Ärzte Zeitung online, 25.10.2016

Aktuelle Studie

Lärm und schlechte Luft jagen Blutdruck hoch

An Autobahnen und Kreuzungen, in Städten mit viel Verkehrslärm und Fabriken lebt es sich deutlich ungesünder. Die gesundheitlichen Folgen für Menschen werden einer Studie zufolge nach wie vor unterschätzt.

Lärm und schlechte Luft jagen Blutdruck hoch

Verunreinigte Luft und Lärm: Oft unterschätzt, dabei haben beide Faktoren großen Einfluss auf die Gesundheit.

© kristo74 / Fotolia

DÜSSELDORF. Luftverschmutzung und Straßenlärm können sich auf Dauer negativ auf den Blutdruck der Menschen in den betroffenen Regionen auswirken.

Das ist das Ergebnis einer europaweiten Untersuchung, die am Dienstag im "European Heart Journal" veröffentlicht wurde. Dabei wurden mehr als 41 000 Probanden in fünf Ländern bis zu neun Jahre beobachtet.

"Beide Umweltfaktoren sind in separaten Analysen mit dem Auftreten einer Hypertonie assoziiert", sagte die Studienleiterin Barbara Hoffmann vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

"Grenzwerte reichen nicht aus"

Das Risiko bestehe bereits bei Konzentrationen deutlich unterhalb der gültigen EU-Grenzwerte, betonte Hoffmann. "Die Grenzwerte reichen nicht aus. (...) In der Konsequenz kann die aktuelle Gesetzgebung die Bevölkerung nicht ausreichend vor den nachteiligen Folgen der Luftverschmutzung schützen."

Getestet wurden Teilnehmer aus Norwegen, Schweden, Dänemark, Spanien und Deutschland, die zu Beginn der Untersuchung weder über Bluthochdruck klagten noch Medikamente einnahmen.

Bei mehr als 6200 (15 Prozent) hatte sich nach mehrjähriger Beobachtung nach Angaben der Probanden Bluthochdruck entwickelt. In Deutschland wurde das Ruhrgebiet (Mülheim, Essen und Bochum) ebenso untersucht wie die Region Augsburg.

Der Feinstaub wurde bei den Tests in den europäischen Regionen in verschiedenen Größenklassen gemessen: Die kleinsten Teilchen waren bis zu 2,5 Mikrometer (PM2,5) groß, die größeren bis zu 10 Mikrometer.

Ebenso gemessen wurden Rußteilchen und Verkehrsdichte im Umkreis um die Wohnadresse der Probanden. Das Ausmaß des Straßenverkehrslärms wurde den EU-Lärmkartierungen entnommen. Pro fünf Mikrogramm PM2,5-Partikel je Kubikmeter Luft nimmt das Risiko für Bluthochdruck der Studie zufolge um 22 Prozent zu.

Rußkonzentrationen ein Problem

Diese Menge entspreche ungefähr dem Unterschied zwischen dem am stärksten verschmutzten und dem saubersten Viertel einer Stadt. Hoffmann: "Höhere Rußkonzentrationen erhöhen ebenfalls das Erkrankungsrisiko."

In einer weiteren Analyse dieser Studie wurde zum Start bei knapp 11 000 Probanden kein erhöhter Blutdruck gemessen. Rund 3500 von ihnen wiesen bei einer späteren Messung schließlich höhere Bluthochdruckwerte auf.

In dieser kleineren Gruppe von Teilnehmern konnten jedoch keine Zusammenhänge zwischen Luftqualität, Lärm und gemessener Hypertonie beobachtet werden. Hoffmann begründet dies unter anderen damit, dass der strenge Grenzwert von 140 zu 90 mmHg bei einer einmaligen Messung im Studienzentrum bei vielen Probanden aufgrund von Aufregung zu einer falschen Hypertonie-Diagnose geführt haben könnte, was das Ergebnis verzerrt.

Auch andere Studien hatten einen Zusammenhang zwischen Verkehrslärm, Luftverschmutzung und Herzkreislauferkrankungen nachgewiesen. Vor allem nächtlicher Lärm und das Einatmen kleiner Feinstaubpartikel bis 2,5 Mikrometer stehen in Zusammenhang mit Verkalkungen und Verhärtungen an der Hauptschlagader, wie eine Analyse von Medizinern des Westdeutschen Herzzentrums in Essen 2013 zeigte.

Kardiologen sollten Patientenwohnort bei Risikobewertung miteinbeziehen

Kardiologen, die das Risiko für Herz- und Gefäßkrankheiten ihrer Patienten berechnen, sollten neben den hinlänglich bekannten Faktoren wie Rauchen, Übergewicht oder Bluthochdruck auch die Lärm- und Smogbelastungen einbeziehen, sagte der verantwortliche Herzmediziner Hagen Kälsch.

Die derzeitigen Grenzwerte in der EU sind Hoffmann zufolge ein Kompromiss auf Basis alter Studien. "Es ist eben ein gesellschaftlicher Abwägungsprozess, in den man die gesundheitlichen Folgen und die Kosten einbezieht." (dpa)

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