Ärzte Zeitung online, 12.04.2009

Ärzte testen bei Mission Mars500 Salzhaushalt unter Extrembedingungen

ERLANGEN / NÜRNBERG (eb). Sechs junge Männer sind momentan Teil eines außergewöhnlichen Experiments in Moskau. Als Teilnehmer der Mission Mars500 leben sie 105 Tage lang hermetisch abgeschottet im Nachbau einer Raumstation, um einen Flug zum Mars zu simulieren. Forscher untersuchen jetzt bei ihnen die Auswirkungen unterschiedlicher Kochsalzzufuhr.

Die Crew der Mission Mars500 vor dem Nachbau der Raumstation

Die Crew der Mission Mars500 vor dem Nachbau der Raumstation

Foto: Institute for Biomedical Problems

Die Arbeitsgruppe um Privatdozent Jens Titze von der Universität Erlangen-Nürnberg machen dieses umfangreichste medizinische Projekt im Rahmen der Mission Mars500. Titze hat Industriepartner gewonnen, die vorgefertigte Lebensmittel mit einer täglichen Gesamtmenge von 6 bis 12 g Kochsalz für das Projekt in Moskau bereitstellen. Eine Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe ist seit November 2008 ständig vor Ort, um die Experimente zu begleiten.

Die Experimente haben über die Weltraummedizin hinaus möglicherweise weit reichende Bedeutung für die Prophylaxe von Bluthochdruck. "Das Projekt Mars500 gibt uns die einmalige Gelegenheit, die Kochsalzzufuhr beim Menschen kontrolliert zu verändern, dabei Kochsalzaufnahme und -ausscheidung zu bilanzieren und Auswirkungen auf den Blutdruck und viele andere Körperfunktionen zu messen", so Titze in einer Mitteilung der Universität.

Kochsalz ist ein unverzichtbarer Nahrungsbestandteil. Doch was vor Jahrhunderten ein rares und teures Gut war, stellt heute eine unüberschaubare Belastung dar. Kochsalz ist in Nahrungsmitteln als Konservierungsmittel und Geschmacksverstärker weit verbreitet, und es ist unbestritten, dass die tägliche Kochsalzzufuhr in Industrieländern weit über dem tatsächlichen Bedarf liegt. Wie der Körper mit vermehrt zugeführtem Kochsalz umgeht und welche langfristigen Gesundheitsfolgen sich daraus ergeben, ist aber umstritten.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt hat für die Weltraumforschung unmittelbar praktische Relevanz. Wenn man die Kochsalzzufuhr problemlos reduzieren kann, müssten die Raumfahrer auch weniger Flüssigkeit aufnehmen. "Das würde die knappe Lagerkapazität in den Raumfahrzeugen erheblich entlasten und zählt doppelt", so Titze.

Über die Raumfahrt hinaus sollen die Experimente aber auch wichtige Fragen zur Rolle der Kochsalzzufuhr für die Blutdruckregulation klären. Vermehrte Kochsalzzufuhr gilt als Risikofaktor für die Entwicklung eines Bluthochdrucks. "Sollten die Blutdruckwerte bei den gesunden Probanden unter reduzierter Kochsalzgabe fallen, wäre das ein starkes Argument, für die Allgemeinbevölkerung eine Reduktion des Kochsalzkonsums zu empfehlen", so Professor Kai-Uwe Eckardt, Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten am Universitätsklinikum Erlangen und Klinikum Nürnberg. "Da Bluthochdruck etwa ein Drittel der Bevölkerung betrifft und wesentlich zu Herz- und Nierenerkrankungen sowie Schlaganfällen beiträgt, hat die Frage enorme präventivmedizinische Relevanz."

Parallel zu den Experimenten am Menschen führen die Wissenschaftler Forschungsprojekte durch, um die molekularen Zusammenhänge zwischen Kochsalzzufuhr und Blutdruckregulation besser zu verstehen.

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