Ärzte Zeitung, 10.09.2004

HINTERGRUND

Hochleistungs-MRT eröffnet neue Möglichkeiten bei der Diagnose von Stenosen in den Herzkranzgefäßen

Von Philipp Grätzel von Grätz

MRT einer atherosklerotischen Plaque in der rechten Herzkranzarterie. Foto: Philips Medical Systems

Wer sich einem Magnetresonanz-Tomographen (MRT) mit einem Schlüsselbund in der Hand nähert, der kann beobachten, wie die Schlüssel bei einem Abstand von etwa zwei Metern, wie von Zauberhand, bewegt unruhig werden und sich wie Kompaßnadeln ausrichten.

Die übliche Feldstärke der meisten MRT-Geräte, die heute klinisch zum Einsatz kommen, beträgt 1,5 Tesla. Bei einem doppelt so starken 3-Tesla-MRT legen ängstliche Naturen außer ihrem Schlüsselbund und ihren Kreditkarten mitunter auch ihren Gürtel ab, bevor sie den Raum mit dem Scanner betreten.

Am Deutschen Herzzentrum in Berlin (DHZB) ist Anfang August der nach Angaben des DHZB europaweit erste 3-Tesla-MRT in Betrieb genommen worden, der speziell für die Bedürfnisse in der kardiologischen Diagnostik entwickelt wurde. Bisher wurden diese Hochleistungsmaschinen vor allem in der Onkologie und der Orthopädie verwendet.

MRT-Untersuchungszeiten werden um 20 Minuten kürzer

Die Berliner Herzpatienten werden das zwei Millionen Euro teure Gerät von Philips Medical Systems zu schätzen wissen: "Übliche MR-Untersuchungen wie die kardiologische Funktionsdiagnostik oder die Darstellung von Herzinfarkten sollten in Zukunft 30 bis 50 Prozent schneller gehen als bisher", schätzt Privatdozent Eike Nagel, MRT-Experte am DHZB. Das sind etwa 20 Minuten weniger für eine durchschnittliche Untersuchung. Für jemanden, der in einer engen, waschmaschinenartigen Trommel liegt, kann das eine halbe Ewigkeit sein.

      Nichtinvasive Herzdiagnostik nähert sich mikroskopischen Dimensionen.
   

Doch wer sich mit Kardio-MR wissenschaftlich beschäftigt, der denkt nicht nur an die Patienten, wenn er den Begriff "3 Tesla" hört. "3 Tesla" ist in der kardiologischen MR-Tomograpie fast zum Synonym geworden für die Darstellung atherosklerotischer Plaques. Der Grund: Mit einem stärkeren Magnetfeld kann auch eine höhere Auflösung der MR-Bilder erreicht werden: "Mit dem neuen Apparat können wir bei der Darstellung von atherosklerotischen Plaques zwei Punkte von einander abgrenzen, die nur 0,3 Millimeter voneinander entfernt sind", erläuterte Nagel im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Mit der hohen Auflösungsqualität des MRT nähern sich die Kardiologen bei der nicht-invasiven Herzdiagnostik mikroskopischen Dimensionen. Professor Eckart Fleck, der Leiter der Klinik für Innere Medizin am DHZB, spricht daher auch von der "MR-Histologie".

Am 3-Tesla-Gerät soll nun auch beim Menschen gelingen, was im Moment nur bei Tieren gut funktioniert, nämlich die Darstellung des Aufbaus atherosklerotischer Veränderungen der Herzkranzgefäße.

Das Ziel ist klar: "Eine instabile Plaque hat meist eine dünne, fibrotische Kappe über dem geschädigten Endo-thel", so Fleck zur "Ärzte Zeitung".

Wenn es gelänge, mit einer nicht-invasiven Diagnosetechnik eine solche instabile Plaque zu erkennen, beziehungsweise einer Plaque sogar beim Wachsen zuzusehen, dann würde das ganz neue Möglichkeiten für eine präventive Therapie eröffnen, ist sich der Kardiologe sicher.

Fleck: "Eine solche hypothetische Behandlung mit neuen, bisher nicht erhältlichen Pharmaka könnte unter Umständen sehr teuer werden. Sie wäre aber zu rechtfertigen, weil wir durch die MR-Untersuchung nur jene Patienten auswählen, die hochgefährdet sind. Wir wollen also nicht Arzneimittel ins Trinkwasser kippen, sondern gezielt vorgehen".

Genauer Bescheid wissen, was am Herzen los ist, das ist es in erster Linie, was Fleck sich von dem Hochleistungs-MRT verspricht. Noch viel zu viele Kardiologen redeten die nicht-invasive Diagnostik klein, weil im Zweifel ja ohnehin ein Herzkatheter gemacht werde. "Das ist aber eine eher zynische Herangehensweise", so Fleck.

Indikation für Herzkatheter könnte bald präziser werden

Weil es die neuen MRT-Geräte künftig erlauben, sich eine Stenose in einem einzigen Untersuchungsgang sowohl von der makroskopisch-angiographischen als auch von der histologischen Seite zu betrachten, könnte die Indikation für eine Herzkatheteruntersuchung bald viel präziser gestellt werden, als das heute möglich ist. Bis es so weit ist, muß freilich noch etwas Arbeit geleistet werden.

Nagel geht davon aus, daß mit dem 3-Tesla-Gerät künftig nicht nur die Abgänge der Koronargefäße von der Aorta, sondern auch die Gefäße selbst zumindest bis in die mittleren Gefäßabschnitte hinab sicher zu beurteilen sind. "Damit ließen sich die typischen Ausschlußkoronarangiographien weitgehend ersetzen", äußerten sich Nagel und Fleck unisono. Auch die Plaquedarstellung steckt noch in den Kinderschuhen: Was an den Halsgefäßen mittlerweile gut gelingt, ist an den pulsierenden Herzkranzgefäßen noch immer eine Herausforderung.

Hohe Erwartungen an künftige Möglichkeiten mit Kardio-MRT

Längerfristig sieht Fleck die Entwicklung der MR-Technik in der Kardiologie sogar noch über die MR-Histologie und -Angiographie hinaus gehen: "Bereits heute können MR-Kontrastmittel an spezifische Antikörper gekoppelt werden. Diese binden in den arteriosklerotischen Plaques an Oberflächenstrukturen, die für bestimmte Phasen der Entzündungsreaktion charakteristisch sind", berichtete Fleck, der auf diesem Gebiet in nächster Zeit spannende Forschungsergebnisse erwartet. Die Zeiten, in denen Kardiologen frühe Stenosen bei Patienten ohne Myokardinfarkt nur rein anatomisch beurteilten, scheinen dem Ende zuzugehen.

FAZIT

Neue Hochleistungsgeräte können die Untersuchungszeiten in der kardiologischen Magnetresonanztomographie stark verkürzen. Sie erlauben aber auch eine bessere Auflösung, mit deren Hilfe nun die histologische Zusammensetzung von arteriosklerotischen Plaques nicht-invasiv dargestellt werden soll. Das öffnet die Tür zu einem gezielteren Einsatz von Herzkathetern und möglicherweise zu einer Prävention von Plaquerupturen.

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