem organisatorische Maßnahmen: In der Praxis sollten kühle Orte identifiziert und Erholungsräume eingerichtet werden.

Das Land Niedersachsen hat derweil mit dem Deutschen Wetterdienst vereinbart, dass sich die Pflegeeinrichtungen des Landes beim internetgestützten Hitzewarnsystem des DWD anmelden können. Dadurch sollen sie die Patienten besser auf die heißen Tage vorbereiten können.

Trotz solcher Möglichkeiten kritisiert der KLUG-Vorsitzende Dr. Martin Herrmann: „In anderen europäischen Ländern ist die öffentliche Gesundheitsfürsorge viel weiter als bei uns.“ Während in Frankreich Gesundheitsministerin Dr. Agnès Buzyn kommunale Behörden, Ärzte und Krankenhäuser sowie Pflege- und Altenheime aufgerufen habe, sich auf diesen medizinischen Notfall vorzubereiten, würden die enormen Folgen des Klimawandels im deutschen Gesundheitssystem noch nicht realisiert, kritisiert KLUG.

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