Ärzte Zeitung online, 25.10.2017
 

Aldosteronismus

Reninaktivität bei Klärung von Hypertonie zu wenig beachtet?

Primärer Aldosteronismus und daraus folgendes Risiko für Hypertonie sind offenbar keine Frage pathologisch erhöhter Aldosteronspiegel. Vielmehr steigt die Inzidenz von Bluthochdruck laut Ergebnissen einer Studie bereits im subklinischen Bereich.

Von Robert Bublak

Reninaktivität bei Klärung von Hypertonie zu wenig beachtet?

Blutdruckkontrolle: Lässt sich bei neu aufgetretener Hypertonie mit Antagonisten des Mineralokortikoid-Rezeptors behandeln?

© Robert Kneschke / fotolia.com

BOSTON. Über die Prävalenz des primären Aldosteronismus (PA) ist schon viel gestritten worden, die Schätzungen reichen von 5 bis 20 Prozent. Der Verdacht, dass PA verbreiteter ist als geglaubt, wird durch die Ergebnisse einer Studie genährt, die eine Forschergruppe um Dr. Jenifer Brown vom Brigham and Women's Hospital in Boston vorgelegt hat. Hiernach ist weniger die absolute Aldosteronkonzentration entscheidend als vielmehr die Wirkung oder die Aktivität des Mineralokortikoidrezeptors. Will heißen: PA kann bereits im subklinischen Bereich zur Hypertoniegefahr werden, wenn er autonom gegenüber der Steuerung durch Renin oder Angiotensin II ist (Ann Intern Med 2017, online 10. Oktober).

Zehn Jahre Nachbeobachtung

Die Forscher analysierten die Daten von 850 normotonen, unbehandelten Teilnehmern der "Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis" (MESA) aus den Jahren 2000 bis 2002. Dabei wurden auch das Serumaldosteron und die Reninaktivität im Plasma gemessen.

 Die Probanden wurden nach drei Typen der Reninaktivität sortiert:

» unterdrückt (≤ 0,50 μg/l je Stunde),

» nicht unterdrückt (≥1,00 μg/l je Stunde) oder

» unbestimmt (0,51–0,99 μg/l je Stunde).

In der rund zehnjährigen Nachbeobachtungsphase wurden die Probanden alle zwei bis drei Jahre untersucht. Die Hypertonieinzidenz betrug 85,4/1000 Personenjahre in der Gruppe mit supprimierter Reninaktivität. Zwischen signifikant niedrigeren Inzidenzen in den anderen beiden Gruppen gab es keinen statistisch relevanten Unterschied (54,5/1000 und 53,3/1000). In der Gruppe mit supprimierter Reninaktivität, und nur dort, zeigte sich auch ein Zusammenhang mit der Aldosteronkonzentration. Jede Zunahme der Aldosteronkonzentration im Serum um 100 pmol/l war mit einer Steigerung der Inzidenz von Bluthochdruck von rund 15 Prozent verknüpft.

Renin-unabhängiger Aldosteronismus

Die Aktivität des Mineralokortikoidrezeptors war ebenfalls nur in der reninsupprimierten Gruppe auffällig. Es zeigte sich eine statistisch signifikante Assoziation zwischen höheren Aldosteronkonzentrationen und niedrigeren Kaliumspiegeln im Serum sowie einer höheren Kaliumausscheidung über den Urin.

Für Brown und Mitarbeiter könnte das dreierlei bedeuten.

  1. Eine Renin-unabhängige Aldosteronsekretion ist offenbar nicht nur bei schweren Fällen von PA anzutreffen und kann zusammen mit einer ungünstigen Rezeptoraktivität schon bei normotensiven Personen auftreten.
  2. Ein substanzieller Anteil der Fälle von Bluthochdruck ist womöglich nicht essenziell oder idiopathisch, sondern geht auf einen verbreiteten, vom Mineralokortikoidrezeptor vermittelten pathogenen Mechanismus zurück. Dieser ist einer gezielten Therapie zugänglich.
  3. Sofern dies zutrifft, sollten die Hypertonieleitlinien angepasst und die Therapie von neu aufgetretenem Bluthochdruck an den Phänotypen der Reninaktivität ausgerichtet werden. Das könnte zu einem liberaleren Einsatz von Antagonisten des Mineralokortikoidrezeptors führen.

Einschränkend betonen die Forscher allerdings, es handle sich bei der vorliegenden Untersuchung um eine Beobachtungsstudie. Die Befunde könnten nur als Grundlage für künftige Interventionsstudien dienen, in denen Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten eingesetzt werden.

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