Ärzte Zeitung, 26.09.2011

Rotwein zum Blutdrucksenken?

Rotwein ist gut für Herz und Gefäße. Und wofür noch? Das haben Forscher jetzt am Bluthochdruck untersucht. Ihre Ergebnisse sind deutlich und "ernüchternd".

Rotwein ist kein Blutdrucksenker

Rotwein - Genuss mit kardioprotektiver Wirkung.

© MariusdeGraf / fotolia.com

ORLANDO (ob). Regelmäßiger moderater Konsum von Rotwein steht bekanntlich in dem guten Ruf, das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse zu senken.

Die gefäßprotektive Wirkung des Rebensafts wird vor allem auf die in Rotwein enthaltenen Polyphenole zurückgeführt. Polyphenole wie Tannine oder Flavonoide sind aromatische Verbindungen, die zu den sekundären Pflanzenstoffen gerechnet werden.

Tierexperimentelle Versuche haben ergeben, dass Polyphenole die Funktion des Gefäßendothels verbessern und den Blutdruck senken können.

Rotwein-Polyphenole getrocknet und ohne Alkohol

Ob sich diese Effekte auch beim Menschen reproduzieren lassen, hat eine niederländische Forschergruppe um Dr. Ilse Botden aus Rotterdam jetzt in einer placebokontrollierten Crossover-Studie bei 61 Probanden mit hochnormalen Blutdruckwerten oder leichter Hypertonie (mittlerer Blutdruckwert: 145,0/85,8 mmHg) untersucht.

Die Ergebnisse hat Botden jetzt beim Hypertonie-Kongress 2011 der American Heart Association (AHA) in Orlando vorgestellt.

Aufgeteilt auf drei Gruppen erhielten die Probanden im Wechsel jeweils vier Wochen lang in einem Getränk entweder Placebo oder Rotwein-Polyphenole als alkoholfreien Trockenextrakt in einer Dosierung von 280 mg oder 560 mg pro Tag.

Die Extraktion des Alkohols begründete Botden damit, dass Alkohol selbst eine blutdruckerhöhende Wirkung haben kann.

Keine Wirkung beim Blutdruck

Am Ende jeder Behandlungsperiode wurde der Blutdruck in üblicher Weise in der Praxis sowie per ambulanter 24-Stunden-Aufzeichnung gemessen. Auch Parameter der zentralen Hämodynamik wie Augmentationsindex und Pulswellen-Reflexion wurden erfasst.

Abgesehen von einer leichten und nicht signifikanten Abnahme des 24-Stunden-Blutdrucks unter Einnahme der höher dosierten Polyphenole zeigten diese Rotwein-Inhaltsstoffe keine relevante Wirkung auf den peripheren Blutdruck.

Zudem ergaben sich aus den Messungen von Parameter der zentralen Hämodynamik für keine der beiden Polyphenol-Dosierungen einEffekt auf den zentralen Blutdruck.

Andere positive Effekte nicht ausgeschlossen

Eine Blutdrucksenkungdurch Polyphenole kann nach diesen Ergebnissen als Mechanismus für eine kardioprotektive Wirkung des Rotweins wohl ausgeschlossen werden.

Allerdings halten Botden und ihre Kollegen es für durchaus möglich, dass etwa antioxidative Eigenschaften dieser Inhaltsstoffe Wirkungen im Sinne einer Kardioprotektion haben können.

[27.09.2011, 08:59:57]
Dr. Johannes Scholl 
Rotwein, Weißwein oder Bier? Falsche Vorstellungen über protektive Alkoholwirkungen
Dass "die gefäßprotektive Wirkung des Rebensafts ... vor allem auf die in Rotwein enthaltenen Polyphenole zurückgeführt" werde, wie die Ärztezeitung schreibt, ist ein längst widerlegter Mythos, der fleißig von der Bordeaux-Lobby geschürt wird. Seit Serge Renaud 1991 in der Sendung "60 Minutes" auf CBS die niedrige Herzinfarktrate der Franzosen darauf zurückführte hält sich dieser Irrglaube.

Neuerdings schließen sich die Produzenten von Nahrungsergänzungsmitteln an, die uns und unseren Patienten Kapseln mit Rotweinextrakt oder Resveratrol andrehen wollen. Da graust es dem Weinliebhaber...

Der entscheidende Faktor, der die protektive Wirkung von Wein begründet, ist der Alkohol selbst. Die ursächlichen Zusammenhänge liegen nach einer aktuellen Meta-Analyse v.a. in deralkoholvermittelten Steigerung des HDL-Cholesterins, der Thrombozytenaggregationshemmung, der Adiponectinfreisetzung und dadurch der Steigerung der Insulinsensitivität sowie einer CRP-Senkung (1).

Für die protektive Wirkung eines moderaten Alkoholkonsums sprechen etliche Meta-Analysen prospektiver Kohortenstudien, die die langfristigen Auswirkungen verschiedener Mengen von Alkoholkonsum bei Gesunden, bei KHK-Patienten und bei Diabetikern untersucht haben (1-4). Je nach individuellem Ausgangsrisiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Diabetes dürfte der Nadir, also die optimale Dosis des Alkoholkonsums, bei Männern zwischen 20 und 30 g/Tag liegen und bei Frauen zwischen 10 und 20 g/Tag.

