Ärzte Zeitung, 20.06.2017

Neue Metaanalyse

Blutdrucksenkung: Je tiefer, desto besser?

Eine neue Metaanalyse lässt vermuten, dass sich bei Hypertonikern das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und die Gesamtmortalität am stärksten senken lässt, wenn ein Therapiezielwert von systolisch zwischen 120 und 124 mmHg angestrebt wird.

Von Peter Leiner

Blutdrucksenkung: Je tiefer, desto besser?

Niedrigere Blutdruckziele? Ergebnisse einer Metaanalyse bestätigen nun die SPRINT-Studie.

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NEW ORLEANS. Aus mehreren Studien geht hervor, dass bei Erwachsenen mit Hypertonie durch eine Blutdrucksenkung das Risiko für kardiovaskuläre Folgeerkrankungen und vorzeitigen Tod gesenkt wird. Weil der optimale Zielwert noch nicht ermittelt worden ist, haben sich US-Gesundheitsforscher und Epidemiologen der verfügbaren Daten noch einmal angenommen und sie mithilfe einer Netzwerk-Metaanalyse durchforstet. Diese Statistikmethode ermöglicht es, die Ergebnisse aus direkten Vergleichen zwischen zwei Behandlungen und solche aus Vergleichen zwischen anderen Behandlungen effizient zusammenzuführen.

Die Wissenschaftler um Dr. Joshua D. Bundy von der Tulane University School of Public Health in New Orleans verwendeten die Daten von insgesamt 42 Studien mit mehr als 144.000 Teilnehmern (JAMA Cardiol 2017; online 31. Mai 2017). Für ihre Analyse fokussierten sie auf zehn verschiedene Zielwertgruppen für den systolischen Blutdruck – von < 120 bis 160 mmHg und darüber, jeweils in 5-mmHg-Schritten. Schließlich verglichen sie die mmHg-Reduktionen mit dem jeweiligen Risiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung, einen Schlaganfall und eine KHK sowie mit dem Risiko, infolge einer kardiovaskulären Erkrankung zu sterben, und mit dem Gesamtmortalitätsrisiko.

Lineare Beziehung

Im Zentrum ihres Netzwerks positionierten die Wissenschaftler die Kategorie mit dem Zielwert 130–134 mmHg: Denn in den meisten, nämlich 21 Studien, wurden diese Zielwerte mit sieben der anderen zehn Zielwerte für den systolischen Blutdruck verglichen. In 31 Studien ging es um das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, in je 27 Studien für Schlaganfall beziehungsweise KHK, in 41 Studien um das Gesamtmortalitätsrisiko und in 33 Studien um die Sterberate im Zusammenhang mit einer kardiovaskulären Erkrankung. Der erzielte systolische Blutdruck lag zwischen 114 und 171 mmHg.

Die Studien dauerten von einem halben Jahr bis über acht Jahre. Das Follow-up lag durchschnittlich bei 3,7 Jahren. Die Wissenschaftler stellten allgemein eine lineare Beziehung zwischen dem durchschnittlich erreichten Blutdruckwert und dem Risiko für die gewählten Studienparameter fest. Eine bisher diskutierte J-förmige Kurve als Beschreibung des Zusammenhangs zwischen erreichtem systolischem Blutdruck und dem Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen sowie dem Gesamtmortalitätsrisiko konnten Bundy und seine Kollegen nicht erkennen.

Aus der Auswertung der Studien geht hervor, dass Patienten dann das geringste Risiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung und das geringste Risiko zu sterben hatten, wenn durch die antihypertensive Therapie ein systolischer Blutdruckwert zwischen 120 und 124 mmHg angestrebt wurde. Das geringste Risiko für Schlaganfall habe sogar bei einem Zielwert unter 120 mmHg gelegen, so die Wissenschaftler. Allerdings seien die Daten dazu nicht aussagekräftig genug. Das relative Risiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung war unter den intensivsten antihypertensiven Therapie um 29 Prozent geringer (Hazard Ratio, HR: 0,71; 95%-Konfidenzintervall zwischen 0,60 und 0,83), wenn mit einem Zielwert zwischen 130 und 134 mmHg, beziehungsweise um 64 Prozent geringer (HR 0,36 (95%-Konfidenzintervall zwischen 0,26 und 0,51), wenn mit einem Zielwert von 160 mmHg und darüber verglichen wurde.

Der Nutzen einer solchen Behandlung spiegelte sich auch beim Parameter Gesamtmortalität wider. Bei einem Vergleichszielwert von 130–134 mmHg lag die Sterbewahrscheinlichkeit um 27 Prozent (HR: 0,73; 95%-Konfidenzintervall zwischen 0,58 und 0,93), bei einem Vergleichswert von 160 mmHg und darüber sogar um 53 Prozent niedriger (HR: 0,47; 95%-Konfidenzintervall zwischen 0,32 und 0,67). Nach Angaben der Wissenschaftler bestätigen die Ergebnisse der Netzwerk-Metaanalyse diejenigen der SPRINT-Studie (Systolic Blood Pressure Intervention Trial), die im Herbst 2015 wegen der Überlegenheit der aggressiveren Blutdrucksenkung vorzeitig beendet worden war.

Zielwert unter 130 mmHg?

Werde der systolische Blutdruck bei einem Zielwert zwischen 120 und 124 mmHg um 10 mmHg gesenkt, gehe das mit einer Reduktion des Risikos für eine kardiovaskuläre Erkrankung um 29 Prozent einher, bei einer Reduktion um mindestens 40 mmHg sogar mit einer Reduktion um 64 Prozent. In einem Kommentar zur Metaanalyse halten Kardiologen von der Universität in Chicago das Motto "je niedriger, desto besser" im Zusammenhang mit der Blutdrucksenkung bei Hypertonikern für sinnvoll. Vorzuziehen sei ein Zielwert unter systolisch 130 mmHg.

Einschränkend weisen schließlich Bundy und seine Kollegen darauf hin, dass in der Metaanalyse keine Subgruppenanalyse im Zusammenhang mit dem Alter vorgenommen wurde.

64% geringer war in einer Metaanalyse das relative Risiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung, wenn der Blutdruck um mindestens 40 mmHg auf einen Zielwert von 120 bis 125 mmHg systolisch gesenkt wurde.

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