Ärzte Zeitung, 04.09.2007

HINTERGRUND

"Die Ärzte machen bei KHK-Kranken ihre Arbeit gut", woran es hapert - das ist oft das Verhalten der Kranken

Von Hagen Rudolph

Mehr Medikamente, einige Erfolge und viele große Enttäuschungen - mit diesem Fazit sind beim Kongress der European Society of Cardiology in Wien am Sonntag die Ergebnisse der bisher drei EuroAspire-Umfragen zusammengefasst worden. EuroAspire ist ein seit zwölf Jahren laufendes Programm, mit dem die "klinische Wirklichkeit der Koronarprävention in Europa" erfasst werden soll.

Beim Belastungs-EKG zeigt sich, wie es um das Herz steht. Ärzte können Arzneien verordnen, ihren Lebensstil müssen KHK-Patienten selbst ändern, wollen sie die Risiken weiter senken. Foto: Klaro

Zu diesem Zweck wurden seit 1995 in drei Umfragen insgesamt mehr als 8500 Personen in acht europäischen Ländern - Tschechien, Finnland, Frankreich, Deutschland, Niederlande, Italien, Slowenien, Ungarn - interviewt. Alle Befragten hatten eine KHK. Sie hatten entweder einen Bypass bekommen, eine PTCA hinter sich, oder einen Herzinfarkt oder Symptome einer Ischämie. Die letzte Umfrage, an der fast 2400 Patienten teilgenommen haben, ist erst in diesem Jahr beendet worden.

Mit Antihypertensiva sind Patienten jetzt besser versorgt

Als Erfolg für Ärzte und Patienten hat Professor David Wood aus London bei der Präsentation der neuen Ergebnisse in Wien gewertet, dass heute mehr Patienten die für sie nötigen Medikamente bekommen als bei der ersten Studie aus den Jahren 1995 und 1996. Die Zahlen für Deutschland: Damals erhielten nur 43,6 Prozent der Patienten Betablocker, heute sind es 85 Prozent. Eine Steigerung auch bei ACE-Hemmern/AT-II-Blockern: von 31,4 auf 72,8 Prozent. Und bei den Statinen sogar eine noch größere Steigerung, von 31,1 auf 85,4 Prozent.

Mit der größeren Verschreibungsrate von Statinen erklärt Wood denn auch einen weiteren, für ihn "dramatischen" Erfolg: die bessere Einstellung der Cholesterinspiegel. Wieder die Zahlen für Deutschland: 1995/96 hatten noch 94,3 Prozent der KHK-Patienten in der Umfrage beim Gesamtcholesterin Werte über dem Leitlinien-Ziel. Heute sind es nur noch 49,4 Prozent. Ein ähnliches Bild beim LDL: Der Anteil der Patienten mit zu hohen Spiegeln betrug vor mehr als zehn Jahren 96,8 Prozent, heute sind es nur noch 54,2 Prozent.

In diesem Erfolg beim Cholesterin stecken aber auch schon einige Enttäuschungen. Denn besser geworden heißt noch nicht wirklich gut geworden. Noch immer erreicht ja auch nach den EuroAspire-Daten jeder zweite KHK-Patient die Zielwerte nicht.

Hinzukommt, dass für die Bewertung der Daten von heute die europäischen Leitlinien-Ziele aus dem Jahr 2003 zugrundegelegt worden sind. Beim LDL-Cholesterin lag das Ziel, wie David Wood in Wien vorrechnete, bei "weniger als 96 mg/dl". In den gerade aktualisierten Leitlinien ist das Ziel aber tiefer gelegt worden. David Wood: "Weniger als 77 mg/dl, wenn das vertragen wird, das wird eine noch größere Herausforderung."

Uneingeschränkt ist die Enttäuschung bei den Erkenntnissen zum Bluthochdruck. Obwohl die Patienten viel besser mit Hochdruck-Medikamenten versorgt werden, hat es seit 1995 keine Verbesserung der durchschnittlichen Blutdruck-Werte gegeben. Die Zahlen für alle acht Länder: Nur 41 Prozent der Patienten erreichten in der ersten Umfrage die Zielwerte von 140/90 mmHg (130/80 bei Diabetikern). In der neuen Umfrage sind es zwei Prozentpunkte weniger: 39 Prozent.

Bei den Diabetikern sieht es noch schlechter aus. Die Prävalenz ist heute fast doppelt so hoch wie vor etwa zehn, zwölf Jahren. Damals lag sie in Deutschland nach den EuroAspire-Daten bei 13,5 Prozent, heute bei 22,6 Prozent.

Worauf ist diese alarmierende Entwicklung zurückzuführen? Darauf, dass die Patienten trotz Krankheit partout ihren Lebensstil nicht ändern wollen und sogar die Risiken noch erhöhen, sagte David Wood. Raucher haben unbeeindruckt von allen Warnungen weitergeraucht, und der Anteil der Dicken und der sehr Dicken ist noch größer geworden. Von den deutschen Teilnehmern der ersten Studie haben 16,3 Prozent der Patienten geraucht, heute sind es 18,4 Prozent. Und was die Dicken betrifft: Übergewichtig mit einem BMI von 25 und höher waren in der ersten Studie bereits 82,4 Prozent der deutschen Patienten. Richtig dick (BMI ab 30) waren damals allerdings nur 23 Prozent. In der neuen Studie liegt der Anteil der Übergewichtigen mit 85,3 Prozent noch um drei Punkte höher. Viel schlimmer aber: Der Anteil der richtig Dicken ist heute fast doppelt so groß wie vor zehn, zwölf Jahren. Er liegt bei 43,1 Prozent.

Medikamentöse Therapie ist aber nicht alles

Dafür, was zu tun ist, um die Lage entscheidend zu bessern, liefern die Kardiologen noch kein Rezept. Müssen sie vielleicht auch nicht. Die Änderung von Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen gehört nicht unbedingt zu ihrem Fachgebiet. "Die Ärzte machen ihre Arbeit gut", sagte Professor Philip Poole-Wilson aus London, der die neuen Daten einzuordnen versuchte, mit Blick auf die Erfolge bei der besseren Versorgung mit Medikamenten und auf das bessere Lipid-Management. Ansonsten aber lag ein Hauch von Resignation in der Luft. "Die Bevölkerung entscheidet sich einfach dazu, eher Tabletten zu nehmen, als den Lebensstil zu ändern", so Poole-Wilson.

STICHWORT

Zielwerte für Blutdruck und Blutfette

Der Blutdruck sollte unter 140 / 90 mm Hg liegen. Zielwerte von 130 / 80 mmHg gelten für Diabetiker und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko (vorhandene Endorganschäden, Erkrankungen der Niere, der Hirngefäße, bei kardiovaskulären Läsionen).

Der LDL-Wert sollte nicht über 160 mg/dl liegen. Bei Patienten mit moderatem Risiko im PROCAM-Score sollte das LDL unter 130 mg/dl liegen. Bei hohem Risiko wird ein LDL-Zielwert von 100 mg/dl angestrebt. In US-Leitlinien sogar unter 70 mg/dl. (eb)

Lesen Sie dazu auch:
Bei Therapie von KHK-Patienten sind Ärzte auf dem richtigen Weg

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