Gleichzeitig ist Alkohol aber auch der Faktor, der seine eigene protektive Wirkung durch negative Effekte eines höheren Konsums wieder aufheben kann: durch einen Blutdruckanstieg ab >20 g/Tag, Leberschäden ab 40-60 g/Tag, dilatative Cariomyopathie ab ca. 100 g/Tag, darüber hinaus Unfälle, Gewalttaten etc. Dies bgründet die U-förmige oder J-förmige Kurve des Zusammenhangs zwischen Alkoholkonsum und Gesamtmortalität.

Für Hypertoniker ist laut ESC-Guidelines übrigens eine Obergrenze von 30 g Alkohol pro Tag beim Mann und von 20 g Alkohol pro Tag bei der Frau zu empfehlen.

Es gibt keinerlei seriöse Evidenz dafür, dass Rotwein besser ist als Weißwein, nicht einmal dass Wein besser ist als Bier. Da prospektive, randomisierte, doppelblide, placebo-kontrollierte Studien zum Vergleich der verschiedenen Getränke grundsätzlich unmöglich sind, werden wir immer das Problem eines systematischen Confoundings durch den Lebensstil der Wein- und Biertrinker haben, was in Querschnitts-Studien sehr deutlich belegt wurde. (6) Es unterscheiden sich u.a. die Enährungsgewohnheiten der Trinker verschiedener Getränke: Biertinker essen weniger Gemüse, Salat, Obst und Fisch. Das verzerrt jeden Vergleich.

Außerdem machen die Trinkgewohnheiten (regelmäßig moderat oder exzessiv am Wochenende) einen großen Unterschied: Dies hat gerade die PRIME-Studie mit dem Vergleich Frankreich vs. Nordirland eindrucksvoll gezeigt (7,8). Bei gleicher Alkoholmenge pro Woche verdoppelte das exzessive "binge-drinking" der Nordiren am Wochenende im Vergleich zum regelmäßigen moderaten Konsum der Franzosen die KHK-Mortalität.

Fazit: Ein regelmäßiger, geringer bis moderater Alkoholkonsum kann Teil eines gesundheitsfördernden Lebensstils sein. Wesentlich bedeutsamer sind aber Nichtrauchen, regelmäßige körperliche Aktivität und eine gesunde Ernährung.

Es wäre schön, wenn diese Botschaft auch einmal in der Ärztezeitung ankäme. Könnte man dies Kurzübersicht nicht einmal in der Print-Ausgabe bringen ? ;-)

Dr. med. Johannes Scholl
1. Vorsitzender der Deutschen Akademie für Präventivmedizin
www.akaprev.de

Interessenkonflikte:
Der Autor ist Weinliebhaber und stammt aus dem Rheingau.

Literaturangaben:

1) Brien SE et al., BMJ 2011;342:d636 doi:10.1136/bmj.d636
2) White et al., BMJ 2002; 325: 191-198
3) Reynolds, K et al., JAMA 2003; 289: 579-588
4) Costanzo S et al., Circulation. 2010;121:1951-1959
5) Koppes LLJ et al., Diabetologia 2006; 49:648-652
6) Tjønneland, A et al., Am J Clin Nutr 1999; 69: 49-54
7) Marques-Vidal, P et al.; Eur J Clin Nutr 2000; 54: 321-328
8) Ruidavets P et al.; BMJ 2010; 341:c6077

 zum Beitrag »
[26.09.2011, 18:26:34]
Ronald Meier 
Rotwein - Blutdrucksenkend?
Diese Studie ist weder Aussagekräftig noch entspricht sie dem Ziel den Zusammenhang von Rotwein und Blutdruck, resp. dessen Auswirkungen auf den Blutkreislauf des Menschen, besser verstehen zu helfen. Und dies schlicht aus dem Grund dass, entgegen des Titel 'Rotwein zum Blutdruck senken?', KEIN echter Rotwein verwendet wurde, sondern eben 'nur' Rotwein-Polyphenole. Dies verfälscht die Studie auf den ersten Blick praktisch gänzlich. Wir wissen ja nun nicht ob die blutdrucksenkende Wirkung in einem Zusammenhang in der Kombination Rotwein-Polyphenole/Alkohol steht. Wir wissen also praktisch so viel wie vor der Studie. Schade!
 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Was schützt wirklich vor der prallen Sonne?

Auch beim Sonnenschutz setzen immer mehr Menschen auf Naturprodukte. Forscher haben die Schutzwirkung von Samen und Ölen untersucht - mit zwiegespaltenem Ergebnis. mehr »

"Abwarten und Teetrinken geht nicht mehr"

Unser London-Korrespondent Arndt Striegler beobachtet die Brexit-Verhandlungen hautnah - und ist verwundert über die May-Regierung, während die Ärzte immer mehr in Panik verfallen. mehr »

Pflege bleibt Problembereich

Der Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen ist 2016 drastisch zurückgegangen. Die erweiterten Kontrolloptionen der Leistungsträger müssen aber erst noch Wirkung zeigen. mehr »